16. Juli 1920

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

[…] Mir träumte jüngst von meiner eigenen Beerdigung; doch war ich nur scheintot und reklamierte, schon im Grabe, heftig. Meine Mama riet ganz freundlich, das Grab nur zuzumachen, ich werde dann schon sterben (!!), doch gelang es mir, mich durchzusetzen, worauf es dann im Galopp durch den Kirchhof hindurch zurück ins Leben ging. Das ist wahrscheinlich für meinen alten Menschen, der nicht sterben will, bezeichnender als für die Lage im allgemeinen!

An Jülicher habe ich vorgestern den beiliegenden überaus zahmen Brief geschrieben. Nun reut es mich fast, ihm nicht energischer die Spitze geboten zu haben, statt so historisch mit dem Historiker zu verkehren. […] Es schien mir gut, in irgend einer Form sofort Gefechtsfühlung mit dem großen Mann zu nehmen. Wie wäre es wohl mit einem Artikel in der «Christlichen Welt», in Fortsetzung und Erläuterung der von Gogarten daselbst gemachten Mitteilungen?1 Die Felder scheinen auch nach den Berichten aus München und Göttingen weiß zur Ernte [vgl. Joh 4,35], und es ist wohl möglich, daß wir jetzt Schlag auf Schlag sagen sollten, was zu sagen ist. Vielleicht unter dem Titel meines Vaters «Alte und Junge im Reiche Gottes»,2 wobei die Alten […] als lächelnd und einverstanden darzustellen wären. Könntest du nicht etwas Derartiges schreiben? Rade würde es sicher aufnehmen.

Sommerliche Wärme. Mich gelüstet es nach den Bergen, nach irgendeiner Höhe über 3000, wie die, die wir letztes Jahr erklom|412men. Dort aber wimmelt es jetzt sicher. Doch das soll nun nicht sein, sondern — 2. Korinther- und Kolosserbrief und Unterweisung, tagaus tagein. Auch gut. Es wäre aber schön gewesen, von irgend einem Grat oder Horn herunter über Jülicher zu lachen. […]

Mit herzlichem Gruß
dein
Karl

Gestern Nachmittag rang ich in der Kapitelskommission drei Stunden lang zäh aber freundlich mit den Kollegen und kam so weit, daß «Christus» und «das Reich Gottes» glücklich zuerst aus der Verfassung selbst, dann auch aus dem Ingreß hinausgedrängt wurden. Beabsichtigt ist jetzt nur noch ein Bibelspruch als Motto vor dem Ingreß, zu dem ich grundsätzlich die Einwilligung gab unter dem Vorbehalt, daß sich ein solcher finde, der sich als mildes Oberlicht (unter keinen Umständen als Bekenntnis) über ein so weltliches Werk wie eine Kirchenverfassung setzen lasse. Ich habe nach deiner Anweisung zuerst lange nur Pfeife geraucht und die Andern reden lassen, um dann plötzlich mit aller Lebhaftigkeit einzugreifen. Das Verfahren ist sehr gut. Jahn3 versicherte mir, meine «Psychologie» interessiere ihn, und er habe eigentlich nicht viel dagegen einzuwenden. In der Tat krebsten alle rückwärts. Doch bringt erst die nächste Sitzung den Entscheid.

Sachfußnoten

1
Vgl. Anm. 1 zum Brief vom 16.6.1920. Später (in der CW-Nummer vom 26.8.1920) antwortete Gogarten auch direkt auf Jülichers «Römerbrief»-Rezension: Vom heiligen Egoismus des Christen (Sp. 546–550 📖; wieder abgedruckt bei Moltmann, Anfänge 1, S. 99ff. 📖).↩
2
Vgl. F. Barth, Die Alten und die Jungen im Reiche Gottes (Vortrag von 1894), in: Christus unsere Hoffnung. Sammlung von religiösen Reden und Vorträgen von D. Fritz Barth. Mit einem biogr. Vorwort von M. Lauterburg, Bern 1913, S. 1–24. 📖↩
3
Victor Jahn (1865–1937), Pfarrer in Brugg.↩