10. Juni 1919

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

[…] Am Montag Morgen fuhren wir […] velociter nach Aarburg an die CSV-Versammlung, wo ich — am Freitag Abend telegraphisch aufgeboten! — für Foerster in die Lücke treten mußte. Vielleicht kommst du aus Beiliegendem einigermaßen draus, was ich ihnen mitgeteilt habe.1 Die Hauptsache waren einige Vorlesungen aus dem Prediger, aus 1.Kor. 15, Kol. 1 und Offenbarung (bedenke, daß ich nur die Nacht zwischen Sonntag und Montag zur Verfügung hatte!). Doch kamen beim Vortrag die drei regna: naturae, gratiae und gloriae wenigstens soweit deutlich hervor, um das gebührende Befremden zu erregen, das sich alsbald in einer sehr lebhaften und im ganzen guten Diskussion entlud, in der ich mit Fragen und kleinen Protesten nur so überschüttet wurde und immer wieder reden mußte. Der Pietismus offenbarte sich in seiner Stärke und in seiner Schwäche. Betreffend die Eröffnungen über das Reich der Herrlichkeit wurde mir das Anti-Ragazische zu rasch abgenommen, während man gleichzeitig befürchtete, der Verweis auf die Ewigkeit müsse den Ernst gegenüber der Sünde abschwächen! Doch behielt ich bis zuletzt im Ganzen guten Kontakt mit den Diskutanten, und vielleicht ist trotz der anfänglich spürbaren Entrüstung etwas hängen geblieben. Das Beste brachte ein Württemberger Dr. Seh., Interniertenpfarrer in Luzern, der von einem uns sehr nahen Boden aus redete, mich völlig unterstützte und sagte, das sei das Wort, das durchaus auch die Lage in Deutschland umfasse. […] Schade daß du nicht dawarst, um den Regenbogen sichtbar auszuspannen. Wir rollten dann ziemlich befriedigt heim. […]

Wie wird das fein, wenn wir im Juli ins Wallis ziehen miteinander.2 Ich freue mich wie auf ein Fest. Vorher sollte noch Einiges erforscht werden. Der Epheserbrief beschäftigt mich lebhaft und gibt [Predigt-] Stoff für den ganzen Sommer. Kaftans «Philosophie des Protestantismus»3 ist eingetroffen. Die Einleitung machte mir |334 den geradezu ekelhaften Eindruck eines unbekehrten theologischen Greises; doch will ich noch weiterlesen.

Grüße Marguerite von uns beiden. […] Herzlichst
dein
Karl

Sachfußnoten

1
Vortrag über «Christliches Leben» am 9.6.1919; unveröffentlicht.↩
2
Gemeinsame Ferien von Barth, Thurneysen und R. Pestalozzi auf dessen Einladung, 20.-31. Juli 1919.↩
3
J. Kaftan, Philosophie des Protestantismus. Eine Apologetik des evangelischen Glaubens, Tübingen 1917. 📖 ↩