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        <title type="volume" n="vol-39">Predigten 1919</title>
        <title type="content">Johannes 14,1</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Johannes 14,1, 5. Januar 1919</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/39004 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1919, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2003, S. 19.</title>
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      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1919</title>
          <title type="text">Johannes 14,1</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Schmidt, Hermann</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2003</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Joh 14,1, 5. Januar 1919. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/2124">KBA 1432.1</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1919-01-05">5. Januar 1919</date>
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          <head>

            <idno>450 A</idno><note xml:id="n01">Zum <date when="1919-01-05">5.1.1919</date> finden
              sich 2 Predigtmanuskripte, die beide die Nr.450 tragen, in dieser Ausgabe 450 A und 450 B. Wahrscheinlich ist, daß <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> sein erstes Mskr. verwarf und ein <ref corresp="A">zweites</ref> anfertigte. Dafür spricht, daß 450 A keinerlei Unterstreichungen enthält, während 450 B reichlich mit Blaustiftstrichen versehen ist.</note>

          </head>
          <dateline><placeName ref="kbga-places-54"><hi rend="italic">Safenwil</hi></placeName> und <placeName ref="kbga-places-382"><hi rend="italic">Ürkheim</hi></placeName><note xml:id="n02">Vgl. oben <ref target="../volume/39/p003#fn_n01" type="pub">S. 3, Anm.1</ref>.</note>, Sonntag, den <date when="1919-01-05">5. Januar 1919</date>
          </dateline>

          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.14.1">Johannes 14,1</ref>
              <quote><hi rend="italic" resp="kb">[Jesus sprach zu seinen Jüngern: Euer Herz
                  erschrecke nicht! Glaubet an Gott und glaubet an mich!]</hi>
                </quote>
            </cit>
          </epigraph>

        </div>
        <div type="main">

          <p><pb ed="pga" xml:id="p013" rend="noPipe"/>
            <hi rend="italic">1.</hi> Es ist ein volles, rückhaltloses Anbieten in diesen Worten. Gar
            nichts stellt Jesus zwischen sich und die Erschrockenen hinein, keine Schranke, keine
            Bedingung, keine Frage. Wie ein Bergstrom, der alle Hindernisse überwindet, alles
            mitreißt, kommt dieses Anbieten des Heilands zu ihnen und zu uns: da, nehmt, ergreifet,
            habet! Die Liebe treibt die Furcht aus! Furcht ist nicht in der Liebe! [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh 4.17 1.Joh.4.18">1.Joh. 4,17f.</ref>].</p>
          <p>Er hat sie nicht einmal gefragt, ob sie denn auch erschrocken seien in dem Sinn, wie
            ein Christ erschrocken sein muß: erschrocken über die Größe der menschlichen Sünde,
            erschrocken über das Heer der Übel, das die Welt heimsucht, erschrocken über die Macht
            des Teufels und des Todes, erschrocken über sich selbst. Die Furcht, in der er sie
            offenbar gesehen hat, konnte doch gerade so gut bloß eine kleine menschliche,
            persönliche Furcht sein, so daß es sich gar nicht lohnte, ihr mit so gewaltigem Trost zu
            begegnen. Sicher war’s zum großen Teil solch eine kleine menschliche Furcht, wie die
            Furcht, die wir haben in unseren Gedanken über Gesundheit, Auskommen, Familie, Politik.
            Aber Jesus hat nicht danach gefragt. Er hat das Kleine in ihnen gesehen, aber er hat
            sozusagen darüber hinweggesehen. Er hat ohne weiteres angenommen, daß hinter dem kleinen
            dummen das große göttliche Erschrecken in ihnen sei. Er hat sie ganz ernst genommen und
            ihnen zugetraut, daß sie mit ihm erschrocken seien über die vielen Schwierigkeiten, die
            Gott jetzt bereitet werden auf der Erde, über all die Fesseln und Bande, mit denen die
            Menschen jetzt sich und Andere plagen, so daß es zu keiner Freiheit Gottes kommen kann,
            über die finstere Not, daß auch die besten Menschen in ihren besten Stunden <pb ed="pga" xml:id="p014"/> oft so merkwürdig an der einfachen Wahrheit vorbeilaufen, über die
            Tatsache, daß der Weg derer, die auf Gott hören wollen, hier auf Erden vorläufig
            notwendig ein Leidens- und Kreuzesweg sein muß. Er hat sie in diese seine eigenen
            tiefsten Sorgen ohne Umstände hineingenommen, hineingeglaubt, möchte ich sagen. Er hat
            sie also schon, was das menschliche oder göttliche Erschrecken betraf, nicht auf dem
            Boden stehen lassen, wo sie gewiß standen, sondern sofort auf seinen Boden genommen, um
            ihnen von da aus zu zeigen, was eben von da aus zu sehen war.</p>
          <p>Und auch damit hat er nicht viel Umstände gemacht, zu untersuchen, ob sie denn glauben
            könnten, ob sie würdig und bekehrt genug seien, ob sie Einsicht genug hätten, um zu glauben. Er sagt einfach: glaubt! glaubt
            an Gott und glaubt an mich! Das ist doch nichts so Einfaches, wenn wir daran denken, wie
            es mit dem Glauben der Jünger Jesu oder gar mit unserem Glauben steht. Halt!, möchten
            wir antworten, ich weiß ja noch gar nicht, ob ich im Stande bin zu glauben, ich bin ja
            noch gar nicht mit mir im Reinen, wie ich zu Gott stehe, ich kenne ja Christus noch viel
            zu wenig. Und wenn ich’s schon wüßte - wie viele Andere sind da, die es sicher nicht
            wissen, bei denen es noch viel Erziehung, Erklärung und Überwindung braucht, bis man sie
            nur so auffordern kann: Glaubt! Kann man zu einem Lahmen sagen: Geh! oder zu einem
            Blinden: Sieh!? Hat Jesus das nicht auch gewußt? Sicher hat er’s gewußt, aber das ist
            nun einmal gerade seine Art: diese gerade Linie, auf der er mitten durch solche
            Schwierigkeiten und Einwände hindurchgeht. Er hat in der Tat zu den Lahmen gesagt: Geht!
            und zu den Blinden: Sehet! und zu den Ungläubigen, Halbgläubigen und Schwachgläubigen:
            Glaubt! Er hat die Menschen nicht zum Glauben erzogen, sondern er hat gleich damit
            angefangen, mit ihnen zu glauben. Er hat sie nicht mit Gott bekannt gemacht als mit
            einem hohen, fremden Herrn, sondern er hat sie sofort in das heimelige göttliche
            Familienleben hineingeführt. Er hat sie nicht zuerst feierlich begrüßt und bedauert, wie
            sie da unten saßen in dem tiefen, schwarzen Loch der Gottesferne, um dann mit ihnen
            darüber zu verhandeln, wie sie sich daraus befreien könnten, sondern er hat ihnen gleich
            die Hand gegeben und sie, ohne mit ihnen zu disputieren, herausgezogen.</p>
          <p>Seht, das ist die rückhaltlose, unbedingte, unmittelbare Art des Heilands. Warum reden
            wir nicht auch so miteinander? Kommen uns <pb ed="pga" xml:id="p015"/> so entgegen?
            Suchen uns so mit dem Lichte Gottes zu beleuchten und zu verstehen? Trösten und helfen
            uns gegenseitig auf diese Weise? Man kann schon sagen: wir könnten das nicht, wenn wir
            schon wollten! Es ist doch gleichzeitig auch das Gegenteil wahr und noch wahrer: doch
            wir könnten, wenn wir wirklich wollten. Wann werden wir wirklich wollen, daß der
            Bergstrom der Liebe, der die Furcht austreibt, auch von uns ausgehen kann?</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">2.</hi> Aber zunächst, nicht wahr, haben wir das
            Bedürfnis, er möchte vor Allem auch zu uns kommen. Zunächst stehen wir alle selber bei
            den Erschrockenen, die nach Trost und Hilfe begehren. - Es ist gut, wenn wir dort
            stehen. Wir wären sehr zu bedauern, wenn wir eine so dicke Haut hätten, daß wir von
            diesem Erschrecken nichts wüßten. Wenn wir dieses Wort Jesu hören würden etwa mit dem Gedanken: O, so gefährlich ist’s bei mir
            oder bei uns nicht, daß ich so großen Trost bräuchte. Der Mensch kann ja viel aushalten,
            er findet leicht immer wieder einen Ausweg, auch die schwersten Wunden heilen mit der
            Zeit. Ich seufze manchmal, aber ich kann dann auch wieder lachen. Ich habe manchmal
            Kummer, aber dann beruhige ich mich wieder. Ich rege mich auf, aber bald wieder ab. Ich
            tröste mich und helfe mir selber. Es wäre traurig, wenn wir so reden und das Erschrecken
            von uns abschütteln könnten. Denn das wäre das Zeichen dafür, daß wir nur von jener
            kleinen menschlichen Furcht in persönlichen Angelegenheiten etwas wissen. Mit denen kann
            man allerdings im Ganzen so fertig werden. Aber das ist eine gottlose, geistlose,
            hoffnungslose Lage, wenn wir nur von dieser kleinen Furcht etwas wüßten, die man auf
            diese Weise los wird. Solche Lage ist die Hölle. Darum ist’s gut, wenn wir bei den
            Erschrockenen stehen, denen nach Trost bange ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.38.17">Jes. 38,17</ref>], und nicht bei den Unerschrockenen, die keinen Trost
            nötig haben.</p>
          <p>Es ist jedenfalls etwas in uns, das von der großen Sorge, die den Heiland bewegte,
            mitbewegt ist. Wir können die Erschütterung wenigstens ein wenig begreifen, die sich
            seinen Jüngern mitteilte, als sie ihn den Weg antreten sahen, der mit dem Kreuze
            endigte. Wir spüren: es gibt eine Sorge, eine Erschütterung, die kann man nicht nur so
            loswerden. Die erschreckt uns; und wir <hi rend="italic">sind</hi> erschrocken darüber. Es
            ist ein zu großer Gegensatz zwischen dem Lauf der Welt und dem <pb ed="pga" xml:id="p016"/> Reich Gottes; zwischen dem, wie Gott es meint mit uns und wie wir es
            ja im Grunde auch meinen, und dem, was bei uns immer wieder herauskommt, zwischen der
            Welt, die wir sehnsüchtig im Herzen tragen, und der anderen Welt, wie sie in
            «Wirklichkeit» immer noch ist, zwischen dem Vollkommenen, das immer erscheinen möchte
            und auch könnte, wenn nicht so jammervoll viel Halbheit auf der Erde wäre, die es am
            Erscheinen verhindert, zwischen dem Reich des Lebens, an das wir so gerne glauben
            würden, und dem Reich des Todes, in dem wir uns gefangen sehen. Das ist die große Not,
            an die wir täglich anstoßen. Wir können sie gelegentlich vergessen. Aber es braucht nur
            wenig, eine geringfügige Enttäuschung, ein unfreundliches Wort, eine Erscheinung von
            Feigheit und Bosheit, einen Todesfall, so wird es uns wieder bewußt, so sind wir wieder
            erschrocken darüber, daß unser Lebensweg wirklich durch diesen finsteren Gegensatz
            hindurchgehen soll. Erschrocken, weil wir sehen, daß gegen diese Not nichts zu machen
            ist; denn was kann man machen gegen einen Feind, der einfach immer wieder da ist, so oft
            wir ihn versöhnt [?] oder geschlagen zu
            haben meinen? Erschrocken, weil wir nicht vor ihm zurückweichen können, denn in welche
            Einsamkeit könnten wir uns flüchten, ohne daß diese Not der Welt uns folgen würde; alle,
            die es versuchten, haben es erfahren. Erschrocken, weil wir das Gefühl haben: ich werde
            nicht stark genug sein für diesen immer größer werdenden Gegensatz, er wird mich
            zerbrechen und zerreiben. Er wird überhaupt schließlich Alles in Finsternis hüllen und
            verschlingen. Und nun können wir weder vorwärts noch rückwärts, weder weichen noch
            angreifen. Möchten an Gott glauben und können nicht. Möchten vielleicht Gott lästern und
            können noch weniger. O böse Lage! Arme, erschrockene Menschen! Und das soll nun besser
            sein als die Lage des Anderen, der mit seinen kleinen Nöten spielend fertig wird? Jenes
            soll die Hölle und dies der Himmel sein?</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">3.</hi> Ja, liebe Freunde, dies ist der Himmel und jenes
            ist die Hölle, und wir wollen es uns nicht irren lassen<note xml:id="n03">= uns nicht
              beirren lassen.</note>, uns zu diesen Erschrockenen zu stellen, und wenn wir es noch
            nicht jung getan haben<note xml:id="n04">= noch nicht getan haben, als wir jung
              waren.</note>, so wollen wir <pb ed="pga" xml:id="p017"/> uns durch den gegenwärtigen
            Stand der Dinge in der Welt mit seinen sehr unerfreulichen Zukunftsaussichten dahin
            treiben lassen. Denn wenn wir da stehen [?], dann können wir es uns jetzt sagen lassen:
            Euer Herz erschrecke nicht! </p>
          <p>Seht, das ist eben mehr als der faule Trost: Sei nur mutig, es kommt schon gut! Darum
            heißt es gleich weiter: Glaubet an Gott und glaubet an mich! Die Meinung ist nicht etwa
            die: es werde mit dem Bösen, das sich jetzt auf dem Wege Gottes und auf unserem Wege
            auftürmt, so gefährlich nicht sein. Die Meinung ist nicht, daß die Not uns klein,
            sondern daß Gott uns groß werden solle. Das ist sehr zweierlei. Jesus hat seinen Jüngern
            die Größe des Gegensatzes und die Unbegreiflichkeit des Kreuzesweges, den er antrat, um
            kein Haar kleiner gemacht. Im Gegenteil: Er hat ihnen mit diesem Wort die Augen öffnen
            wollen: es kommen ganz dunkle Stunden. Es ist ein sehr schlechter Dienst, den man sich
            und Anderen leistet, wenn man in ruhigen Zeiten und vielleicht, wenn die größte Gefahr
            schon vor der Türe steht, dergleichen tut<note xml:id="n05">= so tut, als ob es
            …</note>, es werde ja so schlimm nicht kommen. Solches falsche Trösten und Ermutigen
            haben im alten Volk Israel die falschen Propheten geübt [vgl. z. B. <ref type="can" subtype="bible" target="Jer.6.13 Jer.6.14">Jer. 6,13f.</ref>]. Wir wollen uns nicht in diese
            Gesellschaft begeben. Der rechte Trost und die rechte Hilfe fangen immer damit an, daß
            man aufmerksam wird auf das, was ist und kommt, daß man die Not aufrichtig ins Auge
            faßt, daß man entschlossen ist, sich nicht immer wieder von ihren Ausbrüchen überrumpeln
            zu lassen. Das ist unser Jammer, daß wir meinen, es sei Alles gut, und dann um so
            schmerzlicher gewahr werden von Zeit zu
            Zeit, daß durchaus nicht Alles gut ist.</p>
          <p>Es ist sehr viel gewonnen, wenn man weiß, was ist und was kommt. Es ist notwendig, daß
            es unter den vielen Besinnungslosen Menschen gibt, die gefaßt sind auf die bösen
            Entwicklungen, die bevorstehen können, die damit rechnen, daß die Dinge nicht besser,
            sondern schlimmer werden können, die unter allen Umständen mit offenen Augen bereit sein
            wollen. In Bereitschaft sein ist Alles<note xml:id="n06"><bibl corresp="kbga-bibls-1541"><persName ref="kbga-actors-382">W. Shakespeare</persName>, <hi rend="italic">Hamlet</hi>, V,2</bibl>: «<foreign xml:lang="eng">The readiness is all</foreign>!» in der Übersetzung von A. W. von
              Schlegel.</note>, kann man in einem Sinn sagen. Denn wo eine wirkliche Bereitschaft
            ist, da ist allem <pb ed="pga" xml:id="p018"/> kommenden Bösen schon ein wenig die
            Spitze abgebrochen. Wenn wir die Notwendigkeit des Kampfes zwischen Gott und den
            teuflischen Mächten, zwischen Leben und Tod begreifen würden, würden wir nicht so starr
            dastehen, wenn nur ein kleiner Teil dieses Kampfes auch uns zufällt. Wenn wir uns ganz
            ruhig sagen würden, daß unser Lebensweg tatsächlich durch jenen Gegensatz hindurchführt,
            wir würden aus dem Erschrecken herauskommen. Wenn wir uns darauf gefaßt hielten, die Not
            des Lebens, die ja eben eine Not der Welt ist, an unserem Teil auf uns zu nehmen, immer
            wieder ein Stück, wir würden nicht mehr fürchten, darunter zusammenzuklappen, wir hätten
            gar nicht mehr Zeit, so viel an unser Zusammenklappen zu denken. Denn es bedeutet eine
            ernste Arbeit, sich dazu bereit zu machen.</p>
          <p>Wir müssen also allerdings aus dem Erschrecken heraus, so notwendig es ist, daß wir uns
            zunächst einmal zu den Erschrockenen stellen. Es handelt sich wahrlich nicht darum,
            schwermütig dort stehen zu bleiben. Die Stimmen, die uns traurig und verzagt machen
            wollen, sind ebenso teuflische Stimmen wie die anderen, die uns einladen wollen,
            leichtsinnig davonzulaufen. Man nennt jene Pessimisten, diese Optimisten. Wir können als
            Christen weder das Eine noch das Andere sein. Sehen wir dem Bösen ruhig ins Gesicht, so
            tun wir’s, weil wir eben nicht an das Böse, sondern an das Gute glauben. Machen wir uns
            bereit zum Kampf mit schweren, dunklen Ereignissen und Verhältnissen, so tun wir’s, weil
            wir einen Sieg erwarten. Sind wir gefaßt auf das Schlimme, so sind wir’s, weil wir eine
            Hoffnung haben, die uns Fassung gibt. Die Optimisten kleben an ihrer eigenen Klugheit
            und Kraft, mit der sie durchzukommen hoffen, die Pessimisten kleben an ihrer eigenen
            Kleinmütigkeit und Angst, die sie für unvermeidlich halten. Als Christen dürfen wir
            überhaupt nicht kleben. Wir müssen von uns selbst gelöste Menschen sein. Das ist unser
            Trost und unsere Hilfe, daß wir uns lösen lassen. Wir kommen dann <hi rend="italic">über</hi>
            die Dinge. Unser Herz erschrickt dann wirklich nicht mehr.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">4.</hi> Aber das alles sollte man freilich ganz anders
            sagen. Wir spüren’s ja schon: Wir
            sollten, wir müßten, wir dürften nicht … Damit ist uns wenig geholfen. Es fehlt da immer
            noch etwas Entscheidendes. Wann und wo wird das alles wahr, daß wir ins Erschrecken
            hinein und dann auch wieder auf die rechte Weise herauskommen? Jesus hat’s ausge<pb ed="pga" xml:id="p019" break="no"/>sprochen mit den Worten: Glaubet an Gott und
            glaubet an mich! Das ist die Angel, die Alles hält. Es ist freilich damit nicht getan,
            daß wir das nachsagen. Vergeßt, daß ich es sage. Hört es von Jesus selbst. Könnten wir
            es ihm abschlagen? Uns auf die Seite des Judas stellen, der am Erschrecken zu Grunde
            ging [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.27.5">Mt. 27,5</ref>]? Diese Worte sind
            mehr als eine Aufforderung. Sie reißen mit. Sie ziehen an uns. Sie stellen uns auf einen
            anderen Boden. Es ist etwas ganz Persönliches darin. Ein Ereignis zwischen Gott und uns.
            Darum hat Jesus es so persönlich ausgedrückt. Er durfte und mußte es. Mit dem
            allgemeinen Wort «Gott» ist’s nicht getan. Es braucht gerade diese ganze Wendung zu
            Gott, die in Jesus geschehen. Da ist <persName ref="kbga-actors-10433">Immanuel</persName> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.1.23">Mt. 1,23</ref>]. Hören wir ihn, dann wird unser Herz fest - welches
            geschieht durch Gnade. <hi rend="italic">Kein</hi> köstlicheres<note xml:id="n07"><persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName>
              Abkürzung «köstl.» ist sinngemäß so: komparativisch aufzulösen.</note> Ding! [vgl.
              <ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.13.9">Hebr.13,9</ref>].<note xml:id="n08">Keine
              Liedangaben.</note>

          </p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
