7. April 1921

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Ich habe euch noch gar kein Wort geschrieben, seit ich damals wohl versehen mit Marguerites Speisepaket und deinem Tabak Wattwil entgegenrollte, wo ich einige ganz gute Stunden hatte. G. Wieser schien doch durchaus angetan von deiner Osterpredigt. […] Die ungeheure Kirche mit dem Hochaltar und die Erzählungen Wiesers und seiner Frau über die Gemeinde sahen mich sehr fraglich an. Was soll einer eigentlich machen an solch einem Ort? Meine weitere Reise wickelte sich programmgemäß ab.[…]

Hier endlich wieder einmal eine Lieferung Römerbrief 📖. Lies sie nur, wenn du kannst und magst; du hast ja jetzt wirklich anderes zu tun, und das Ding kann warten. Aber dann sieh ja gut nach, ob kein Gelenk fehlt; ich bin so sehr froh über deine überprüfende Expertise, denn ich habe das Gefühl, du durchschauest die ganze Mechanik eigentlich besser als ich. Ich komme mir oft vor wie ein alter Hafner, den ich einmal in einem Ofen arbeiten sah: so, daß tatsächlich nur noch die Schuhe hervorragten. Ob ich an dem dunkeln Ort, an dem ich meine Sätze aufeinander stelle, wirklich mit den Overbeck’schen Katzenaugen gearbeitet, das kann erst der feststellen, der den Ofen nachher probeweise zu heizen versucht. Hinter diesem Stück bin ich nun an die fünf Wochen gesessen, allerdings mit Unterbrechungen, der größere |482 Teil machte eine dreifache Redaktion nötig. Leser wie Wernle werden es allerdings trotzdem unter Berufung auf das «reiche» Pandämonium der Frömmigkeit unter den Tisch wischen. […]

Was wurde aus deiner Predigt über die Höllenfahrt? Die meinige verunglückte wieder ganz, resp. sie zerfloß mir irgendwie unter den Händen zu einer Reihe von Mitteilungen («es steht da so etwas»), die diesmal nur den Vorzug der Gemeinverständlichkeit gehabt haben sollen. Ich sehe mit großer Spannung deinem Dostojewski 📖 entgegen. Laß dir ihn dann nur nachher nicht entreißen. Er darf auf keinen Fall in dem Massengrab der Aarauer Vorträge verschwinden.

Bei uns rückt allmählich das Ereignis näher.1 Mitte April. In welcher Situation muß dieses Kindlein die Welt, die Kirche, seinen Vater vorfinden, indem es das Licht der Welt erblickt! Die gänzliche Fragwürdigkeit des Treibens, von dem es umgeben ist, muß ihm doch vom ersten Tag an zu denken geben und es, wenns ein Bub ist und wenn er später Theologe würde, irgendwie auch ganz anders auf den schmalen Weg verweisen.

Hier dein Kurier zurück und der meinige zur Einsicht. Ein guter Brief von Loew. […] Die Maifeier muß ich natürlich absagen.

Lebe wohl! Wir grüßen euch herzlich!
Dein
Karl

Sachfußnoten

1
Geburt von Robert Matthias Barth am 17.4.1921. Matthias Barth verunglückte als Theologiestudent am 23.6.1941 tödlich bei einer Alpenwanderung.↩