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3. Juni 1919
Lieber Freund!
Nelly will morgen, als wärens wir beide, hinüberradeln, um das Büblein1 zu sehen und euch zu sagen, daß wir mitbewegt sind von eurer großen Freude. Ganz besonders ich von der deinigen, denn ich weiß, daß man als Vater in ganz besonderer Weise dabei ist, wenn es heißt: uns ist ein Sohn geboren, innerhalb des hoffnungsvollen Kreises dessen, was Mensch heißt, aus dem und zu dem geschaffen, was unsereins besonders gut versteht und mit Teilnahme in seinem Werden begleitet. Nun wirst du bald auch anfangen, prüfend zu beobachten, obs sich zum Polytechnikum oder zum Sammetkäpplein oder zu einer Oetinger’schen Verbindung von Natur und Gnade hin entscheiden will. So oder so, dieser Jüngling wird unter deiner mild-weisen Leitung zum vornherein unter eine Verheißung gestellt sein. Matthias ist gut, denn dieser Ersatz-Apostel soll, wie ich eben heute gelesen, im 2. Jahrhundert in besonderem Ansehen gestanden haben, nach einigen wäre er der berühmte Levi, von dem du ja mehr weißt als andere Leute. Eduard Thurneysen III ist auch gut, mehr als gut, und hoffentlich wird er meinem Christoph einst ein ebenso treubewährter Verbündeter, wie es Eduard I und II dem Großvater und Vater Barth gewesen sind und noch sind. […]
Es ist viel zu erzählen und zu erwägen. Über Himmelfahrt hatten wir Otto Lauterburg2 hier. Er ist menschlich sehr sympathisch geworden, als Pfarrer eine ganz unheimliche Gestalt, eine letzte Inkarnation der Kirche, die nichts gemerkt hat, weder von der realen Welt noch von der realen Bibel, sondern sich in tausend raffinierten Künsten ergeht und verzehrt und sich überdies noch für «kindlich» hält. Er mutete mich an wie eine der philanthropischen Gestalten des 18. Jahrhunderts, mild rationalistischer warmherziger Pietist, Lavater mit Basedow’schem Einschlag. Verdächtige Vorliebe für Haydn gegenüber den zerrissenen Modernen, für die «einfachen» «Jesus-Worte», z. B. die «wasserklaren» Gleichnisse, gegenüber Paulus, von dessen Frömmigkeit er zwar |330 «ergriffen» sei, dessen «Auffassung» er aber nicht in allen Punkten (z. B. nicht in der Eschatologie und in der Stellung zum Kreuz) «beistimmen» könne. Lebhaftes Interesse an der Freiheit der Frommen und an der Frömmigkeit der Freien. Gegenüber meinen Mitteilungen aus Eph. 3 in der Predigt ebenfalls «Ergriffenheit», sogar Ja-Sagen, aber vorsichtige Warnung vor Unverständlichkeit für die Einfältigen durch allzu einseitiges von «Gott» reden ohne erzieherische Winke. Einwände aus der Vernunft werden durch Hinweise auf allerpersönlichste «Führungen», Einwände aus der Bibel durch historisch-kritische Erwägungen erwidert. Auch vom Römerbrief
📖 ist er «ergriffen», weil ich Paulus gar so trefflich «erlebt» habe. Das Weitere vorbehalten. In seiner Gemeinde große Erfolge (Berge von Briefen, 25 Vorträge über Erziehung vor 100 Zuhörern mit [nach]folgender Gründung einer freien «Gesellschaft der Heimatfreunde»), aber auch Kämpfe wegen bibelkritischer und sozialer Äußerungen. Kurz eine instruktive Persönlichkeit, mit der ich jedenfalls dialektische Fühlung behalten möchte, auch wenn er mir immer nur mit halbem Ohr zuhören wird. […]
Ich las diese Woche mit ziemlicher Freude «Das Heilige» von Otto
📖. Die Sache ist zwar psychologisch orientiert, weist aber deutlich über die Grenze hinaus auf das Moment des «Numinosum», dem rational nicht beizukommen ist, weil es das «Ganz Andre», das Göttliche an Gott ist. Anbahnung einer grundsätzlichen Überwindung des Ritschlianismus. Letzte Erkenntnisse zeigen sich wenigstens an, wenn die Sache auch nicht ganz in Fluß kommt wegen beibehaltener theologischer Betrachter-Rolle, die sich mit dem ziemlich wohlverstandenen Objekt nicht verträgt. Aber jedenfalls eine Verheißung, daß die Dinge in Deutschland auch am Weitergehen sind und daß wir uns mit unsern dortigen Freunden von der modernen Theologie eines Tages schon wieder begegnen könnten. Jetzt bin ich an Zahns
📖 neuem Kommentar zur Apostelgeschichte.3 Er weiß im Einzelnen viel Nützliches, und seine Orthodoxie ist ein gutes Gegengift gegen die kräftigen Irrtümer dieser Zeit, unter denen die Behandlung der Acta beson|331ders zu leiden gehabt hat, ist aber an sich doch nichts Erfreuliches und Lehrreiches, sondern mehr eine rätselhafte Mumie.
Am Sonntag bin ich mit ausgerechnet zwölf Jüngern und Jüngerinnen (nebst neutral-wohlwollendem Kutscher), während hier ein Missionar predigte, nach Madiswil hinübergefahren, wo wir eine gute einfache, aber mit nützlichem Scharnier versehene Predigt von [meinem Bruder] Peter an seine konservativen Bauern hörten. Nachher stiegen wir auf die Hohwacht, sahen uns die halbe Schweiz an und bis zu eurem Steinerberg hinüber und lagerten uns dann im Walde zu vielstündigen Gesprächen über die Lage, mit dem Ergebnis, daß alle Absonderungen in der Gemeinde aufhören müßten und daß deshalb solche Unternehmungen höchstens einmal im Jahr stattfinden dürften. Auf der Heimfahrt brachte denn auch einer der neuen Kirchenpfleger (er ist Landwirt, Sozialist und Kranz-Turner und behauptet im Gegensatz zu O. Lauterburg, überhaupt nur meine Predigten seien ihm verständlich!) die mehr weltliche Lust zu geziemenden Ehren und verhinderte so allen keimenden Pharisäismus der kleinen Herde. […]
Die neue Kirchenpflege läßt sich nicht übel an. Wir besuchten als Erstes die Kirchenpfleger-Konferenz [in Kölliken] und schüttelten gemeinsam den Kopf über die gänzliche Unnützlichkeit des Unternehmens. Andererseits wollen sie mir nun die Besoldung von 3600 auf 4500 erhöhen. Doch stehen noch Kämpfe bevor mit dem Gemeinderat. […] Auch vom Kirchenaustritt wird immer noch gemunkelt, und die Protesterklärung gegen mich zirkuliere immer noch irgendwo, niemand weiß genau: wo?
Hast du den heutigen Bekenntnis-Artikel des neuen Redaktors am «Freien Aargauer» beachtet? Der kann noch gut werden. […] Ich habe H. einen Protestbrief geschrieben über die Lendenlahmheit der Kirche, die fünfe immer noch gerade sein läßt, während die Sozialdemokraten den Mann4 in richtiger Erkenntnis ausgeschifft haben. Einige allgemeine Betrachtungen wurden natürlich angeschlossen, wie sie mir der Geist eingab. In der folgenden Nacht träumte ich heftig von Wernle, dem ich entsetzlich wüst |332 gesagt habe, während du überaus wehmütig mißbilligend neben mir gestanden seiest.
Wir hatten dieser Tage große Freude an einem rechten Gotteskind aus dem Kanton Bern, einer kranken alten Jungfer, die zufällig in unser Haus geriet. Sie kann nur «basteln», d.h. alles Mögliche und Unmögliche (besonders Spielsachen) reparieren, was sie denn bei uns zwei Tage lang besorgte. Dieses aber tat sie unter beständigem Gebet um die rechte Einsicht und tatsächlich mit größter Vollständigkeit und Geschicklichkeit und steht so einfach in der Gnade mit ihrer ganzen Gebrechlichkeit. Was sie vorbringt, hat alles Vernunft, sie verfolgt sogar die Pariser [Friedens-] Konferenz und bemerkte in meinem Zimmer gleich den Grünewald5 als das Wichtigste. Das ists! Das wäre die Einfachheit, die Lauterburg zu haben meint, und die wir auch noch nicht haben.
Ja, Paris und Ragazens Gottesurteil6 zur Rechten und zur Linken unter Verwahrung, er wolle durchaus nicht recht gehabt haben, immerhin […]. Und Röm. 13 wird fernerhin außer Zusammenhang gelesen und historisch erklärt.7 O Welt. Genug — «ein jeder sein Gesichte mit steter Wendung richte …!»8 Der Tag wirds offenbar machen [vgl. 1.Kor 3,13].
Schreib mir auch bald wieder und empfange herzlichste Grüße von