30. Mai 1916

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Liebe Freunde!

Während ihr […] die c-moll Messe in Basel gehört habt, hatten wir eher eine düstere Woche. Sie stand ganz im Zeichen meiner Zahnlücke, die sich durch Fieber, Kopfweh und schlaflose Nächte übel bemerkbar machte bis heute und noch immer nicht ganz Ruhe hält. Ich habe am Sonntag zähneklappernd und schweißgebadet nach ein paar Notizlein dürftig gepredigt — und dabei geschah es noch, daß Fränzeli seiner Hüterin entrann und mitten in meinem Sermon durch die vordere Türe in der erstaunten Versammlung erschien, um «Papa zu holen», es wurde dann von einem ordligen Kirchenpfleger durch die ganze Kirche seiner glücklichen Mutter zugeführt, die mit ihm davoneilte. Das war auch ein Schlag und eine Tat und ein Durchbruch! Um meine Predigt war es nicht schade. Die meiste Zeit war ich nun immer im Bett, machte Umschläge, schluckte Tropfen und Pillen und las dazwischen das Leben von J. T. Beck1 (auf den Schädelin auch schon hinzudeuten beginnt!). Es war eine Zeit geringer Dinge. Wie ganz anders enthusiasmiert werdet ihr nun sein! Gebt uns schleunigst viel von eurem Reichtum ab!

Am Sonntag Abend hatte ich einen seltsamen Halbwachtraum: Ragaz mit den Seinigen war ins Haus eingedrungen und machte sich in allen Zimmern mit Rüben, Herdöpfeln2 und Holzscheitern etwas zu schaffen. Plötzlich drang Bader mit seinen Anhängern auch herein, sie schrien laut und siegreich: Jetzt haben wir sie, die Diebe, die Schelme!! und Ragaz wurde von ihnen in einen Kleiderschrank gesperrt. Ich lag machtlos im Bett und beschwor vergeblich die Parteien, Ruhe zu halten, wobei mir der Gedanke, wie schwer solches Los für Ragazen sei, besonders viel zu schaffen gab. Nelly, die zum Glück in diesem Augenblick hereintrat, hatte alle Mühe, mich zu versichern, daß das Haus nicht voll streitender Religiössozialer sei.

Du kannst aus diesem Träumlein sehen, wie ernst ich unsre neuen Pflichten offenbar bereits nehme. Ich hatte nämlich am |139 Sonntag Nachmittag einen langen Brief an Pestalozzi geschrieben über die in den Zahnwehpausen in mir keimenden Ideen für «unsre» Konferenz.3 Nun werden wir ans Kochen gehen, wa?! Ich würde dich schlecht kennen, wenn du nicht auch schon allerlei ausgesonnen hättest unterdessen; jedenfalls erwarte ich von dir demnächst irgend einen außerordentlichen Aufschluß über die neue Lage im Himmelreich. […]

Nelly war gestern bei der Gründungssitzung der «Freien Jugend».4 Genosse Münzenberg5 sollte die Weiherede halten, traf aber nicht ein. Dafür ergriff dann der «Geischt» einige Hiesige, aber in harmlosester Weise, und dazu wurde gesungen: «Wir sind die jungen Adler des Pro - le - ta - ri - ats!»

Und nun kommt mit der gewissen Hartnäckigkeit, die dem Kirchenjahr eigen ist, wieder Himmelfahrt und Pfingsten herbei, und wir müssen es wieder einmal sagen. Ob wir nicht doch noch einmal in irgend eine Wüste entrinnen? Vorläufig also noch nicht!

Herzlichen Gruß über Berg und Tal
Eure
Safenwiler

Sachfußnoten

1
B. Riggenbach, Johann Tobias Beck. Ein Schriftgelehrter zum Himmelreich gelehrt. Lebensbild, Basel 1888. 📖 ↩
2
= Kartoffeln.↩
3
Auf der Tagung der schweizerischen religiössozialen Konferenz in Brugg am 23. Mai 1916 waren Barth, Thurneysen, R. Pestalozzi und Karl Sandreuter, Pfarrer in Frenkendorf (Baselland) zum neuen Vorstand der Konferenz gewählt und damit für die Durchführung weiterer Tagungen verantwortlich gemacht worden. Wegen interner Spannungen in der Konferenz kam es jedoch nicht zu einer Tagung unter ihrer Leitung. Im Dezember 1917 legten alle vier ihre Ämter nieder.↩
4
Sozialdemokratische Jugendorganisation.↩
5
Willi Münzenberg (1889–1940), deutscher sozialistischer Politiker und Publizist, lebte 1910-1918 in Zürich.↩