448
3. Dezember 1920
Hier das Erträgnis dieser Woche. Daß ich diesen schwersten Stein unter Seufzen gewälzt habe, kannst du dir denken. Nun stehts wieder einmal da. Der Vogel macht alle nur erdenklichen Anstrengungen zu fliegen, aber schließlich ists doch auch wieder ein gemalter Vogel, wie es ja nicht anders sein darf. Unter den verschiedenen Neuigkeiten möchte ich dich doch besonders auf die Erneuerung der ehrwürdigen Exegese ἱλαστήριον
= kapporeth 3,25 aufmerksam machen, die ich mir unter Rückgriff hinter Hofmann und Beck, aber in Übereinstimmung mit Cremer erlauben mußte, weil alles unwiderstehlich darauf hindrängte. Überhaupt arbeite ich mit dem Eindruck einer merkwürdigen Zwangsläufigkeit. Die Wendung von Osiander zu Luther macht sich gegenüber der ersten Auflage
📖 geltend wie eine Katastrophe, und ich frage mich oft, wie ich damals so blind sein konnte, «es» nicht zu sehen. Wenn nur der Spektakel über die literarische Sensation dieser retractatio die Aufmerksamkeit auf die Sache nicht übertäuben wird. Diese Schwenkung wird ja den Wende und Genossen noch ganz anders Anlaß zu «historischen» Randglossen geben. Doch das ist selber eine Randglosse. Ich freue mich nun schon über den kurzen Schlußabschnitt
📖 3,27f. hinweg auf Abraham [Rm 4].
Es wird glaub viel über uns gekopfschüttelt bei Nahen und Fernen. Overbeck
📖 hat nun wirklich einmal eine Verwüstungszone um uns geschaffen. Meine Mutter schrieb mir letzthin glattweg, wenn sie an uns denke, falle ihr einfach der Vers von Wilhelm Tell ein: «Sie alle ziehen ihres Weges fort an ihr Geschäft, und |449 meines ist der Mord!»1 Und Peter zitierte neulich aus der Storchengeschichte eines Kinderbuches: «Flügelschlagend und mit Zagen sehn die Andern dieses Wagen!» Damit du dich nicht wunderst, wenn es dir etwa via Wattwil zugetragen wird, melde ich dir auch, daß Fritz Lieb, von hier kommend, am Baselbieter Pfarrkranz von mir berichtet hat, ich lehre neuestens 1. man habe sich vor dem Blumhardtischen Einfluß einigermaßen in Acht zu nehmen, 2. die soziale Frage werde nächstens ab der Tagesordnung kommen, 3. das Eine Notwendige sei durchaus auch auf die Formel «Rette deine Seele!» zu bringen. Wenn das alles Ragaz zu Ohren kommt, kanns gut werden. Lukas Christ wußte von Bader, daß Ragaz zu einem entscheidenden Schlag gegen uns aushole. Auch in einem vertraulichen Zirkular der «Neuen Wege» stehe der Kampf gegen die «fromme Skepsis» an wichtiger Stelle. Nun, sie sollen nur kommen. Die Situation könnte dann einmal reif werden zu einer Streitschrift «Gegen jedermann», in der sie alle unmittelbar über den Schuhen abgesägt werden. Vorläufig bekommen sie aber nur einen Blick über die Brille.
Der Tag mit Peter und Lukas Christ war gut. Vielen Dank für die Expreßsendung, die gerade im rechten Moment kam, um die Verwunderung der beiden wenigstens auf den rechten Punkt zu lenken. Beide sagten sehr ehrlich, sie kämen nicht recht nach, und machten allerlei Einwände, Peter natürlich von der Ethik, Lukas Christ von der «Schöpfung» her, die mir ganz interessant waren, weil sie mir zeigten, auf was für Fragen man zu antworten hat […]. Beide werden sehr wahrscheinlich dann auch mitkommen, wenn es gelingt, ihnen ganz deutlich zu zeigen, um was es geht. Wie froh bin ich, beständig den Römerbrief unter Händen zu haben, nicht freihändig operieren zu müssen.
Der Brief von Wolf Meyer sieht mich doch etwas problematisch an. Wir reden zwar auch manchmal so siegesgewiß und selbstbewußt, aber es ist dann jedesmal kein «Segen» darauf. Das solltest du ihm zu bedenken geben, wenn du ihm antwortest. Ich komme jetzt schwerlich so bald dazu. Dann solltest du ihn |450 mit einem apostolischen «Wir aber …» daran erinnern, daß wir die Nicht-Publizierung seines Streikdramas als Probe seiner Liebe und seines Gehorsams unbedingt fordern müssen. Im übrigen freue ich mich natürlich auch über seinen Elan.
Hier eine gute Zeitung aus der «Hessischen Renitenz»2 (trefflicher Name vgl. R.G.G.), die ich sofort abonniert habe. Pfarrer Schlunck sandte sie mir, ein vorzüglicher Mann aus dem Alt-Luthertum. […]
Heute trafen hier 20 Büchsen englischen Tabaks ein und 200 Fr. von meinem Götti, der 80. Geburtstag feiert. Gut, wa! Hier eine der Büchsen. Mit dem Geld können wir nun den Deutschen Weihnachtspakete machen, daß es eine Freude ist. […]
Endlich noch etwas Gutes. Ich gehe am Samstag in 8 Tagen nach Bern an den [sozialistischen] Parteitag als Delegierter, heiterer Sozialist der ich bin! Ich hoffe, die drei Tage seien auch für den Römerbrief
📖 nicht ganz verloren. 1917 wars ja wirklich ein eindrucksvolles «Erlebnis». Doch nun Schluß. Ich muß noch Besuche machen.
Herzlichen Gruß!