21. Mai 1919

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

[…] Ich habe mir Ehmanns «Leben und Briefe Oetingers»1 antiquarisch erstanden und lese das Buch mit höchster Befriedigung. Welche Umsicht in jeder Beziehung! Welch ein Reichtum an Lichtern! Welche Vorausnahmen und z.T. bereits Überholungen unserer Weisheiten! Und was für ein erfreuliches «merkurialisches» Gesicht vorne im Buch! Daß man uns Theologie studieren ließ, ohne uns auf solche Dynamiker aufmerksam zu machen! Ich kann mich fast nicht trennen von dieser Lektüre. Für nachher steht schon bereit: «Das Heilige» von Otto 📖.2 Was mag das sein? Vorerst konnte ich erst die indische Götterfratze bewundern, die dem |328 Buch als Illustration beigegeben ist, und die rätselhaften Verheißungen des Inhaltsverzeichnisses: «Das Numinose», «Das Fascinosum», «Das Augustum», «Die Momente des Rohen» und dergl., von dem weder wir noch Oetinger bis jetzt etwas ahnten. Letzten Sonntag Abend predigte ich in Peters bernischem Tempel in Madiswil, und Nelly spielte Bach vorher und nachher. Über den Gang des Epheserbriefs erzählt sie dir wohl selber, wenn sies kann, es geht eben immer nur in den größten Linien zu, alle Sonntage eigentlich das gleiche, noch ausgesprochener, als wir es ohnehin tun. Die Exegese kostet mich viel Mühe, doch lohnen sich die breiten Flächen, die dabei sichtbar werden. […]

In den «Brosamen» der Evang. Gesellschaft in Bern [Nr. 17, 27.4.1919] erschien eine Rezension des Römerbriefes 📖 von Pfr. Ernst Gerber 📖, dem gefürchteten Papst und Ketzerrichter dieser Organisation, erstaunlich zustimmend, mit Ausnahme von Kap. 7, wo er den Stachel gemerkt und dawider gelöckt hat. Wernle würde rufen: Da hat mans! bei solcher Belobigung von Seiten von Leuten, die gelegentlich sogar meinem Vater Mißtrauensvoten aussprachen. Dagegen werde ich von kirchlichen Taktikern […] bereits gelinde beneidet um die «gute Presse», die ich habe!! Was werden wir noch alles erleben im Lauf unsrer weitern Entwicklungen? Oetinger kam auf einem gewissen Punkt mit der Theologie ins Reine und wendete sich dann entschlossen der Chemie, der Magie und Kabbala zu. Die Sprüche Salomos wurden ihm zur Drehscheibe. Werden wir auch einmal auf so einer Drehscheibe anlangen?

Herzliche Grüße und Wünsche dir und Marguerite
dein
Karl

Was ist von der «glücklichen» Wendung der kirchlichen Dinge in Deutschland (gestrige [Basler] Nachrichten) zu halten?

Sachfußnoten

1
K. C. E. Ehmann (Hrsg.), Friedrich Oetingers Leben und Briefe, als urkundlicher Commentar zu dessen Schriften, Stuttgart 1859. 📖 ↩
2
R. Otto, Das Heilige. Über das Irrationale in der Idee des Göttlichen und sein Verhältnis zum Rationalen, Breslau 1917 (und viele spätere Auflagen). 📖↩