7. Dezember 1917

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

Ich habe an Gerber unsre Absicht bekannt gegeben, am Montag auf der Oltener [religiössozialen] Konferenz zu demissionieren.1 Ich habe ihm ungefähr folgendes mitgeteilt: 1. Wir haben keine Antwort bekommen auf unsre brieflich mitgeteilten Bedenken gegen eine Konferenz. Offenbar soll sie nun also an der Sitzung in Olten erfolgen. 2. Wir haben grundsätzlich nichts gegen eine Zusammenarbeit mit allen Gruppen unsres Kreises. Wir anerkennen eine gemeinsame Grundlage, freilich weniger in einem gemeinsamen innern Besitz, dessen wir uns freuen, als einer |245 gemeinsamen Not, die uns bedrängt. Ob sich daraus eine wirkliche Zusammenarbeit ergeben kann, ist uns noch offene Frage. 3. Wir vertreten mit unseren Erkenntnissen eine Stellung, von der wir wissen, daß sie andere zu scharfer Opposition reizt. Das ist ein Grund mehr zum Abgeben unserer Mandate.

Ich bin dieser Tage ganz in Kutters «Bilderbuch» 📖 eingetaucht, habe auch sein «Sie müssen»2 und «Wir Pfarrer 📖» neu gelesen und bin eigentlich doch wieder ganz übernommen von diesem starken Mann. «Wir Pfarrer» haben wir alle vielleicht doch noch zu wenig gehört. Das Büchlein wird uns auf weit hinaus beschäftigen mehr als alle Strategeme von Ragaz. Ich habe beim Lesen alle Schmerzen und Schatten, aber auch alle Lichter unserer Aufgabe wieder empfunden.

Ich habe weiter über Röm. 7 nachdenken müssen und kann immer mehr einen großen Triumph über allen Sündenjammer darin sehen, einen Höllensturz des Teufels und ein Siegeslachen über die Verdammnis vom Himmel herab. Röm. 8,1 ist für mich eine Abrechnung mit dem Pietisten und Verkläger in uns, wohl ein Ernstnehmen seines Ernstes, aber nur um ihn umso endgültiger zu überwinden im Ernstnehmen der göttlichen Erlösung. Röm. 7,25b würde bei diesem Verständnis auch durchaus am Platze sein und Röm. 8,1ff. den Sieg vollständig proklamieren. Das bedeutet allerdings eine Revolution, wenn diese Zentralstelle der Pietisten sich nun gerade gegen sie wendete! Damit wäre dann überhaupt das ganze gleichgewichtige Nebeneinander der psychologischen und der transzendentalen Sphäre aufgehoben. Ich mußte an den oft dargestellten Sturz der Verdammten denken, das Heulen der Herabstürzenden: «ich elender Mensch …» und das von oben hereinbrechende Licht der Gnade: «Gott aber sei Dank … so ist nun nichts Verdammliches an denen, die in Christus Jesus sind», als ich die Stelle einmal konsequent von deinem Verständnis aus las. Und daß dieser Höllensturz und dieser Siegesjubel in uns sich ereignet, wäre ein weiteres gewaltiges Glied in der Kette auswendiger Innerlichkeiten und inwendiger Auswendigkeiten, die du bei Paulus wieder ausgegraben hast. Ich |246 denke an das, was du aus Röm. 6 und dem Anfang von Kapitel 7 herausliesest. Ich habe überhaupt seit letztem Montag wieder neu einen großen, glücklichen Eindruck von deiner ganzen Römerbriefarbeit 📖. Was wir zuletzt redeten von der Gefahr, das alles zu wissen und — nur zu wissen, bleibt natürlich zu Recht bestehen. Aber wird nicht, wenn einmal dieses Grundlegende wieder herausgestellt ist, gerade das den starken Antrieb bilden, um den Spaten anzusetzen und es nicht nur beim Planieren zu belassen?

Mit herzlichem Gruß an euch alle
Dein
Eduard

Sachfußnoten

1
Vgl. Anm. 3 zum Brief vom 30.5.1916.↩
2
H. Kutter, Sie müssen! Ein offenes Wort an die christliche Gesellschaft, Zürich 1903; 2. Aufl. Berlin 1904; 3. Aufl. Jena 1910 📖.↩