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11. Mai 1919
[…] Habe Dank für deine Bemerkungen zum Unterweisungsheft. Diese Woche fange ich nun neu an nach der gleichen Linie, im Einzelnen hoffentlich mit allerlei Verbesserungen. Der wunde Punkt ist in der Tat der zweite Teil mit seinem Hin und Her, in dem die Erlösung zu wenig zur Geltung kommt. Vielleicht darf es nicht viel anders sein vorderhand? Dein Vorschlag, mit einem kleinen Kapitel salomonischer Weisheit zu schließen, gefällt mir besonders gut.
Ich lege hier bei: […] zwei neue Rezensionen, […] die ohne Belehrung gelesenen Brunneriana. Es kommt mir alles so dran vorbeigeredet vor bei ihm, […] ohne daß ich genau sagen könnte, wo es eigentlich fehlt.
Von Montag bis gestern Sonntag war ich also in Basel. […] Während der ersten Tage frostiger Aufenthalt bei meinem reichen Götti1 am Leonhardsgraben. Er bezeugte mir sein Mißfallen an meinem Wesen und Schreiben, schenkte mir aber zuletzt trefflichen englischen Tabak. — Die Hochzeitsfeier2 ging programmmäßig in Szene. […] Bei Tisch geriet ich zuerst in die Hände des alten Rütimeyer und meines Onkels Dr. Barth,3 die gemeinsam über meinen Kopf hinweg der alten Burschenherrlichkeit nachtrauerten und Bitzius [Jeremias Gotthelf] gegen Dostojewski ausspielten. […] Dann war ich bei Adolf Preiswerk zum schwarzen [Kaffee], wo ich […] brüderlichen Zuspruch bekam wegen der Polemik gegen Ragaz im Römerbrief
📖, die er zu scharf und zu deutlich findet. Es schloß sich daran eine längere Aussprache über das «Warten» [auf das Reich Gottes], in der mich die Stärke seiner Position erfreute, aber als Ganzes doch nicht überzeugte. Im N. T. geht es doch noch umsichtiger und beweglicher zu. Das Gespräch war aber fein und anregend. […] Zum Tee war ich bei Rudolf Liechtenhan,4 wo ich wieder die Offensive ergriff und Rechenschaft verlangte über den Geist der 90er Jahre. Da vernahm man viel Kleinlautes und Unsicheres, und ich vermute, daß |327 wir nicht mehr lange nötig haben werden, uns nach dieser Seite hin abzugrenzen. […]
Was sagst du zur Weltlage? Daß Brockdorff-Rantzau5 seine Rede sitzend hielt, gefällt mir, die Rede selbst durchaus nicht. Das Antichrist-Artige an Wilson kommt jetzt an den Tag, und der Völkerbund wird sicher zur großen Hure Babylon [vgl. Apk 17].
Vale! Ich muß noch die Stephanus-Rede [Apg 7] ansehen, über die ich heute Abend referieren soll.
Mit herzlichem Gruß
Heute die zweite Epheserbrief-Predigt über 1,15–23.