14. Juli 1920

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Da! Gestern Nachmittag ist Jülichers längst angekündigte 42 cm Granate1 hier niedergegangen. Hilf mir den Trichter ausmessen und die allenfalls Verschütteten wieder ausgraben. Allzuschlimm ists ja nicht; mehr ein milde alles begießender Abendregen als ein schreckliches Gewitter. Also laut Harnack: Thomas Münzer,2 laut Jülicher Marcion.3 Nun sollte mir wirklich auch noch Troeltsch irgend einen solchen Ketzerhut aufsetzen. Die Rezension verrät, daß man uns draußen stark nach unsern dortigen Freunden beurteilt, das läppische Mißverständnis, als meine ich mit dem «jetzt» 1919, ist ja ganz Herpel und Rosenstock. Am schwersten scheint er aber doch das Fehlen gelehrter Zwiesprache mit ihm und Andern zu empfinden, und daneben haben ihn die paar Anmerkungen verdrossen, die er in ihrer Harmlosigkeit (sie beziehen sich alle auf den Nestle-Text 📖) nicht erkannt hat. Das Schauspiel des Kampfes einer jüngern gegen eine ältere Generation wollen wir jedenfalls soviel als möglich zu vermeiden suchen in Zukunft. Es ist zu zweideutig. Und vor dem 25mal größeren Wissen dieser Gelehrten wollen wir in Zukunft ehrerbietiger den Hut lüften, auch wenn es uns noch so götzenhaft anmutet. Was dürfte sonst noch zu lernen sein?

[…] Herzlichst
dein
Karl

Sachfußnoten

1
A. Jülicher, Ein moderner Paulus-Ausleger (Rezension über Barths «Römerbrief 📖»), in: CW, Jg. 34 (1920), Sp. 453–457; 466-469 📖. Wieder abgedruckt in: J. Moltmann (Hrsg.), Anfänge der dialektischen Theologil, Teil 1, München 1962, S. 87ff. 📖↩
2
Daß Harnack Barth mit Thomas Münzer verglichen habe, erwähnt Barth auch im Vorwort zur 2. Aufl. seines «Römerbriefs» (München 1922), S. XV 📖 (= XVII in späteren Auflagen; auch bei Moltmann, a.a.O. S. 116 📖). Die Mitteilung bezieht sich wahrscheinlich auf eine mündliche Äußerung Harnacks während oder nach der Aarauer Konferenz 1920. Vgl. Brief Barths vom 20.4.1920; vgl. auch A. von Zahn-Harnack, Adolf von Harnack, Berlin-Tempelhof 1936, S. 532. 📖 Am 23.12.1935 schrieb Barth an A. v. Zahn: «… Ich erinnere mich sehr deutlich des Entsetzens, mit dem er [Harnack] sich in der Diskussion nach meinem Vortrag [in Aarau] äußerte: seit Kierkegaard (ich höre noch den baltischen Klang des Namens in seinem Munde) sei die Sache nicht mehr so schlimm gemacht worden, wie jetzt eben! — aber auch der großen Vornehmheit, in der er dem so viel Jüngern und unbekannten Landpfarrer gegenüber Stellung nahm …» (Briefdurchschlag im Karl Barth-Archiv, Basel).↩
3
A. Jülicher, a.a.O. Sp. 467 📖 (bei Moltmann S. 95 📖).↩