28. Mai 1920

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

Hier die Abschiedspredigt.1 Bin ich darin doch nur allzusehr «segnend über die Fluren» geschritten? Du darfst dich wirklich beruhigen, es wäre mir oftmals besser gewesen, ich hätte auch um mich eine breitere Verwüstungszone gelegt; das Beste war vielleicht doch die Steuerkommission und die Gründung einer Tabakarbeiter-Gewerkschaft.

392Gestern Abend habe ich also den Vortrag von Hans Hartmann gehört. Er redete nicht anders, als wir es schon in Tambach hörten, d.h. wenig präzis und gedrängt. Er bleibt, trotzdem er vom Erdbebenherd herkommt, jedenfalls in seinem Reden noch viel zu sehr Betrachter und Belehrer, zu wenig Zeuge, d.h. Augenzeuge und Ohrenzeuge und schließlich auch Wortzeuge. Schade! Ich griff nachher kurz ins Gefecht ein, um einigen falschen Beruhigern entgegenzutreten. Das Ganze war ein mäßiges Schauspiel, der typische «Vortrag mit Diskussion».

Herzliche Grüße von uns Beiden!
Dein
Eduard

Sachfußnoten

1
E. Thurneysen, Abschiedspredigt über 1.Sam. 20,23, gehalten in Leutwil am Karfreitag 1920 (Privatdruck).↩