7. August 1920

Karl Barth an Eduard Thurneysen

418
Lieber Eduard!

An meinem Pult sitzt Georg Merz und studiert an der Predigt, die er morgen in der Safenwiler Kathedrale halten wird. So habe ich einen angenehmen Samstag. Wir waren von Montag bis Donnerstag zusammen in Gadmen1 und haben am Donnerstag den Susten überstiegen. Noch liegt er uns in allen Knochen. Das Zusammensein mit Merz ist gut; in einigen Jahren, wenn er noch etwas weniger Adept sein wird, wird es noch besser sein. In Gadmen waren auch Peter und Heiner, ferner der junge Gustav Müller, des bekannten Sozialisten steiler, unheimlich gescheiter, philosophiebeflissener Sohn.2 Merz führte gewöhnlich das Gefecht und erwies sich als gründlicher Kenner unserer Lehre; nur selten mußte «der Meister», wie Heiner höhnte, korrigierend eingreifen. Eine etwas fragwürdige Situation. Vom Susten herabgestiegen, fand ich den zweiten Teil von Eberhard Vischer[s Overbeckbesprechung]3 vor. […] Ich fürchte, nun wird Bernoulli mit irgend einer ungeschickten Gegenrede lospoltern. Wir unsererseits wollen das Pulver trocken halten und abwarten. […]

Johannes Müller druckt [aus meinem Aarauer Vortrag 📖] nun nur S. 9–19 ab;4 das ist offenbar die Rosine aus dem Kuchen, die er für seine Leser für zuträglich hält. Dem Mann aus Berlin5 habe ich dilatorisch geantwortet; immerhin ists ein merkwürdiges Schauspiel, daß der Römerbrief 📖 nun auch schon einem leibhaftigen Generalsuperintendenten vor die Nase gehalten wird. […] Was mag Gogarten anrichten in seiner Antwort an Jülicher?6 Was sagst du zu der Art, wie mich O. Gilg vor seinen altkatholischen Wagen spannt?7 Dieses Benütztwerden für Zwecke anderer ist ein |419 scheinbar unvermeidliches Schicksal. Kann man sich dagegen wehren und wie? Wahrscheinlich nur durch beharrliches Hornbrillen-Tragen und öfteres Schweigen und Verschwinden. Heute Nachmittag habe ich die Beerdigung einer Selbstmörderin. Sie kam eine Zeitlang alle Sonntage in die Kirche. Es ist innerhalb eines halben Jahres der zweite Fall. Ein Honoratior habe mit Faustschlag auf den Tisch bekundet: daran sei allein der Pfarrer schuld, der die Leute verrückt mache. Für deine Meldungen über Ehrenberg sind wir dir dankbar. Ich werde nun in aller Eile das «Ketzerbuch 📖» studieren und aus «Kreuz und Tragödie 📖» einige Prisen nehmen. Das Nietzsche-Buch8 ist ein Valuta-Ankauf, um den ich ihn gebeten hatte. Vale! Wir freuen uns auf Oberrieden.9

[…]
Dein
Karl

Sachfußnoten

1
In Gadmen (Kanton Bern) war Barths Schwager K. Lindt Pfarrer.↩
2
Gustav Müller d. Ä. (1860–1924), führender sozialdemokratischer Politiker, Parlamentarier, 1895-1920 Finanzdirektor des Kantons Bern, 1918-1920 Stadtpräsident von Bern. — Gustav E. Müller d.J. (geb. 1898), Philosoph und Dichter, Hegel-Forscher, Professor an verschiedenen amerikanischen Universitäten, seit seiner Emeritierung (1968) in Bern.↩
3
E. Vischer, Overbeck und die Theologen, in: Kirchenblatt für die reformierte Schweiz, Jg. 35 (1920), S. 122–124 und 125-127. 📖 Der Artikel ist eine Besprechung von Overbecks «Christentum und Kultur» 📖 und ein kritisches Referat über andere Besprechungen des Buches. Am Schluß (S. 126f.) setzt sich Vischer mit Barths Overbeck-Aufsatz (in «Zur inneren Lage des Christentums» 📖) auseinander.↩
4
Vgl. Anm. 2 zum Brief vom 14.6.1920.↩
5
Bezieht sich wohl auf eine Briefbeilage, die nicht mehr nachweisbar ist.↩
6
Vgl. Anm. 1 zum Brief vom 16.7.1920.↩
7
O. Gilg, «Der neue Katholizismus», in: Neue Wege, Jg. 14 (1920), S. 294–309. 📖 Dort S. 300 Anm. 1 Bezugnahme auf Barths Tambacher Vortrag. — Der Verfasser, Otto Gilg (geb. 1891), ist ein Bruder von Prof. Arnold Gilg, Pfarrer der christkatholischen Gemeinde in Luzern von 1916 bis 1961.↩
8
E. Bertram, Nietzsche. Versuch einer Mythologie, Berlin 1920. 📖↩
9
Gemeinsame Ferien mit Thurneysen vom 23.8. bis 7.9.1920 auf dem «Bergli», Oberrieden bei Zürich, dem Landhaus von R. Pestalozzi.↩