8. Dezember 1920

Karl Barth an Eduard Thurneysen

452
Lieber Eduard!

Hier der kurze, aber nicht unwichtige Eck-Abschnitt 📖 vom 3. zum 4. Kapitel. […] Dein Predigtaufsatz 📖 beschäftigt mich immer noch. Etwas Gefährliches, Zweideutiges liegt wohl schon im Thema, das fast notwendig ein — Ausplaudern bedeutet. Die Deutschen und die Schweizer werden meinen, nun hinter den Vorhang gesehen zu haben. Ich fühle etwas von dem leisen Unbehagen, das ich etwa vor sechs Jahren hatte, wenn ich dich z. B. mit Dietschi zusammen über den Pfarrer als Paradox reden oder wenn ich mich selbst über Jeremia predigen hörte. Wir sollten vielleicht gar nichts sagen von dem, was wir tun, vielleicht es nicht einmal wissen, schlimm genug, daß wir es wagen, es tatsächlich zu tun. Aber vielleicht ist das auch ein unnötiges Bedenken. Es soll dich auf keinen Fall hindern, das Manuskript |453 abzusenden. […] Ich stelle mich ja im Römerbrief 📖 auch bedenklich weit an den Rand hinaus und setze meinen Namen dazu und wirke auf die Gemüter der guten Deutschen […] wie eine Art Posaune von ich weiß nicht was. Das muß nun jedenfalls in dieser merkwürdigen Zeit so sein und darum sicher auch in deinem Aufsatz. […]

Mit herzlichem Gruß
dein
Karl