9. August 1920

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

[…] Ehrenberg — es blieb dabei: wir sind persönlich trefflich ausgekommen. Er ist auch schärfsten Formulierungen gegenüber nicht empfindlich, aber der Graben ist nur noch breiter geworden zwischen Patmos und uns. Diese Patmosfreunde sind immer schon am Ziel, wissen immer alles schon — natürlich bei ihrer Erudition und ihrer Klugheit — so war unser Gespräch immer erneut der Wettlauf zwischen Hase und Igel, und ich konnte nur Spielverderber sein, indem ich unbeweglich auf meiner kritischen Negation sitzen blieb. Ihre ganze Stellung beruht auf einer großen Verwechslung von Religion und Reich Gottes, Zeit und Ewigkeit, Gott und Mensch, himmlischer und irdischer Liebe. Auf Grund dieses Sachverhaltes lehnte ich für meine Person die Mitarbeit am Patmosjahrbuch, zu der mich Ehrenberg einlud, ab. Das Seltsamste ist, daß, wenn man mit dem Philosophen Ehrenberg grundsätzlich-philosophisch reden möchte, man den Bescheid erhält, Kant sei erledigt, und den Rat, Hegel zu studieren. Was mir aber in diesen Tagen an Hans Ehrenberg gefiel, war die geistige Anspannung, in die er einen hineinzieht von morgens bis abends. Er selber ist als Mensch nur liebzuhaben, als homo religiosus dagegen nur umzubringen und eben doch fast nicht zum umbringen.

Dein
Eduard

Dieser Tage bekam ich die Selbstbiographie von Bischof Martensen1 in die Hände und las sofort seine Polemik gegen Kierkegaard und fand eine Abfertigung des unbequemen Mahners, die an kirchlicher Unerschüttertheit und Selbstsicherheit alles übersteigt, was man sich denken kann. Uns kann es die praktische Aussichtslosigkeit unserer polemischen Stellungnahme gegenüber allem Kirchenwesen zum Greifen deutlich machen. Overbeck hat nicht zu laut, sondern zehnmal zu leise geredet!

Sachfußnoten

1
H. L. Martensen, Aus meinem Leben. Aus dem Dänischen, Karlsruhe 1883; 2. verbesserte Aufl. Berlin 1891. 📖↩