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14. Juni 1920
Ich sende dir hier das Neueste von den «Deutschen» samt meiner Antwort darauf. Ferner meine gestrige Predigt,1 die ich schon vorher dem «Neuwerk» zu widmen beschloß. Wenn dir mein Brief an Herpel zu scharf scheint, so schicke ihn mir zurück und laß die Predigt (falls du sie billigst) allein abgehen. […] Andernfalls schreibe nach deinem Ermessen noch irgend etwas Hornbrillig-Umsichtiges auf die zwei leeren Seiten und laß das kleine Torpedo ab. Hier war vier Tage lang meine Mutter, stimmte meiner Predigt restlos zu und wollte durchaus die Diktatniederschrift besorgen, was denn auch geschehen ist. […]
Johannes Müller ist jedenfalls [so] beweglich, wie wir sagen, daß ihm sogar der Aarauer Vortrag einleuchten konnte. Ich habe nach München den Rat gegeben, sich so zu arrangieren, daß Müller das Ganze (das nicht teilbar sei!) abdrucken könne.2 Uns kann es ja nur recht sein, den 8-10000 «Grüne Blätter»-Leuten vorgesetzt zu werden. Was Müller selbst damit will, ist mir noch etwas dunkel und ebenso, wie lange man uns als Gäste auf dieser neu zu besteigenden Barke dulden wird.
[…]
Hast du beachtet: Ragaz D. theol. von Genf. Wenn ihm nun die Partei noch die Märtyrerkrone auf diesen westlichen Doktor|398hut stülpt, dann Gloria, Gloria, Gloria in Excelsis! In Zofingen ist übrigens zehn Tage lang Schützenfest; es wimmelt auch hier von Automobilen, Bekränzten und Betrunkenen. Ich frage mich, ob ich nicht auch ein paar Stunden in der Festhütte zubringen sollte. Aber «La gloire qui chante» die dort in Szene geht, schreckt mich doch eher ab. Die Linie von da zu Ragazens […] Völkerverbrüderung ist unverkennbar. Das ist die westliche Sintflut, die nun kommt.
Ich war die ganze letzte Woche an Nietzsche’s Anfängen, die wohl besser waren als das Spätere. In der «Geburt der Tragödie
📖» ist viel Gutes. «Jenseits von Gut und Böse
📖» aus seiner letzten Zeit sah mich bei viel Trefflichem doch etwas starr und schon verholzt an. Wahrscheinlich wollte auch er etwas, was man eben nicht wollen sollte. Overbeck war einsichtiger. Aber ein guter Kämpfer, den wir gelegentlich zu Ehren ziehen müssen, war er doch.
Mit herzlichem Gruß