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13. Juli 1920
Gestern wurde der Ausflug unserer Oberschule ausgeführt. Ich sah zuerst vom Eichberg aus mißbilligend und wehmütig nach |406 Leutwil hinüber. […] Und dann entschloß ich mich plötzlich, doch einmal nachzusehen, was dein Nachfolger für einer sei, ließ die Schule zur Linken den Homberg ersteigen und wandte mich auf das Sträßlein zur Rechten, berührte gedankenvoll die Stätte, wo wir einst im Frühjahr 1916 den Beschluß zum Angriff auf die zeitgenössische Theologie gefaßt, der uns seither in den Besitz wenigstens einiger Grabensysteme gebracht hat, und betrat dann den Bau «der Freunde von Leutwil», wo es in jeder Beziehung […] noch völlig leer ist: in deinem Studierzimmer ein paar bekannte Möbel, an den Wänden seltsame militärische und studentische Trophäen und verschiedene Gerätschaften zum — Rauchen, in Wandkästen drei Reihen funkelnagelneuer Bücher, die im Ganzen eher auf positive Theologie hinweisen, zwischen dem allem der neue Pfarrer, munter eben vom Kirschbaum herabgestiegen, das einzige lebende Wesen im Haus, ißt und schläft noch auswärts, da er keine Haushälterin findet, offen und zugänglich (wahrscheinlich ziemlich nach allen Seiten zugleich), […] mir gegenüber ahnungslos-zutraulich, sichtlich voll guten Willens für alles und Jedes. Er will demnächst zu mir kommen, um meinen «Rat» einzuholen. Über was weiß ich noch nicht recht. Die Situation ist etwas mephistophelisch. Obs wohlgetan ist, diesen Jüngling direkt an den Rand der Wüste zu führen, oder ob ich nicht lieber zunächst etwas alttestamentlich mit ihm rede (im Sinn des Briefes deines Vaters)? Das völlig Unbeschriebene, Ehrliche an ihm ist jedenfalls gut. Ich hieß ihn zunächst möglichst ausgiebig in diesem Staunen zu verharren und sich von niemand und nichts in die Tasche stecken [zu] lassen, weil heute alle Taschen löcherig und unwirtlich seien, und die Kirche gerade da, wo man am besten wisse, wie mans macht, voll Lug und Trug. Nachher stieg ich über die Felsen nach Kulm hinunter, um dort die Schule wieder einzuholen. Vorher war ich eine halbe Stunde bei E. [dem neuen Pfarrer in Kulm], der mir viel weniger erfreulich vorkam: erstaunlich fertig und sicher […], ein eifriger kleiner Ostschweizer, der zur Verbesserung der Welt vorläufig mit dem volltönenden christlichen Bekennen aus der Tiefe seiner |407 Überzeugung (die das Heiligste sei, was der Mensch habe) den Anfang machen will. […] Sind das nun eigentlich die Pfarrer, die während des Krieges studiert haben? So schnell schon wieder in den bekannten Vorkriegshäfen? Wenn wirs auf eine «Bewegung» abgesehen hätten und nicht auf die Niederlegung einiger steinerner Tafeln [vgl. Jes 30,8], die Zeit haben, auf ihre Leser zu warten,1 wie bedenklich müßte uns der gewisse infantile Zug, den alle diese jungen Mitkämpfer zu unserem Erstaunen zur Schau tragen, stimmen! So stimmt er uns nur zur Beharrlichkeit und freundlichem Gewährenlassen.
[…] Unter deiner Sendung habe ich besonders den Brief deines Vaters mit Respekt und Belehrung gelesen. Sein Hauptgedanke, die Trennung des Pfarramts in eine alt- und neutestamentliche Sphäre ist eine Möglichkeit, die mich angesichts der krassen Belastung und Beraubung, die meine Lehre für das Gros meiner armen Gemeinde bildet, gerade in letzter Zeit stark beschäftigt hat. Sind wir weise, indem wir das «Volk» so mit dem Geheimnis des Evangeliums bedrängen? Sollten wir das nicht in der Tat für Bibelstunden und ein paar wenige seelsorgerliche Gespräche aufbewahren, für Predigt, Kinderlehre, Unterweisung, Beerdigungen und Hochzeiten dagegen uns ein handfestes gesetzlichchristliches Systemlein zurechtzimmern, das dann, mit überlegenem, gütigem, wissendem Humor gehandhabt, den Bedürfnissen des Augenblicks Genüge leisten würde, wobei wir uns bewußt und demütig in die Reihe der Pfarrer zu stellen hätten, die überhaupt nichts wissen und haben als dieses Systemlein? Oetinger (und die Schwaben überhaupt!) sind jedenfalls diesen Weg gegangen, und wenigstens seine Möglichkeit ist sicher ernstlicher zu überlegen, als wir es bis jetzt getan haben. Ich möchte aber deinen Vater fragen können (vielleicht tust du es): ob er wohl sieht, wie nahe sich dieser sein (resp. [Joh. Tob.] Becks) Vorschlag mit dem Overbecks im letzten Teil seiner «Christlichkeit»2 berührt? ob er einen grundsätzlichen Unterschied sieht zwischen der gnostischen Lehre von Eso- und Exoterikern und dieser Lehre? Ob nicht gerade diese Beckisch-Overbeckisch-gnostische |408 Unterscheidungslehre den schlimmeren, den eigentlich schlimmen Aristokratismus des Geistes enthält, den sie vermeiden möchte? Ob mit dieser Unterscheidung, die im N. T. soviel ich sehe, nicht vorgesehen ist, nicht etwas verraten wird, was, wenn man es einmal gemerkt, auch aus Liebe zum Volk, nein, gerade um der Liebe zum Volk willen, nicht mehr preisgegeben werden darf: Die Einheit von Schöpfer und Erlöser, die Erlösung der Schöpfung in Christus (der Römerbrief, der «Eingang in das Alte Testament» — nicht umgekehrt!! — wie Luther in seiner Vorrede sagt)? Ob diese Unterscheidung nicht die Wiederaufrichtung der im Galaterbrief niedergelegten Position der Judenchristen wäre? Ob wir das wirklich wollen? Und wenn wirs schon wollten, ob wirs können? «Wer von dem Honigseime der Ewigkeit geschmeckt …»3 Müssen wir nicht (heute) hindurch mitsamt unsern Gemeinden? Ich kann lange alttestamentlich mit der «Furcht Gottes» anfangen, nachdem ich einmal weiß, daß es sich schon im A. T. um Christus handelt, fällt das Gesetz schon im A. T. um, und den augenblicklichen Bedürfnissen des Volkes ist — wenigstens scheinbar — wieder nicht gedient. «Wir wissen schon zuviel», wie Overbeck selbst gesagt, darum finden wir die Harmlosigkeit nicht wieder, die zur Ausführung des Beckischen (und Overbeckischen!) Vorschlages gehören würde. Aber zur Beunruhigung müssen wir ihn uns jedenfalls dienen lassen. Die von deinem Vater erwähnte Schrift von Kübel
📖 wird auch in der 2. Auflage von Overbecks «Christlichkeit» (S. 174)
📖 lobend genannt. Wir sollten sie einmal einsehen können. Sie heißt «Christliches Bedenken über modernes christliches Wesen». Von einem Sorgenvollen (anonym!) 3. Auflage, Gütersloh 1889. R. Kübel ist 1894 gestorben.
Der Einwand von Hartmann [in seinem Brief] steht zu dem deines Vaters in einem eigentümlichen Verhältnis. Während dein Vater das Unpopuläre unserer «Lehre» mißbilligt, fürchtet Hartmann (der U.S.P.-Mann4) bereits, wir könnten auf der obern Stufe der Beckischen Scheidung wieder populär, verständlichallzuverständlich werden. Gut, das läßt sich hören. Ich habe |409 zwar davor keine Angst. Wir haben wenigstens bis jetzt noch immer wieder alsbald niedergerissen, was wir zu bauen geschienen hatten. Daß er seinen Widerspruch (wie Heiner) bei dir einhakt, ist insofern verständlich, als du — im Gegensatz zu meinem schrecklichen Vormichhin-Reden — tatsächlich zu den Menschen redest, ihnen etwas gibst und bietest. Den Hartmannschen Verdacht (mehr ist es ja nicht und wie intellektuell gefaßt und vorgebracht!!) mußt du als Fatalität deiner Fähigkeit zum Auf- und Abbauen, an die ich gestern, über die gesegneten Fluren Leutwils wandelnd, denken mußte, in Kauf nehmen und dir keine Skrupeln deswegen machen. Daß man diesen Verdacht gegen mich, dessen Fußspuren nicht «von Fett triefen» [vgl. Ps 65,12], nicht so haben kann, ist kein Lob für mich. Wollte doch mein Nein endlich auch in Form eines «Weges» den Leuten zum Bewußtsein kommen können! Also laß Hartmann reden, verweise ihn auf die leeren Bänke meiner Kirche und sage ihm, von «Heilsordnung» sei keine Rede. […]
Mit herzlichsten Grüßen
Deinen Geburstag habe ich wieder einmal nicht bemerkt. Vielleicht werden wir später auch wieder aufmerksamer auf das Biographische.