11. Juli 1918

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Nimm vor allem unsern nachträglichen herzlichen Zuruf entgegen zu deinem Geburtstag. […] 30 Jahre sind eine schöne, runde, auch biblisch wichtige Zahl, uns aber wird es wohl wie Mose ziemen, bis zum 40. zu warten, ehe wir losbrechen, und vielleicht werden uns dann noch weitere 40 Wüstenjahre diktiert. So wirst du wohl nicht lange betrachtend bei den 30 verweilen, sondern mit steter Wendung gen Jerusalem1 schon wieder unterwegs sein und wir andern in getreulichem Gedenken mit dir.

Der Aarauer Konferenzbericht2 gibt mir sehr zu denken. Was für eine Wolke von Zeugen, die offenbar alle die gleiche Melodie singen wollen, aber im Effekt ists doch ein großes Durcheinanderrufen. Oder sollte das schon die Harmonie Jerusalems sein, in der dann tatsächlich jedes Stimmlein seine Melodie singen darf:: |285 Greyerz sein Banal-Horn-Motiv, Bader seine usw. In meinen Ohren überwiegt leider immer noch der chaotische Eindruck. Gehts dir besser? Fällt es dir nicht auf, wie spurlos unser beider Aarauer Predigten von 1916 und 1917α an dieser ganzen Schar vorübergegangen zu sein scheinen? Von unserm Buch 📖 nicht zu reden. Und das sind nun «unsere Freunde»! Sind wir eigentlich auch nur so ein Grüpplein unter diesen vielen vor sich hin lärmenden Grüpplein, und gäbe mans nicht besser auf, irgend etwas in diesen Knäuel ferner hineinrufen zu wollen, bis sie von selber schweigen auf ihrem «sogenannten Berg der Verklärung» (Greyerz)3 mit ihrer «alten Bibel» (Straub)4 und mit ihrem Bergson, der die Schöpfung noch viel tiefer verstanden [habe] als Mose.5 Lejeune beschäftigt mich am meisten: er sagt ja Alles auch, und noch viel schöner und gescheiter, als wir es sagen können, und bringt es doch fertig, in Adorantenstellung das Unservater korrigierend,6 dort aufzuhören, wo wir zögernd anfangen. Oder wie ists eigentlich? Fehlts nur mir an der wahren Boller Gnade, das Alles nun verstehend unter den Mantel zu nehmen und mich der hoffnungsvollen Keimlein zu freuen? Vorderhand lege ich das dicke Heft für 3 Fr. ermattet aus der Hand.

Die Emendierung meines Römerbriefmanuscripts 📖 ist als «sittliche Arbeit» mit bestimmtem quanti- und qualitativem Ziel ganz schön, ich schreibe von früh bis spät drauflos; aber sehr förderlich für die eigene Fortbewegung ist das nun gerade nicht. Ich bin nun am Ende der 6. Woche in dieser Art und habe das Gefühl einer leisen Versimpelung. Wenn ich einmal fertig bin, werde ich geistig aussehen wie eine vernichtete Division, die aus der Front zurückgenommen wird. Jetzt wäre der Moment, nach Boll zu gehen, gründlich Frühjahrsputzete7 zu halten. Jedenfalls muß dann wieder einmal eine große Wendung stattfinden. Denn es ist, wie du sagst, dieses ganze Geschreibe hat nur einen höchst vorläufigen Sinn.

Ja, die Idealisten. Das ist mir auch klar, lieber das als das dumpfe intuitive Treiben etwa Lejeunes. Aber mit dem N. T. konfrontiert eben doch um keinen Schritt weiter als die Nomos |286 Leute, mit denen Paulus offenbar zu tun hatte. Die Schlußbemerkungen Lindts sind äußerste Möglichkeiten — für uns gerade der Ausgangspunkt. So sehe ich «uns» doch auch nach dieser Seite fatal isoliert, solange wir nicht die Kraft haben zu beweisen, ihnen allen ihren Glauben zur Gerechtigkeit zu erklären, λογίξεσθαι. Aber das ist eben ein schöpferisches Tun, das in der Bibel eigentlich nirgends den Menschen zugeschrieben wird. Ich fühle mich durch die ganze Lage sehr beklemmt und beschämt. […] Wahrlich, ich setzte mich lieber zuhinterst in unsere von Lejeune neuerdings geschmähte Warte-Höhle, als nun meinerseits mit einem Buch hervorzulärmen, das im allgemeinen Trommelfeuer doch untergehen muß.

Mit herzlichen Grüßen an dich und Marguerite auch von Nelly
dein
K. B.

Sachfußnoten

1
Vgl. G. Tersteegen, «Kommt, Kinder, laßt uns gehen», Strophe 2 in der Textfassung des Gesangbuchs für die ev.-ref. Kirche der deutschen Schweiz von 1891, Nr. 327 🎵: «… Ein jeder sein Gesichte mit steter Wendung richte hin nach Jerusalem.»↩
2
Die XXII. Christliche Studenten-Konferenz. Aarau 1918. Den 11. bis 13. März, Bern 1918 📖. Darin: K. v. Greyerz, Moses, Elias, Jesus (Predigt über Mk 9,2–9), S. 5–20 📖; H. Bader, Erlösung, S. 21–38 📖; K. Straub, Die religiöen Grundlagen des Sozialismus, S. 39–66 📖; R. Lejeune, Das Schöpferische in der Geschichte, S. 85–131. 📖 ↩
3
A.a.O. S. 6 📖: «Eben darum laßt uns in dieser Stunde miteinander den Berg der sogenannten Verklärung betreten.»↩
4
A.a.O. S. 65 📖: «Lassen Sie mich am Schluß aus unserer alten Bibel zwei Stellen vorlesen.»↩
5
A.a.O. S. 125f. 📖; vgl. S. 59, 115 📖. ↩
6
A.a.O. S. 131. 📖 ↩
7
= Hausputz.↩