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31. Mai 1920
Deine Abschiedspredigt ist ein gutes starkes Zeugnis, voll reifer Überlegung und Umsicht. Man darf es einmal auch so sagen, sicher, so im besten Sinne positiv, gebend, tröstlich. Daß ich es nicht so könnte, beweist nur allerlei gegen mich. Ich nehme diese Predigt als eine gute Rückendeckung gegen alle die Beschwerden über unser sonstiges Nein! Es kann von uns aus erst recht Ja gesagt werden, wenn wir es auch, aus Gründen, besonders den Pfarrern in der Regel vorenthalten. Sende sie doch auch Schädelin und Ludwig, unsern Bernischen Brüdern. Ein Exemplar sandte ich eben an Merz nach München. Eines lege ich in mein Exemplar unserer Predigten, eben als Trost, Erinnerung und Mahnung an mich selbst.
Der 2. Korintherbrief geht wie ein Sturzbach über mich. Aber das Wenigste kann in Form von Predigten weitergehen. Das große Wenn und Aber! schiebt sich drohend zwischen Paulus — und mein Reden und der Safenwiler Hören hinein und macht das ganze Licht, das eigentlich in diesen Texten ist (ich bin eben am 4. Kap.), |393 gebrochen, conditional, kirchlich könnte man auch sagen. Ich bin vielleicht wie Hartmann im Grunde auch nur Betrachter und Referent mein Leben lang.
Erzähle mir noch mehr von Hartmanns Widerfahrnissen in Zürich [Gespräche mit Kutter und Ragaz] und von dem Ausgang seines Abenteuers in St. Gallen. Pestalozzis schreiben, es sei mit ihm «ganz interessant, mitunter etwas komisch» gewesen. Was mag er sich alles geleistet haben? Man ist doch etwas beruhigt und dankbar, daß ihn die Wellen des Bodensees nun wieder zu den andern «Deutschen» getragen haben.
[…] Die Karte vom Schlüchterner «Pfingsttreffen» als Zeugnis davon, wie sich die schweizerischen (B. K.) Aufgeregten mit den deutschen über unsern Köpfen die Hände gereicht haben. […] Heitmüller [war] etwas in Verlegenheit?! Ich habe ihm sein angebliches Diktum natürlich zugestellt mit der dringenden Bitte, mich doch gerade in Bezug auf Einzelnes zu belehren.
Gestern hatte ich wohlgezählte 42 Leute in der Kirche (Organist und Sigrist mitgerechnet). Diese gähnenden leeren Bänke, vor denen ich meine paulinischen Erträgnisse zum Besten gebe, sind wohl die Gestalt des «Todes» [vgl. 2.Kor 4,11f.] durch die ich in der rechten Demut erhalten werden soll.
Am Donnerstag […] soll in Aarau Kapitel sein. Thema: der Kirchenbegriff in der neuen Verfassung. Referenten: Oswald Eggenberger1 und René Gloor. Keine guten Vornamen! Ich weiß noch nicht, ob ich gehe. Wenn ja, so könnte es Schwefelgeruch geben. […]
Mit herzlichem Gruß an dich und Marguerite