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5. Oktober 1920
Dein kräftiges Schweigen wird nachgerade beunruhigend. Nelly meint zwar, du seiest so tief im Matthäus, daß du Raum und Zeit und deinen armen Bruder im Aargau vergissest, aber ich habe solche Steilheit bis jetzt nicht an dir gesehen und kann es kaum glauben. Oder bist du krank? Oder habe ich etwas auf dem Gewissen? Bitte sende mir wenigstens ein Telegramm zur Beruhigung, wenn du gar keine Zeit hast, mich auf das Laufende zu setzen.
Ich schicke dir hier einiges «Deutsche». Herpel!α Was ist da los, daß er so dringend begehrt, uns ins Gilet zu heulen? Ich bin vorläufig etwas mißtrauisch; er hat sich glaub schon öfters bekehrt. Doch habe ich ihn, wie du siehst, auf Anfang November kommen geheißen. Nun will ers wirklich sehr gründlich machen. […] Stange! Wie ich sehe, bist du auch begrüßt worden. Hier sind die von mir einverlangten Nummern seines Blattes. Da sieht man nun allerdings in wahre Abgründe hinein. Doch ist die Blöße so |427 offenkundig, daß ich mich unterdessen entschloß, ihm (nicht ohne den Ausdruck meines tiefsten Befremdens in einem Begleitbrief) meine Bettagspredigt1 betitelt «Die Buße» zu schicken, und ihm sogar noch geholfen habe, den schweizerischen Festzug vollständig zu machen. Es wird bei den klugen Ratschlägen, die ich ihm gegeben habe, schon dafür gesorgt sein, daß unser Horn-Duett sich von dem Chorus der Andern geziemend abhebt. An allerlei Verschärfungen meiner Predigt habe ich es nicht fehlen lassen. Schick ihm auch etwas recht Akutes.2 Dieses Gruppenbild könnte diesseits und jenseits des Rheins schließlich eine recht deutliche Sprache reden. Siebeck steht also auch in naher Aussicht. Auf diesen Mann freue ich mich. […] Ende dieser Woche erwarte ich Wolf Meyer. Ob er sich dir auch angekündigt hat? Ich sehe ihm sehr unsicher entgegen. […] Wenn er mir nicht gefällt, sende ich ihn dir rasch wieder zurück!! Orientiere mich eventuell durch einen Urias-Brief [vgl. 2.Sam 11,14ff.], was er will und was er für Einer ist. […]
Herzlichst
Ich muß mich noch etwas in Jeremia umsehen, um morgen früh etwas über diesen Mann mitteilen zu können.