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7. August 1920
An meinem Pult sitzt Georg Merz und studiert an der Predigt, die er morgen in der Safenwiler Kathedrale halten wird. So habe ich einen angenehmen Samstag. Wir waren von Montag bis Donnerstag zusammen in Gadmen1 und haben am Donnerstag den Susten überstiegen. Noch liegt er uns in allen Knochen. Das Zusammensein mit Merz ist gut; in einigen Jahren, wenn er noch etwas weniger Adept sein wird, wird es noch besser sein. In Gadmen waren auch Peter und Heiner, ferner der junge Gustav Müller, des bekannten Sozialisten steiler, unheimlich gescheiter, philosophiebeflissener Sohn.2 Merz führte gewöhnlich das Gefecht und erwies sich als gründlicher Kenner unserer Lehre; nur selten mußte «der Meister», wie Heiner höhnte, korrigierend eingreifen. Eine etwas fragwürdige Situation. Vom Susten herabgestiegen, fand ich den zweiten Teil von Eberhard Vischer[s Overbeckbesprechung]3 vor. […] Ich fürchte, nun wird Bernoulli mit irgend einer ungeschickten Gegenrede lospoltern. Wir unsererseits wollen das Pulver trocken halten und abwarten. […]
Johannes Müller druckt [aus meinem Aarauer Vortrag
📖] nun nur S. 9–19 ab;4 das ist offenbar die Rosine aus dem Kuchen, die er für seine Leser für zuträglich hält. Dem Mann aus Berlin5 habe ich dilatorisch geantwortet; immerhin ists ein merkwürdiges Schauspiel, daß der Römerbrief
📖 nun auch schon einem leibhaftigen Generalsuperintendenten vor die Nase gehalten wird. […] Was mag Gogarten anrichten in seiner Antwort an Jülicher?6 Was sagst du zu der Art, wie mich O. Gilg vor seinen altkatholischen Wagen spannt?7 Dieses Benütztwerden für Zwecke anderer ist ein |419 scheinbar unvermeidliches Schicksal. Kann man sich dagegen wehren und wie? Wahrscheinlich nur durch beharrliches Hornbrillen-Tragen und öfteres Schweigen und Verschwinden. Heute Nachmittag habe ich die Beerdigung einer Selbstmörderin. Sie kam eine Zeitlang alle Sonntage in die Kirche. Es ist innerhalb eines halben Jahres der zweite Fall. Ein Honoratior habe mit Faustschlag auf den Tisch bekundet: daran sei allein der Pfarrer schuld, der die Leute verrückt mache. Für deine Meldungen über Ehrenberg sind wir dir dankbar. Ich werde nun in aller Eile das «Ketzerbuch
📖» studieren und aus «Kreuz und Tragödie
📖» einige Prisen nehmen. Das Nietzsche-Buch8 ist ein Valuta-Ankauf, um den ich ihn gebeten hatte. Vale! Wir freuen uns auf Oberrieden.9
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