1. Juni 1920

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

Gestern ist Freund Hartmann wehmütig wieder über den Bodensee zu seinen deutschen Brüdern geschwommen. Wir wol|394len nun sehen, was sich Weiteres über und durch ihn ergeben wird. Sicher ist, daß er sich ordentlich kleinlaut bei uns vorkam und sich, wie er sagte, wie ein Schwamm vollsog an unserer ihm merkwürdigen und beachtenswerten «Todesweisheit». Es wäre nicht unwert, etwa von Georg Merz eine erste Meldung zu erhalten, wie sich die Wirkung unseres «Wurmpulvers» bei Hartmann in München äußert. Persönlich, einfach als Kind unsrer Tage von jenseits der Grenze, ist er mir in diesen Tagen hier eigentlich sympathisch geworden, aber als Kämpfer und Denker, als Redner und Täter des Wortes bedenklich erschienen. Das fatalste ist die Versammlungssicherheit, die er zur Schau trägt. Da ist etwas vom Geschäftsreisenden in Revolutionsware in Erscheinung getreten. Es war bedenklich wenig vom Erdbeben selber zu spüren, von dem herzukommen er behauptete. Wir wollen ihn nicht loslassen, wenn er weiter die Verbindung halten will. Ich habe ihn nachdrücklich auf die Bibel verwiesen. Wie viel einfacher finden doch Laien den Weg zur Sache als so versatile und begabte Theologen wie Hartmann. In Zürich scheint er mit Kutter und Ragaz leicht fertig geworden zu sein. Am meisten gabst du ihm offenbar zu schaffen. Armselig leben muß er sicher, er kam von Solingen bis Basel 4. Klasse.

Wenn du im Juni kommst, bring doch deine Studien über den 2. Korintherbrief mit. Den Plan mit dem Epheserbrief darfst du nicht bei Seite legen. Ich dachte beim Lesen deiner Blätter, was für ein prachtvoll bewegtes Zeugnis dieser Brief ist.

Was für eine Rede führt Ragaz wieder in den «Neuen Wegen»!1 Rudolf Pestalozzi fordert mich fast gebieterisch auf, mit meinen Ausführungen über den Völkerbund am hiesigen Diskussionsabend in den «Neuen Wegen» zu antworten.

Herzlich
Eduard

Sachfußnoten

1
L. Ragaz, Nach der Schlacht, in: Neue Wege 14 (1920), S. 228ff. 📖↩