4. Mai 1921

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Ich sitze, vorläufig nur dumpf brütend, vor der Aufgabe, eine Himmelfahrtspredigt zu verfassen, und vermute dich in ähnlicher Lage, wenn du wenigstens die Post schon gelesen hast, gründlich wie wir es lieben besonders an Samstagen!!

483 Nun wird Gogarten bei dir sein. Ich hatte einen guten Tag mit ihm in Oberrieden und Zürich und habe in elfter Stunde noch Schmollis mit ihm gemacht.1 Wer ihm außer mir auch noch Schmollis angeboten hat, das soll er dir selber erzählen. Es gehört zu den seltsamen apokalyptischen Bildern, an denen unsere Tage nicht arm sind. Auch von unserm gemeinsamen Besuch an der Zollikerstraße [bei Kutter] wirst du nun schon gehört haben. […]

Hier ein weiteres Stück Römerbrief 📖. Die Sorge um dieses Buch verfolgt mich bis in die Träume. Das Schreiben fällt mir bedenklich sauer. Werde ich in dieser Weise in Göttingen Vorlesungen aus mir herausquetschen müssen? Und wenn dann nur etwas Rechtes und Erhellendes herauskäme. Es ist aber dem Brief von Siebeck zu entnehmen, daß die Mitleser in Deutschland bereits leise zu seufzen beginnen über die Monotonie dieser dialektischen Übungen. Was soll das alles? frage ich mich selber immer wieder. Und der gute Heilmann in Göttingen mit [seiner Vorstellung von einer] «erfolgreichen Lehrtätigkeit», mit der er mir spienzelt.2 Ich fürchte viel mehr, daß nach kurzem Aufschwung eine fürchterliche Flucht vor meinen erknorzten Mitteilungen einsetzen wird, und daß ich dann dort noch lackierter dastehen werde als hier.

Hier lies den Kurier. In Göttingen scheint die Sache vor der Entscheidung zu stehen. Vielleicht daß Stange in der Fakultät die Sache noch verunmöglicht. Aber wie, wenn er das nicht tut? Ich sehe mit Fatalismus kommen, daß es kommt, verzagter als je und doch auch nach den Gesprächen mit Gogarten und Pestalozzis in der Unmöglichkeit abzusagen. Es gibt eine große Katastrophe. An das, was ich dort allwöchentlich 3 oder 6 oder 8 Stunden lang sagen soll, wage ich gar nicht zu denken.

Den Auftrag Siebecks, in Heidelberg zu reden, nimm doch ja an. Ich las das mit der leisen Hoffnung, das könnte eine Brücke werden, über die du dann in absehbarer Zeit auch nach Deutschland kommst. Schreibe ihm bitte sofort und direkt, daß du kommst. Du müßtest den Vortrag wohl etwas kürzen oder dann zwei Vorträge ankündigen, was vielleicht noch besser wäre. […]

484 Fritz Lieb kam am letzten Sonntag nicht, will aber am nächsten kommen. Er scheint heimatlos; ich habe ihm das Vikariat hier angeboten. Morgen möchte ich über das «aufgehoben zusehends» Apg. 1,9 predigenα. Was wird das werden?

Mit herzlichem Gruß an Marguerite, Gogarten und dich
dein
Karl

Sachfußnoten

1
Schmollis machen = das Du anbieten.↩
2
= mir die Sache schmackhaft machen möchte.↩