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20. April 1920
Ich habe dir Vieles zu erzählen über die seit unsrer plötzlichen Trennung am Sonntag eingetretenen Ereignisse. Das nächste war eine plötzlich beschlossene und energisch durchgeführte Velofahrt mit Nelly, Pestalozzis und Frl. Wehrli von Aarau nach Luzern mit großen Naturfreuden, kopfschüttelnden und doch seelenruhigen Gesprächen über das Thema des Tages und einem trefflichen Essen in Beromünster. Am Abend rollte ich dann noch per Achse nach Basel zu meiner Mama. Sie hat nun nach langer Zeit der Mißbilligung den Weg wieder gefunden zur Einsicht in unsre Wege, und ich hatte sehr schöne Tage mit ihr, Heiner (der meinem Vortrag den philosophischen Segen erteilt hat!) und meiner Schwester. […] Am Sonntag war ich bei Liechtenhan in der Predigt. Er stellte sich nicht undeutlich als «das irdene Gefäß» neben den zu seinen Füßen thronenden Benz (2.Kor. 4 [V. 7]).
379Am Nachmittag ging ich beherzten Schrittes zu Eberhard Vischer und fragte nach Harnack. Ich platzte dort mitten in eine große Einladung, […] wo sie mich (wie ich später auf Umwegen hörte) eben verhandelt hatten. Harnack thronte auf einem Kanapee, wurde «Exzällänz» genannt und teilte den Damen Bonmots aus (zwei Dinge seien international: das Geld und der Geist und ähnliches!). Nachher gabs eine einstündige Entrevue mit ihm und Eberhard Vischer. Ich fragte ihn, was er unter «profan» verstehe, und hörte, daß er damit meine auch von Schlatter geübte Einseitigkeit verstehe, die das Geheimnis Gottes verletze. Nicht so glatt konnte er antworten auf meine Frage, ob er mir nicht wenigstens historisch (N. T.) recht geben müsse. Die beiden Herren verwickelten sich bis zu der Behauptung, Sündenvergebung sei etwas ganz Einfaches, das einfach zur Nächstenliebe gehöre, und das er, Harnack, beständig übe. Etwas Erschütterung sei der Kirche wohl zu wünschen, aber ich solle meine Auffassung von Gott (καινὴ κτίσις) doch lieber für mich behalten, keinen «Exportartikel» (!) daraus machen. Zuletzt wurde ich als Calvinist und Intellektualist beschimpft und mit der Weissagung, daß ich nach allen Erfahrungen der Kirchengeschichte eine Sekte gründen und Inspirationen empfangen werde, entlassen und von Eberhard Vischer mit gütig lächelnden Bemerkungen über Overbeck, den er «à fonds» kenne, zur Türe geleitet. Gut, nichtwahr?! — Am andern Morgen meldete ich mich flugs telephonisch bei Carl Albrecht Bernoulli, der mich freudig am Tram in Ariesheim in Empfang nahm und in seine Klause führte, wo das gute Wort: «Tenax propositi!» an der Wand steht, und wo wir dann eine gute vorläufige Aussprache hatten. Er gefällt mir persönlich viel besser als aus seinen Schriften. Von hüst! und hott! war keine Rede mehr. Die Tambacher Rede hatte ihn einigermaßen belehrt, daß wir auch nicht eben erst aus dem Ei gekrochen, und so fragte er hauptsächlich, und ich gab, so gut es ging, Auskunft. Es war ein freudiges offenes Beisammensein. Sein «Psychismus» ist eine ganz vage Sache; vielleicht läßt er sich allerlei von uns sagen und besonders von Heiner, auf dessen Buch
📖 er gespannt ist. Allerlei |380 Schrulliges mag im Hintergrund lauern, aber gerade der hochnäsige Kulturmensch, den ich hinter ihm vermutete, ist er nicht. Es ist alles im Rollen. — Auf seinen Rat ging ich am Nachmittag zu Frau Professor Overbeck, und das war nun ganz fein. Sie ist völlig auf dem Laufenden, eine häßliche, lebhafte, gescheite alte Dame, nahm mich sehr herzlich auf und entwarf mir ein Bild von ihrem Mann, das nun einfach haarscharf stimmt zu unsrer Auffassung. Die Broschüre1 kann ruhigst erscheinen, es ist Alles in Ordnung, und über die Basler Alleswisser werden wir lachen, mehr als sie über uns. Sie zeigte mir ein weiteres gutes Bild von ihm. Dir läßt sie sagen, du habest ihr durch deinen Brief an Bernoulli eine sehr glückliche Viertelstunde gemacht, und sie freue sich, dich auch kennen zu lernen. Wahrscheinlich war sie früher nicht ohne Schärfe. Sie sagte gute Dinge über alles Mögliche, z. B. über Geistleiblichkeit (ich mußte ihr aus einer großen aufliegenden Bibel einige Stellen aufsuchen! […] Nur vom Sozialismus wollte sie nicht viel wissen […] und hieß mich wiederkommen und alles Literarische zusenden. Eine treffliche rückendeckende Beziehung, nichtwahr!
Heute Nachmittag bin ich wieder zurückgekommen. Wir müssen nun beide in die Hände speuzen zur Vorbereitung neuer Taten. Es ist offenbar, daß der Götze wackelt. Harnack machte den Eindruck eines im Grunde gebrochenen Mannes, er wußte wirklich erstaunlich wenig außer seinen erhabenen Witzlein, die ihm auch noch einmal ausgehen werden. […] Ich las eben deine Predigt nochmals2 und finde sie ausgezeichnet, ich stehe zum Ganzen und zu jedem Satz und begreife nicht, was [mein Bruder] Peter da nicht begreift. […] Ich werde der CSV3 noch einmal Freiheit geben, mich abzustellen. Der Schrecken scheint gerade in diesen Kreisen nicht gering gewesen zu sein.4 Ich habe einen Vetter dabei, der mir heute ein ängstliches Gepiepse vortrug, es seien Viele in völliger Ratlosigkeit vom Platze gegangen. […] Umso besser die wackere unbekannte Aarauerin.