21. Mai 1920

Karl Barth an Eduard Thurneysen

389
Lieber Eduard!

Hier allerhand Beträchtliches zurück und zur Einsicht. Die Leutwiler Briefe haben mir sehr viel gesagt, vor allem mich sehr beunruhigt, weil sie mir aufs neue gezeigt haben, was du kannst und was ich nicht kann und doch so gerne können möchte: mit den Leuten leben, segnend als guter Geist über die Täler und Fluren meiner Gemeinde schreiten, als ernster Faktor unter den Behörden für das gemeine Wohl wirken, kurz des Glaubens leben, der durch die Liebe tätig ist [vgl. Gal 5,6]. Wie dürr sieht |390 es da bei mir aus! Wie sang- und klanglos müßte ich von hier verschwinden, wenn ein so unnützer Knecht wie ich überhaupt einer andern Gemeinde erwünscht wäre. Als glücklicher Besitzender hast dus lange gut, mich damit zu trösten, daß es darauf nicht ankomme. Du darfst das denken und sagen; ich nicht.

[…] Bornhausen, Merz und Johannes Müller reden für sich selbst. An den Letztern habe ich ein Sendschreiben gekanzelt, das ich beilege, zum Weiterspedieren, wenn du es für recht hältst. […] Die Art wie dieser im Römerbrief 📖 Geschädigte sich meldet, sticht aber so vorteilhaft von Ragaz ab, daß es mir geboten schien, die Tore weit und die Türen in der Welt hoch zu machen [vgl. Ps 24,7.9]. Die vier Bedenken, die ich ihm vorlege, werden ihm ja deutlich genug zeigen, daß wir darum weder nach Canossa noch nach Elmau zu gehen gedenken. — Bornhausen habe ich geschrieben, das Geheimnis [des Erscheinens] des Römerbriefes sei ein sehr einsichtiger und einverstandener Großeisenhändler, er solle sich unter seinen schweizerischen Gesinnungsfreunden auch nach einem solchen umsehen, dann werde mit [seinem] Pascal [-Buch] 📖 Alles gut kommen. Im übrigen habe Goethe trotz Erddiametern mehr mit Schiller anzufangen gewußt als leider er [Bornhausen] auf der Höhe seines «frommen Daseins» mit mir etc.

Wir haben eine vorzüglich gelungene Veloreise mit Pestalozzis hinter uns. Wir rollten am Sonntag Nachmittag von hier nach Dießbach zu Ludwigs, mit denen wir uns sehr gut und erfreulich verständigten. […] Am zweiten Tag gelangten wir mit Abstecher nach der Petersinsel (klassisches Mittagessen) nach Peseux, wo mir Herr Béginn1 versicherte, daß er sur tous les points parfaitement d’accord mit mir sei, nur müsse ich ihm sagen, ob ich wirklich meine, die Auferstehung sei visible de mes yeux, vous entendez: ici (er zeigte dabei mit dem Finger auf seine betreffenden)? Ich versicherte ihm: que oui, worauf er mir zu verstehen gab, daß in diesem Fall mit meiner Lehre in der welschen Schweizangesichts der mentalité dieses glücklichen Landes nicht viel zu machen sei. Sie stünden in vollem Kampf mit der Orthodoxie und müßten mit clarté und loyauté auf der résurrection purement |391 spirituelle bestehen. Im Übrigen schwärmte er mächtig für F. W. Foerster und seine Lehre von der Buße der Deutschen, von der er mit Foerster das Heil der Welt erwartet. Vom Völkerbund wurde von beiden Seiten weislich geschwiegen; allerlei Fahnen und dgl. redeten von der ungehemmten Freude der welschen Kindsköpfe. Am Dienstag strampelten wir unaufhaltsam nach Bern hinüber (klassisches Mittagessen in Aarberg), wo ich Professor Gilg2 (den Altkatholiken) besuchte und mit Pestalozzis den Abend bei Schädelin verbrachte […]. Ich vernahm, daß wieder eine kleine Intrigue bei positiven Parteihäuptern im Gang ist, um mich doch noch an die neue Friedenskirche dort zu bringen, und daß Lüdemann3 und Steck4 «nachweisbar wirklich» darum nicht abgeben wollen, weil sie fürchten, ich könnte … Doch ist das vielleicht mehr Schädelins und de Quervains5 Vision, als schlichte Tatsache. Am Mittwoch kamen wir heim, nur noch die letzte Strecke, von Langenthal hieher, zu Roß — ermüdet und erfrischt zugleich. […]

Mit herzlichem Gruß euch Beiden
dein
Karl

Sachfußnoten

1
Charles Béguin (1883–1954), Sekretär des CVJM, Schwager von R. Pestalozzi.↩
2
Arnold Gilg (1887–1967), Prof. für Kirchen- und Dogmengeschichte an der altkatholisch-theologischen Fakultät in Bern.↩
3
Hermann Lüdemann (1842–1933), Prof. für systematische Theologie in Bern.↩
4
Rudolf Steck (1842–1924), Prof. für N. T. in Bern.↩
5
Alfred de Quervain (1896–1968), reformierter Theologe, am Ende seiner Laufbahn Prof. für systematische Theologie in Bern.↩