29. März 1921

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

Die Korrekturbogen kamen gerade im rechten Moment, um mir für die Osterpredigt (1.Kor. 15,55–57) in den Sattel zu helfen. Sie verlief unter einigen vorausgeschickten Antithesen. Auferstehung — nicht Frühlingserwachen, leeres Grab — nicht Weiterleben armer Seelen nach dem Tode, Jesus siegt — nicht moralische Aufforderung zu einem guten Leben. Nach diesen Antithesen verlief sie als Darstellung der durch den Text gegebenen Komplexe: Tod — Sünde — Gesetz auf der einen und Sieg in Christus auf der andern Seite. Ein heikles und deprimierendes Unternehmen bleibt es und wird es immer mehr, dieses Reden von der Auferstehung als solcher. Nun gehe ich ans Schreiben meines Vortrags über Dostojewski. […] Eben war Frau Dr. Sp. bei mir. Sie und ihr Mann waren scheints am Sonntag in der Kirche und hatten etwas von der Predigt. Sie ist überhaupt eine ausgezeichnete Frau, auf welche du dich immer berufen kannst, wenn nach den Früchten deines Tuns in den Safenwiler Jahren gefragt werden sollte, und sicher nicht nur auf sie.

Schreib mir wieder und sei herzlich gegrüßt von uns Beiden.
Dein
Eduard

Beiliegend meine Bemerkungen zu Manuskript und Korrekturen von Röm. 6 und 7.

Ich kann nun doch nicht mehr vor Aarau zu dir kommen, so sehr ich es gewünscht hätte, denn ich stecke in den letzten Couloirs unmittelbar unter dem Gipfel: im Großinquisitor und den Gesprächen Iwan Karamasoffs mit dem Teufel. Ich werde sehr froh sein um deine Gegenwart im Gefecht, unsere Einsichten zeitigen auch bei Dostojewski eine neue, noch von keiner Seite vertretene Exegese und merkwürdige Ausblicke auf die Lage überhaupt. Das Römerbriefmanuskript 📖 habe ich gelesen und finde alles in Reih und Glied, und die erstaunliche Wendung und Richtung kommt mit Kraft zum Ausdruck. — Lies übrigens einmal in |481 den politischen Schriften Dostojewskis, wie da Christus eingebettet ist in Erwägungen zur russischen Machtpolitik und daran angeknüpfte chiliastische Erwartungen, die alle politischen Möglichkeiten übersteigen, die also nur unter «Wiederkunft» verstanden werden können, ohne daß diese aber verkündigt würde. Bei Dostojewski findet sich ähnlich wie bei Kutter ein Drang nach etwas Realem, ein Griff über alle Fernen hinweg, der mir in seiner Tendenz ungleich viel verständlicher und lieber ist als etwa die Klugheiten der «Neuen Wege».