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21. Februar 1919
Du weilst nun also im gescheiten, frommen und reichen Basel, und ich freue mich schon auf den Situationsbericht, den du von dort mitbringst. Ich meinerseits gehe diese Woche nicht hin, sondern vielleicht […] doch nächste Woche zur [religiössozialen] Konferenz. […] Ich will nun gerne einmal lauschend hinsitzen «wie Maria tat»,1 wenn die Originalpropheten und Nicht-Professoren ihre Stimme erheben. […]
Wir hatten letzten Dienstag einen muntern Diskussionsabend über den Generalstreik, den ich ausgiebig «auslegte», wie unsre Arbeiter [von] einer solchen Erklärung sagen. Es geht dabei zwar praktisch-politischer zu, als du es wohl machen würdest, sogar mit beträchtlich weniger Ethik, als ein richtiger «Neue Wege»-Mann es wohl für gut halten würde. Ich gehe vielmehr, mit Schädelin zu reden, auf den Markt, und Paulus kommt nur insofern zu Wort, als seine «Besonnenheit» und «Überlegenheit» vom Hintergrund aus sich geltend zu machen versucht. Nächste Woche kommt der Internationale Sozialistenkongreß2 zur Erörterung. — Wir haben jetzt trotz Gewitterwolken eine stille erfreuliche Zeit. Gerade in letzter Zeit erfreuten uns ein paar Zeichen von Verständnis und Bewegtheit aus der Gemeinde, für die wir dankbar sind. Nellys Bibelkränzchen gewinnt scheints an Intensität. Daneben nun allerdings Sturmzeichen. Gestern hatten wir die letzte Sitzung der alten Kirchenpflege, in der nun vier unter dem Druck des Konfliktes zwischen Freisinn und — sagen wir einmal —
|322 Safenwiler Kirche das Weichen dem Standhalten vorgezogen haben z.T. unter fast rührenden Schwachheitsbekenntnissen und alle mit der Versicherung, sie wollten fernerhin in die Kirche kommen, nur zwischen den Mühlsteinen als Kirchenpfleger wollten sie nicht mehr sein!! Ich hielt dann eine milde kleine Ansprache! Nun haben wir bis zum 9. März Interregnum, in das wohl bald durch den Wahlkampf Leben kommen wird. Auf die Budget-Gemeinde3 ist dann ein Generalangriff der unentwegten Freisinnigen auf mich vorgesehen. Der Gemeinderat, der vorläufig die Geschäfte der Kirchenpflege versieht, hat schon das Signal gegeben, indem er meine Besoldung, während sonst alle in der Gemeinde steigen, will stehen lassen, ferner durch eine Attacke auf die Schulpflege (in Lehrerbesoldungssachen) um ihres «extrem sozialistischen» Präsidenten willen. Das kann heiter werden. Ich sehe ihm aber auch heiter entgegen, besonders der angedrohten Kirchenaustrittsbewegung. Gleichzeitig ist nun eine Lehrerwahl vorzubereiten, unter den Anmeldungen ist auch Klara Wehrli, und zwar bis jetzt mit weitaus den glänzendsten Ausweisen; doch weiß ich noch nicht recht, ob ich mich dafür ins Zeug legen soll, sie auf den brenzligen Posten von Safenwil zu bringen.
Es ist wohl eine verdiente Reaktion auf die Römerbriefzeit
📖, daß mich da mein «Persönliches» allenthalben so anficht. Der 2. Korintherbrief, dieses merkwürdige durch und durch persönliche und doch wieder so transzendentale Stück Selbstbetrachtung, ist mir in diesen Tagen sehr wichtig geworden. […] Am Sonntag möchte ich über das blutflüssige Weib Matth. 9,20f. mit dem ἐὰν μόνον ἅψωμαι predigen. […] Melde mir einmal mit ein paar Worten, was im Wespennest [Basel] vorgeht!
Herzlichen Gruß