10. April 1919

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

Also die Aarauer Konferenz und damit Brunners Erlebnisvortrag1 — das war das Letzte. Wir sind nach dem Votum deines Bruders heimgezogen. […] Ich lese Krapotkins Memoiren,2 ein zeitgemäßes Buch, ich lerne viel daraus. Schwierigste persönliche Fragen werden in diesem Leben gestellt und gelöst. Irgendwelcher religiöser Sozialismus kommt freilich nicht darin vor, überhaupt keine Spur von religiöser Deutung und Betrachtung, und doch jene verborgene Strömung in «ein Land, das ich dir zeigen will» [vgl. Gen 12,1]. Wie seltsam schauen einen da unsere religiössozialen Konferenzen und Aufrufe an! Ragaz scheint, wie die «Neuen Wege» zeigen, immer noch nicht genug davon zu haben. Unterdessen rückt der Bolschewismus, wenn vielleicht auch nur vorläufig, hart an unsre Grenzen. Eine reaktionäre Strömung breitet sich bei uns aus. Vielleicht bricht so etwas wie eine Ära Metternich an.

324Riegers Betrachtungen 📖 erfreuen mich in diesen Tagen. Was predigst du?

Von Herzen grüßt euch
euer
Eduard

Sachfußnoten

1
Vgl. Vorträge an der Aarauer Studentenkonferenz 1919. Denken und Erleben von Pfr. Lic. Emil Brunner 📖; Gotteserkenntnis von Dr. phil. Heinrich Barth, Basel 1919 📖. (Ein vollständiger Bericht über die Aarauer Konferenz von 1919 [24.-26. 3.] ist wegen der Teuerung nicht erschienen.) ↩
2
Fürst P. Krapotkin, Memoiren eines Revolutionärs, 2 Bände (= Memoirenbibliothek I. Serie Bd. 8/9), Stuttgart o. J. 📖 ↩