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      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-39">Predigten 1919</title>
        <title type="content">Psalm 23 (Neujahr)</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Psalm 23 (Neujahr), 1. Januar 1919</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/39003 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1919, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2003, S. 12.</title>
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      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
        </availability>
        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/39003</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1919</title>
          <title type="text">Psalm 23 (Neujahr)</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Schmidt, Hermann</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2003</date>
          <biblScope unit="page">12</biblScope>
          <!--position within a volume-->
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt:  (Neujahr), 1. Januar 1919. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1888">KBA 1431</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1919-01-01">1. Januar 1919</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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          <term>sermon</term>
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            <idno>449</idno>
          </head>
          <dateline>
            <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName> und <hi rend="italic"><placeName ref="kbga-places-382">Ürkheim</placeName></hi><note xml:id="n01">An Neujahr wie auch an den beiden
              folgenden Sonntagen predigte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> auch im Nachbarort <placeName ref="kbga-places-382">Ürkheim</placeName> in Vertretung des
              Ortspfarrers <persName ref="kbga-actors-763">Paul Schild</persName>.</note>, <date when="1919-01-01">1. Januar 1919</date>
          </dateline>
          <head type="event">Neujahr</head>
          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.23">Psalm 23</ref>
              <quote>[Der Herr ist mein Hirte; mir wird nchts mangeln. Er weidet mich auf einer
                grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele; er führet
                mich auf rechter Straße um seines Namens willen. Und ob ich schon wanderte im
                finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab
                trösten mich. Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du
                salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein. Gutes und Barmherzigkeit
                werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn
                immerdar.]</quote>
            </cit>
          </epigraph>

        </div>
        <div type="main">

          <p><hi rend="italic">1. Die Zeiten</hi>, wo wir mit harmlos vergnügten und zufriedenen Grüßen
            und gegenseitigen Glückwünschen die Schwelle des neuen Jahres überschreiten konnten,
            liegen weit hinter uns. Die Welt hat ein ernstes Gesicht bekommen. Aufmerksame Menschen
              <hi rend="sans-serif">merken</hi> das. Menschen, die nicht nur für sich selbst
            und in ihrem kleinen Kreise leben, sondern mitleidend tragen die Beschwerden der ganzen
              Zeitgenossenschaft<note xml:id="n02">Aus der <bibl type="song" corresp="kbga-songs-328">5. Strophe des Liedes «Zerstreut und
              mannigfach geschieden» von <persName ref="kbga-actors-736">S. Preiswerk</persName> (<bibl corresp="kbga-bibls-3559"><hi rend="italic">Evangelischer Liederkranz aus
                älterer und neuerer Zeit</hi>, Basel 1844, Nr.124, S. 155f.</bibl></bibl>): <q rend="block">
                <lg>
                  <l>Laß uns ein Salz der Erde werden,</l>
                  <l>Und als der Menschheit erste Kraft</l>
                  <l>Mitleidend tragen die Beschwerden</l>
                  <l>Der ganzen Zeitgenossenschaft.</l>
                </lg></q></note>, solche Menschen gehen heute mit einem Herzen <hi rend="sans-serif">voll Sorge</hi> ins neue Jahr hinein. Mit größerer Sorge als
            während der vergangenen Kriegszeit. Der Krieg ist vorüber, und dabei könnten wir uns
            vielleicht einen Augenblick beruhigen.<note xml:id="n03">Im <ref corresp="A">Mskr.</ref> steht hier wie an
              den entsprechenden Stellen im folgenden ein dicker, senkrechter, nachträglich zur
              Markierung eines Abschnitts eingetragener Blaustift-Strich.</note>  –</p>
          <p>Aber die <hi rend="italic">Abrechnung</hi> über den Krieg, über die Schuld, die ihn
            verursacht, über das Böse, das er nun [?] erzeugt hat, über das, was wir in dieser
            Kriegszeit gelernt oder noch nicht gelernt haben, diese Ab <pb ed="pga" xml:id="p004"/>
            rechnung steht noch bevor.<note xml:id="n04">Am <date when="1919-01-18">18.1.1919</date>
              wurde die Friedenskonferenz in <placeName ref="kbga-places-63">Versailles</placeName> von den Delegationen der Siegerstaaten
              eröffnet.</note> Aufmerksame Menschen merken, daß die <hi rend="sans-serif">Aussicht</hi> keine erfreuliche ist. Die Luft über uns ist voll von den Anzeichen [?]
            kommender schwerer Gewitter, und der Boden zittert unter unseren Füßen von den
            Ankündigungen kommender schwerer Erdbeben. Es gibt Augenblicke, wo man die fast <hi rend="sans-serif">beneiden</hi> möchte, die in dem Schweren, das uns bevorsteht,
            schon drinstehen, die jetzt schon büßen müssen für die Sünden der alten Zeit. Ich denke
            an das unglückliche Rußland<note xml:id="n05">Während des noch bis 1921 andauernden
              «Kriegskommunismus» sanken die Industrie- und Agrarproduktionen dramatisch. Außerdem
              bestimmten die militärischen Auseinandersetzungen zwischen der «<orgName ref="kbga-actors-10397">Roten Armee</orgName>» und den
              «weißen» Armeen der Gegenrevolutionäre das Jahr 1918 und die Folgejahre.</note>. Ich
            denke an das tief gedemütigte deutsche Volk. Was mag <hi rend="sans-serif">uns
              Anderen</hi> bevorstehen, denen, die jetzt mit den Mienen der Gerechten den Sieg
            auskosten, und uns Zuschauern? Wir haben doch auf unsere Weise genau so sehr wie das
            alte Rußland, das alte Deutschland geglaubt an die Mächte, die den Krieg und die
            Revolution verursacht haben: an das Geld, an eine bloß äußerliche Kultur, an ein
            Christentum, das bloß Verzierung ist, an die militärische Macht, an die
            gesellschaftlichen Vorurteile. Wer glaubt mehr daran als die Engländer, die Amerikaner,
            die Schweizer? An einigen Stellen der Menschheit ist das Haus, das auf diesen <hi rend="sans-serif">Grundlagen</hi> erbaut war, nun unter Schrecken und Schmerzen
            zusammengebrochen. Ich erinnere mich an das letzte Wort des ermordeten Tisza<note xml:id="n06"><persName ref="kbga-actors-10423">István Graf Tisza</persName> war 1903-1905 und 1913-1917 ungarischer
              Minister-Präsident. Er wurde am <date when="1918-10-31">31.10.1918</date> in <placeName ref="kbga-places-126">Budapest</placeName>
              ermordet. Er hatte sich 1914 dem Angriffskrieg gegen Serbien widersetzt, später aber
              die Kriegsanstrengungen der Mittelmächte gefördert. Zu seiner Ermordung und zu seinen
              letzten Worten vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-5434">G. Vermes, <hi rend="italic">István Tisza. The Liberal Vision and
                Conservative Statecraft of A Magyar Nationalist</hi>, New York 1985, S. 453 und
              S. 566, Anm.58</bibl>.</note>: <hi rend="sans-serif">Es mußte</hi> so kommen! Werden
            die verkehrten Grundlagen, auf denen wir Alles gebaut haben, bei uns etwa tragfähiger
            sein als dort? Es wird auch in England, auch in Frankreich,
            auch bei uns einmal so kommen, wie es kommen muß. Die <hi rend="sans-serif">Weltgeschichte</hi> ist unheimlich konsequent und gewissenhaft, sie vergißt nichts,
            sie bringt Alles an den Tag. Was der Mensch sät, das muß er ernten [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gal.6.7">Gal. 6,7</ref>]. –</p>
          <p><pb ed="pga" xml:id="p005" rend="noPipe"/>
            <hi rend="italic">Wer das weiß</hi>, der muß heute erschrecken beim Gedanken an die Zukunft.
            Man wird beim besten Willen nicht behaupten können, daß die heutigen Sieger im Weltkrieg
            in den letzten Monaten <hi rend="sans-serif">guten Samen</hi> gesät haben. Man
            kann das auch von uns Schweizern nicht sagen. Wir haben erschreckend wenig gelernt.
            Vielleicht sind uns in dem, was das Umdenken und Umlernen betrifft, die heutigen
            Besiegten längst weit voraus. Wir gehen mit erstaunlicher Sicherheit und
            Selbstgerechtigkeit <hi rend="sans-serif">weiter auf den Wegen,</hi> die in den
            Weltkrieg hineingeführt haben. Wir sind erstaunlich getrost in der Zuversicht, die alte
            Zeit mit ihren Götzen könne und müsse in Ewigkeit fortbestehen. Das muß sich einmal
            rächen. Und daran denkt heute ein ernsthafter Mensch <hi rend="sans-serif">mit
              Sorge.</hi> Wir haben nicht Ruhe zu erwarten, sondern neue Unruhe, nicht Frieden und
            Verständigung, sondern neue Gegensätze, nicht Auflösung der Spannungen, sondern neue
            schwere Bewegungen [?] und Schmerzen. Wir wollen es offenbar so haben. Es kann nicht
            anders sein, als daß wir es so haben müssen. Wir wählen den <hi rend="sans-serif">Weg</hi> des alten Rußland, des alten Deutschland. Wir werden auf irgend eine Weise
            und zu irgend einer Zeit auch ihr <hi rend="sans-serif">Schicksal</hi> aus der
            Nähe kennen lernen müssen. Denn Gott läßt sich nicht spotten [<ref type="can" subtype="bible" target="Gal.6.7">Gal. 6,7</ref>]. –</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p><hi rend="italic">2.</hi> Es ist <hi rend="italic">etwas Hohes, Gewaltiges</hi>, meine Freunde,
            an diesem Neujahrstag die <hi rend="sans-serif">Worte des <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.23">23. Psalms</ref></hi> zu lesen, zu hören, in den Mund
            zu nehmen und auf uns anzuwenden: Der Herr ist mein Hirte … Wenn wir’s doch <hi rend="italic">könnten</hi> und dürften! Wenn wir <hi rend="italic">greifen</hi> dürften nach diesem
            wunderbaren Trost, nach dieser Fülle von Verheißung mitten in dieser dunklen Zeit! Wenn
            wir jetzt <hi rend="italic">sagen dürften:</hi> Ja, Gott läßt sich nicht spotten. Die
            Weltgeschichte ist das Weltgericht.<note xml:id="n07">Aus der <bibl corresp="kbga-bibls-1343">vorletzten Strophe des
              Gedichts «Resignation» von <persName ref="kbga-actors-764">Fr. von Schiller</persName></bibl>.</note> Was kommen muß, kommt. Wir aber,
            unser Volk, unsere Gemeinde, wir hier Versammelten, wir wenden uns und sehen mit Mut und
            Hoffnung in die Zukunft, wir sprechen: Der Herr ist mein Hirte … –</p>
          <p>Aber <hi rend="italic">es ist nicht an dem</hi>, daß wir ohne weiteres so reden dürften. Wir
            dürfen uns die Erkenntnis nicht ersparen, daß diese Worte in unseren Mund zunächst <hi rend="sans-serif">nicht passen.</hi> Der Trost und die Verheißung, die uns da
            leuchten, sind <hi rend="italic">Früchte</hi>, die erst wachsen müssen; es fragt <pb ed="pga" xml:id="p006"/> sich, ob sie bei uns gewachsen sind. Es fragt sich, ob man da stehen
            kann, wo wir stehen, und <hi rend="italic">gleichzeitig</hi> den <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.23">23. Psalm</ref> auf sich beziehen kann. Es fragt
             sich, ob sich diese Worte als <hi rend="italic">Neujahrsparole</hi> für uns eignen. <hi rend="sans-serif">Ich sage nicht:</hi>
            es ist unmöglich. Denn Gott hat die Tür auch für uns nicht verschlossen, für Keinen von
            uns. Aber es hat auch Keiner von uns ohne weiteres <hi rend="italic">das Recht</hi>, sich
            einzubilden, er könne und dürfe so mutig und hoffnungsvoll in die Zukunft blicken, wie
            es da beschrieben ist. <hi rend="italic">Keiner</hi>, ich auch nicht, auch alle die nicht,
            die ernster und frommer sind als ich. Es ist sehr <hi rend="italic">töricht</hi>, die Bibel
            dazu zu mißbrauchen, uns mit solchen Worten der Zuversicht über <hi rend="italic">unsere</hi>
            Lage hinwegzutäuschen. Es steht für uns alle in Frage, ob wir sie auf uns anwenden
            dürfen. –</p>
          <p>Denn zunächst müssen wir uns gestehen, daß <hi rend="italic">wir alle in der
              Entwicklung</hi>, die jetzt, wie es scheint, unaufhaltsam dem Gericht entgegentreibt,
            mitten drin stehen. <hi rend="italic">Wir alle</hi>, auch der Pfarrer, auch die Ernsten, auch
            die Frommen, auch die Wohlgesinnten. Wir stehen auf der Seite der <hi rend="italic">alten
              Zeit.</hi> Wir haben unser Interesse und unsere Freude daran, daß Alles so weitergehe,
            wie es vor dem Kriege gewesen ist. <hi rend="italic">Wir helfen</hi> den Mächten der alten
            Zeit, indem wir ihnen immer noch <hi rend="italic">Respekt</hi> entgegenbringen, indem wir
            ihnen auf Schritt und Tritt <hi rend="italic">nachgeben</hi>, indem wir reden, wo wir <hi rend="italic">schweigen</hi>, und schweigen, wo wir <hi rend="italic">reden</hi> sollten. Wir
              <hi rend="italic">bestätigen</hi> und verstärken das, was heute still verschwinden sollte,
            und wir <hi rend="italic">entsetzen</hi> uns über das, was man heute ruhig verstehen sollte.
            Wir sind mit unserem <hi rend="italic">Herzen</hi>, mit unserer Liebe, mit unserem Gebet
            nicht bei dem, was wird, sondern bei dem, was vergeht. Wir haben im Innersten noch nicht
            gemerkt, um was es sich handelt. Wir haben den <hi rend="italic">Ruf zur Buße</hi>, den diese
            Zeit für die ganze Menschheit bedeutet, noch nicht gehört. Und dieses <hi rend="italic">«noch
              nicht»</hi> steht zwischen uns und dem <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.23">23. Psalm</ref>. –</p>
          <p><hi rend="italic">Erst jenseits</hi> des Grabens, den wir noch nicht übersprungen, auf der
            anderen Seite der innerlichen Umwälzung, des Umdenkens, Umlernens, Umfühlens kann man
            sagen: Der Herr ist mein Hirte … Der Mann, der das gesagt hat, hat den <hi rend="sans-serif">Sprung getan.</hi> Er hat dem Gott, der die Welt richtet, <hi rend="italic">nicht widerstanden</hi>, sondern sich ihm in die Arme geworfen und gefangen
            gegeben. Er ist <hi rend="italic">nicht mit dem Strom</hi>, sondern gegen den Strom
            geschwommen. Es hat sich in ihm etwas <hi rend="italic">gekehrt</hi> von den Götzen zu Gott
            hin, er hat sich <hi rend="italic">gebeugt</hi> unter das Gericht, er hat <pb ed="pga" xml:id="p007"/> die <hi rend="italic">Wahrheit</hi> wenigstens in seinem Herzen Wahrheit
            sein lassen, er hat sich wenigstens einmal <hi rend="italic">innerlich gelöst</hi> von den
            Gewalten der alten Welt, auch wenn er ihnen äußerlich noch nicht überlegen war, er hat
            begonnen, wenigstens <hi rend="italic">anders zu denken</hi>, in eine andere Richtung zu
            sehen. Seht, von da an und <hi rend="sans-serif">darum konnte er</hi> ohne
            Übertreibung und Einbildung sagen: der Herr ist mein Hirte … Von da an wurde das <hi rend="italic">wahr</hi> für ihn. Für uns aber ist  das <hi rend="italic">nicht ohne weiteres</hi> wahr, denn nicht wahr, es ist nicht ohne weiteres
            sicher, daß wir in diesem Umwandlungsprozeß auch drin stehen und stehen wollen. –</p>
          <p>An uns treten seine Worte heute heran als <hi rend="italic">Frage und Aufforderung:</hi> Gib
            dich <hi rend="italic">hinein</hi> in diese Umwandlung! <hi rend="italic">Werde</hi> ein Mensch,
            ein <hi rend="italic">harrender</hi>, merkender, verständiger Mensch, ein von den Götzen zu
            Gott <hi rend="italic">gekehrter</hi> Mensch, der so reden darf und kann!, werde ein Mensch,
            der in der <hi rend="italic">Erneuerung</hi> ist und der damit für den Mut und für die
            Hoffnung, die wir heute so nötig hätten, das <hi rend="italic">Organ</hi> hat. <hi rend="italic">Bist du</hi> ein solcher bewegter Mensch? Und wenn du’s nicht bist, weißt du, daß du
            es <hi rend="italic">werden</hi> mußt, um heutzutage nicht einfach rat- und trostlos
            dazustehen? Und wenn du’s weißt, <hi rend="italic">was tust du</hi> dafür, es zu werden?
            Liebe Freunde, wer von uns hätte es <hi rend="sans-serif">nicht nötig,</hi> sich
            heute diese Frage nach seinem Werden stellen zu lassen? Wer von uns dürfte es heute
            wagen, frech nach den göttlichen Früchten des Trostes und der Verheißung <hi rend="sans-serif">zu greifen,</hi> ohne einer von den Werdenden zu sein, für die
            sie gewachsen sind? Spüren wir’s, daß wir <hi rend="sans-serif">lügen würden</hi>
            gegen Gott, wenn wir den <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.23">23. Psalm</ref>
            etwa nachsagen würden, ohne es zu dürfen?</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p><hi rend="italic">3.</hi> Seht, ich könnte mir auch <hi rend="italic">heute einen Menschen
              denken</hi>, der es dürfte. O wenn jetzt Einer von uns aufstehen und uns anderen sagen
            könnte: Ich, <hi rend="italic">ich darf!</hi> Ich will euch sagen, wie ich <hi rend="italic">dran
              bin</hi>, wenn ich an die Zukunft denke. Und dann würde er etwa <hi rend="italic">so mit
              uns reden:</hi> –</p>
          <p>Ja, ich gehe <hi rend="italic">auch mit schwerer Sorge beladen</hi> ins neue Jahr hinein.
            Ich sehe die Dinge nicht durch eine <hi rend="italic">rosige Brille.</hi> Ich stelle mir die
              <hi rend="italic">Menschen</hi> nicht besser vor, als sie sind. Ich weiß, daß alle <hi rend="italic">Schuld</hi> sich einmal rächen muß und wird. Ich nehme mich selbst und mein
            Land und meine Familie <hi rend="italic">nicht aus</hi> von dieser Schuld. Ich erwarte harte,
            ernste, verworrene <hi rend="italic">Zeiten</hi> für mich und meine Kinder. Ich <hi rend="italic">verlasse mich auf nichts</hi> mehr, weder auf mein bißchen Geld, noch auf<note xml:id="n08"><ref corresp="A">Mskr.</ref>: «in». Korrektur vom Hrsg.</note> das, <pb ed="pga" xml:id="p008"/>
            was jetzt Recht und Ordnung genannt wird, noch auf meine gute Gesinnung, noch auf den
            guten Willen der Menschen mir gegenüber. Ich weiß, daß wir in einer Zeit leben, in der
              <hi rend="italic">Alles ins Wanken kommt:</hi> Königsthrone, Kirchen und Staaten [?], um
            wieviel mehr das kleine Gerüst von Rechten und Pflichten, das mich bis jetzt gehalten
            und geschützt hat. –</p>
          <p>Aber in dem allem <hi rend="italic">erkenne ich Gottes Hand,</hi> Gottes richtende Hand
            gewiß, unter deren Streichen vielleicht Vieles fällt, was mir teuer ist, aber Gottes
            Hand, nicht eines Teufels Hand. Mag <hi rend="italic">fallen</hi>, was fallen muß, mag auch
            mich <hi rend="italic">treffen</hi>, was mich treffen muß. <hi rend="italic">Er ist mir</hi>
            teurer  als [das] Teuerste, was ich habe, ich habe ihn in den
            guten Zeiten lange genug vergessen, ich will ihn in der bösen Zeit nicht aufs Neue
            verlieren. <hi rend="italic">Ich verstehe ihn</hi>, ich will ihn verstehen. Ich sehe ihn
            Gericht üben, weil er seine <hi rend="italic">Gnade</hi> offenbaren will auf der Erde. Ich
            sehe ihn zerstören, weil er <hi rend="italic">bauen</hi> will. Ich höre ihn Nein sagen, damit
            sein großes <hi rend="italic">Ja</hi> einmal gehört werden kann. Ich <hi rend="italic">hoffe</hi>
            auf ihn. Und darum bin ich jetzt schon <hi rend="italic">geborgen</hi> mitten im
              Unwetter.<note xml:id="n09">Im <ref corresp="A">Mskr.</ref> befindet sich hier ein Wurzelzeichen: <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>
              wollte hier noch etwas einfügen, hat es aber nicht niedergeschrieben.</note> Ich <hi rend="italic">warte</hi> auf sein Licht, und darum kann mich alles Dunkel der Gegenwart <hi rend="italic">nicht</hi> verfinstern. Der Herr ist mein Hirte [; mir wird nichts mangeln.
            Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser,] er erquicket
            meine Seele. Jawohl, denn man kann <hi rend="italic">seufzen und doch</hi> selig sein.<note xml:id="n10"><bibl corresp="kbga-bibls-1591"><persName ref="kbga-actors-48">J. Chr. Blumhardt</persName>, Blätter aus Bad Boll, Jg.5 (1877), S. 85</bibl>: «Wir können
              seufzen und doch selig sein.»</note> –</p>
          <p>Ich bin zwar <hi rend="italic">einsam und fast immer ratlos</hi> im Gewühl dieser Welt. So
            bitter <hi rend="sans-serif">wenig Menschen</hi> sehe ich um mich, mit denen ich
            mich verstehen kann über das, was jetzt gesagt und getan werden müßte. So bitter wenige,
            mit denen man im Ernst gemeinsam <hi rend="italic">arbeiten</hi> und beten kann. So bitter
            wenige, die einem eine wirkliche <hi rend="italic">Hilfe</hi> sind, von denen man sich auch
            nur raten lassen kann. Und <hi rend="sans-serif">ich selber bin</hi> voll Irrtum
            und Sünde. Ich <hi rend="italic">strauchle</hi> noch wie ein Unmündiger.<note xml:id="n11"><bibl type="song" corresp="kbga-songs-329">Schlußzeile von Strophe 3 des Liedes Nr.48 «Der Tag ist hin» von <persName ref="kbga-actors-2670">J. Neander</persName> (EKG
              365,3).</bibl></note> Ich <hi rend="italic">weiß fast nie</hi>, was und wie ich es machen soll, um
            der großen Lüge und dem Herzeleid der Welt etwas wirklich Neues, Besseres
            entgegenzustellen. <pb ed="pga" xml:id="p009"/> Alle meine <hi rend="italic">Dämme</hi>, die
            ich gegen die Flut baue, zerreißen so gut wie die der Anderen. Ich <hi rend="italic">vergreife</hi> mich immer wieder in den Mitteln, ich pfusche, ich überhöre Gottes
            Wort und störe seine freundliche Absicht und werde immer wieder <hi rend="italic">mitschuldig</hi> mit der Welt. –</p>
          <p>Aber eins läßt mich nicht los: <hi rend="italic">Gott redet</hi>
            <hi rend="sans-serif">mit mir.</hi> Es ist eine <hi rend="italic">Weisheit</hi> in mir,
            nicht meine eigene Weisheit, auch keine Weisheit von Anderen, aber etwas wie die
            Weisheit Gottes selbst, die leitet mich. Ich habe ein <hi rend="italic">Gefühl</hi> für das
            Richtige, dem ich oft untreu bin und das mir doch nie untreu wird. Es ist ein <hi rend="italic">Licht in mir</hi>, dem zu folgen mich noch nie gereut hat. Ich bekomme ganz
            bestimmte <hi rend="italic">Weisungen:</hi> jetzt links! jetzt rechts! jetzt vorwärts! jetzt
            rückwärts!, und wenn ich ihnen gehorche, so <hi rend="italic">lichtet</hi> sich das Gewühl,
            so spüre ich <hi rend="italic">Grund</hi> unter meinen Füßen, so kommt etwas <hi rend="italic">Neues</hi> dabei heraus, das sich lohnt, das sich bewährt. Ich habe oft den Eindruck,
            ich sei nur ein <hi rend="italic">Werkzeug</hi> in meinem Tun, nur ein Sprachrohr in meiner
            Rede, den Eindruck von einem inneren Müssen!, und das tröstet mich, das kann mir niemand
            nehmen. Etwas Ähnliches sehe ich dann auch da und dort <hi rend="italic">bei einem
              Anderen</hi>, wie Schiffe des Nachts die Lichter anderer Schiffe sehen. Es ist mir,
            ich sei auf einer Wanderung begriffen, auf der ungesehen <hi rend="italic">viele</hi> Andere
            mitgehen,  viel mehr als ich ahne vielleicht. Ich freue mich
            da und dort, so einen Mitpilger zu <hi rend="italic">grüßen.</hi> Und so bin ich <hi rend="italic">nicht allein</hi>, nicht verlassen. Er führet mich auf rechter Straße [um seines
            Namens willen. Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn
            du bist bei mir,] dein Stecken und Stab trösten mich. –</p>
          <p>Ich bin zwar <hi rend="italic">angefochten auf diesem Weg</hi> von allen Seiten. Es ist
            aller Ernst damit, daß ich <hi rend="italic">auch ein Kind</hi> dieser dunklen,
            schuldbeladenen Zeit und Welt bin. Ich gebe gerechten <hi rend="italic">Anstoß</hi> durch
            meine Fehler und Versäumnisse. Ich habe mehr als eine <hi rend="italic">schwache Seite.</hi>
            Und darüber hinaus muß ich leiden darum, <hi rend="italic">weil ich recht habe</hi>, weil ich
            Sprachrohr und Werkzeug eines Höheren bin, muß leiden um meiner Sache willen. Das ist
            kein Kinderspiel. Denn Gottes Sache ist gar <hi rend="italic">angreifbar</hi> in dieser Welt.
            Es läßt sich gar <hi rend="italic">Vieles sagen</hi> mit tausend Vernunftgründen und
            Erfahrungsgründen gegen das Unternehmen, es dem Schein zum Trotz mit Gott zu wagen. Es
            läßt sich gar Vieles <hi rend="italic">einwenden</hi> gegen einen, der nur ein Argument, nur
            einen Beweis, nur einen Triumph hat, die stille göttliche Wahrheit. Man kann gar <hi rend="italic">Vieles machen</hi> gegen einen, der sich nur auf Gott stützt. Da stehe ich
            wie ein <pb ed="pga" xml:id="p010"/> wehrloses <hi rend="italic">Kind</hi> im
            Schlachtgetümmel. Ich kann sie nicht widerlegen, nicht zurückschlagen, nicht zunichte
            machen, wenn ich schon wollte. –</p>
          <p>Aber in dem allem <hi rend="italic">hat mich die Erfahrung noch nie verlassen</hi> und
            wird mich nicht verlassen, daß ich <hi rend="italic">gedeckt</hi> bin, daß es ihnen nicht
            gelingen wird. Es kann mir schlimm gehen, aber ich werde <hi rend="italic">nicht
              überwältigt</hi> werden. Ich kann zum Gelächter und Gespött werden, aber zu
            allerinnerst bin ich der, der <hi rend="italic">unter Tränen lächeln</hi><note xml:id="n12">Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-3613"><persName ref="kbga-actors-240">H. Kutter</persName>, <hi rend="italic">Reden an die deutsche Nation</hi>, Jena 1916,
              S. 98.113.225</bibl>.</note> kann. Eben darum, weil mein Leben nicht <hi rend="italic">mein</hi>
            Leben, meine Sache <hi rend="italic">nicht meine Sache</hi> ist. Gott müßte sich selbst
            aufgeben, wenn ich ganz untergehen sollte, und dafür ist gesorgt, daß Gott sich nicht
            aufgibt. Mich kann man ängstigen und chicanieren, aber was hilft’s, wenn <hi rend="italic">in
              mir noch etwas ist, das nicht ich selber bin?</hi> Gott bekommt nicht Angst. Der im
            Himmel wohnt, lachet ihrer [<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.2.4">Ps.
              2,4</ref>]. Versucht’s, was ihr könnt; ich hoffe und weiß, daß bei dem allem <hi rend="italic">etwas in mir ruhig</hi> [und] unangefochten bleiben wird. Du bereitest [vor
            mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest]
            mir voll ein. –</p>
          <p>Auch das weiß ich schließlich, daß ich ein <hi rend="italic">Mensch bin mit einem kurzen
              Leben</hi> und einmal, sehr bald vielleicht, sterben muß. <hi rend="italic">Was bin
              ich</hi> dann? Werde ich bis dahin einen <hi rend="italic">Erfolg</hi> sehen? Werde ich
            auch nur einen <hi rend="italic">Strahl sehen</hi> vom Morgenglanz des endlich einbrechenden
            Reiches Gottes? Werde ich sterbend auf etwas <hi rend="italic">pochen</hi> können gegenüber
            den Anderen, die mit dem Strom geschwommen sind? Werde ich
            je die Freude haben, dazustehen als der, der <hi rend="italic">schließlich doch recht</hi>
            hat? Sehr wahrscheinlich nein und abermals nein das alles. Ich weiß, daß ich zum <hi rend="italic">Verzicht auf jeden Erfolg</hi> gefaßt sein muß. Ich weiß, daß ich es mir noch
            zur höchsten Ehre anrechnen [?] muß, wenn ich <hi rend="italic">im Buch des Lebens zu denen
              gezählt bin</hi>, von denen es <ref type="can" subtype="bible" target="Heb.11.39">Hebräer 11 [V.39]</ref> heißt: <hi rend="italic">Diese alle haben</hi> durch den Glauben Zeugnis überkommen und nicht empfangen die
            Verheißung. Wenn es meinen klügeren Kindern gefällt, mögen sie auf meinen <hi rend="italic">Grabstein</hi> schreiben: Hier ruht auch Einer, der geträumt und sich getäuscht
            hat! –</p>
          <p>Aber über dem allem weiß ich, daß <hi rend="italic">mein kleines Leben nicht
              umsonst</hi> ist. Wiederum aus dem Grund, weil es <hi rend="italic">nicht mehr mein Leben
              ist</hi>, weil es gefangen und verkauft ist an Gott. <hi rend="italic">Was Gott gehört,
              ist</hi> nicht umsonst. Aus vielen solchen Pilgerleben und Kämpferleben <hi rend="italic">baut er sein <pb ed="pga" xml:id="p011"/> ewiges</hi>
            <hi rend="italic">Reich.</hi> Das sind die <hi rend="italic">Kräfte der Gnade</hi>, die durch das
            Dunkel des Gerichts hindurchbricht. Von solchen Menschen <hi rend="italic">leben schon jetzt
              auch die Anderen</hi>, auch die, die besinnungslos mit dem Strom schwimmen. Wenn es
            keine solchen Menschen gäbe, es wäre nicht zum Aushalten. <hi rend="italic">Es genügt
              mir</hi>, [für] diese höchste und unverdiente Ehre zu danken, daß mein Name <hi rend="italic">geschrieben</hi> steht im Buch des Lebens [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.17.8">Apk. 17,8</ref> u. ö.], daß Gott mich <hi rend="italic">braucht</hi> für seine Zwecke und daß jetzt schon Viele <hi rend="italic">von mir sich
              nähren</hi> [?], ohne es zu wissen. Es genügt mir, daß ich unbegreiflicherweise <hi rend="italic">ein wenig Salz sein darf</hi> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.13">Mt. 5,13</ref>]. Das Salz mag vergehen, die Durchsäuerung bleibt. Ich
            mag leben und sterben, in Gottes Hand bin ich kein Sterbender, denn Gott ist nicht ein
            Gott der Toten [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.12.27">Mk. 12,27</ref> par.].
            Gutes und Barmherzigkeit [werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im
            Hause des Herrn] immerdar. Auf dieses <hi rend="italic">«immerdar»</hi> hin will ich leben,
            in die dunkle, verhangene Zukunft hinein leben, als ein <hi rend="italic">Getrösteter</hi>,
            als ein Mutiger, als ein Hoffnungsvoller.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p><hi rend="italic">4.</hi> Liebe Freunde, denkt euch, wir würden einen Menschen <hi rend="italic">so reden hören.</hi> Wohlverstanden: ich sage nicht etwa, daß <hi rend="sans-serif">ich mir anmaße,</hi> so reden zu dürfen. Was ich gesagt habe,
            habe ich im Namen des <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.23">23. Psalms</ref>,
            nicht in meinem Namen gesagt. Was mich betrifft, könnte ich nur hinzufügen, daß ich
            wünschte, so reden zu dürfen. Nicht wahr, das <hi rend="italic">wünschen wir ja eigentlich
              alle.</hi> Denn das spüren wir: das wäre die Haltung, in der wir dem neuen Jahr und
            der ganzen Zeit, die kommt, bei aller Aufrichtigkeit und Nüchternheit <hi rend="italic">freudig</hi> entgegensehen könnten, <hi rend="italic">ohne</hi> rote Brille, aber auch
            ohne schwarzen Pessimismus, <hi rend="italic">ruhig und tapfer und aufrecht</hi> und
             sicher: es wird <hi rend="italic">recht</hi> kommen. Denn wenn
            einem Menschen das gewiß ist, daß Gott kommt, dann ist er auch gewiß, daß es recht
            kommt. Wohlverstanden, ich sage nun nicht etwa: Also <hi rend="sans-serif">laßt
              uns auch so reden.</hi> Das wäre wieder ein kirchlicher Betrug, und damit wollen wir
            nicht schließen. Denn das ist eben die Frage, ob wir <hi rend="italic">so reden dürfen.</hi>
            Ich <hi rend="italic">beantworte</hi> die Frage nicht, weder für dich noch für mich, wohl
            aber möchte ich schließen mit dem <hi rend="italic">Hinweis</hi> darauf, daß wir eigentlich
            dürften. <hi rend="sans-serif">In Christus,</hi> im Blick auf die Wendung, die es
            mit der Menschheit durch ihn genommen, in seiner Nachfolge dürften wir, trotz alles
            Dunkels, das bis heute die Erde erfüllt. Christus ist <hi rend="sans-serif">nicht
              umsonst</hi> geboren. Er ist dazu geboren, <pb ed="pga" xml:id="p012"/> daß der <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.23">23. Psalm</ref> an uns, auch an uns wahr
            werde. Aber da stehen wir vor der <hi rend="sans-serif">Frage aller Fragen,</hi>
            vor der Frage, die die tiefste und brennendste <hi rend="italic">Zeitfrage</hi> ist, vor der
            Frage, von der das neue Jahr und alle Zukunft <hi rend="italic">beherrscht und bestimmt sein
              wird</hi> wie von keiner anderen, ob wir mit dem alten Simeon im Tempel sagen können,
            daß unsere Augen das Heil Gottes <hi rend="italic">gesehen</hi> haben [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.2.30">Lk. 2,30</ref>].<note xml:id="n13">Zu dieser Predigt
              gibt es keine Liedangaben.</note>
          </p>



        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
