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6. Dezember 1920
Dein Aufsatz1 ist gut. Es steht Alles an seinem Ort wie es soll, d.h. wie es dem heutigen Stand unserer Forschung entspricht. Besser könnte es nicht gesagt werden und — auch nicht kürzer. Stange muß es so annehmen. Weniger wäre hier wirklich nicht mehr. Es entspricht nun einmal unserer Art, daß unsere Mitteilungen keine Aphorismen sind, sondern bogenweise daherkom|451men. Die Spruchweisheit, wie sie frühere Spätjuden liebten, stellt sich dann vielleicht samt der «Liebe» und einigen andern Desiderata in unserm höchsten Alter ein. Vielleicht daß du da und dort an der Plerophorie des Ausdrucks etwas streichen, einige Wiederholungen vermeiden und dadurch eine Seite oder zwei einsparen kannst. Sieh es daraufhin nochmals durch. […] Sachlich habe ich nichts zu bemerken. […] Er wurde beidemal mit ehrfürchtiger Zustimmung angehört. Nur das «wie wir sie sehen» im Titel wünschte ich dringend weg. Was soll das? Entweder eine Selbstverständlichkeit oder eine sehr unangebrachte Bescheidenheit und Einschränkung. Ein wenig gefährlich ist natürlich der Versuch als solcher, sich selbst in seinem Tun zum Betrachtungsthema zu machen und — nolens volens — eine kleine Methodik zu geben. Aber solche Sachen kommen ja sogar in der Bibel vor (Pastoralbriefe!), und du hast alle nur möglichen Sicherungen angebracht, um Unheil zu verhüten. Endlich ist dafür gesorgt, daß das vorgeschlagene «Sterben» unter den Deutschen nicht so schnell einreißen und zur Methode werden wird. — Zum Innersten der Sache: Der Aufsatz machte mich wieder darauf aufmerksam (es hatte mich schon bei Röm. 3,21f. beschäftigt), daß unsere Anschauung vom Kreuz irgendwie noch eine beträchtliche Lücke haben muß in der Richtung auf die satisfactio vicaria. «Das Wort vom Kreuz» [1.Kor 1,18] muß über die Darbietung des absoluten Paradoxes, über die Aufrichtung der allgemeinen Notwendigkeit des Sterbens, über die Grenzbereinigung von Gott und Mensch, Ewigkeit und Zeit noch hinausgehen in einem Sinn, der bei uns bis jetzt noch nicht recht zu Worte kommt. Ich hoffe sehr, ich komme der Sache in den spätern Abschnitten des Römerbriefs
📖 noch näher, als es mir in der Kapporeth-Stelle gelungen ist. Ich will dieser Tage einmal ein wenig in «Cur deus homo?» von Anselm
📖 hineinsehen. Vielleicht wußte der, was wir noch nicht recht wissen. Im Übrigen wollen wir ja froh sein, daß wir schon so weit sind — hauptsächlich dank Overbeck, dem wir überhaupt nicht genug danken können und an dessen Grab wir eigentlich einmal einen Kranz niederlegen müßten. Schick also deinen Auf|452satz auf alle Fälle so ein. Er ist durchaus gut, wird wunderbar wirken in dem sächsischen Pastorenblatt und neben Benz, Schwarz und Co.2 und ist mir wieder ein erfreuliches Zeugnis von unsrer kommunistischen Geisteswirtschaft. […]
Hier einiges zurück, was dir gehört. […] Ich wende mich zum Schluß von Röm. 3. Der ganze Brief steht noch wie ein Berg vor mir, der mir oft fast den Atem nimmt. Vielleicht ists gut, wenn man den Deutschen am Beispiel dieses Buches
📖 gleich praktisch vormacht, wie das mit dem «Sterben» gemeint ist. Aber freilich: das Resultat ist doch wieder nur — ein neues Buch. Besser wärs vielleicht, überhaupt zu schweigen.
Mit herzlichem Gruß