7. Dezember 1917

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Freund!

Da kommen wieder Predigten, von denen ich besonders für die über den Samariter1 dankbar bin, die dir prächtig geraten ist. […]

Hier geschehen seltsame Dinge. Unser Kirchenpflegspräsident hat dem Fabrikanten wegen des Konfirmandenunterrichts einen langen energischen Brief unter Berufung auf die Kirchenordnung und —— auf den Herrn Jesus («… ein Höherer vor 2000 Jahren») geschrieben, ferner einen Zeitungsartikel in verschiedenen Blättern über die politische Neutralität der Kirchenpflegen, und beabsichtigt endlich eine gründliche Reform der Tätigkeit der hiesigen Kirchenpflege in dem Sinn, daß in jeder Sitzung von einem Mitglied ein Vortrag über ein «religiös-kirchliches» Thema gehalten werde, Zeitschriften abonniert und Bücher und Broschüren von allen gelesen und dann besprochen werden müssen!! Siehst du, so gehen nun meine Saaten auf, und ich stehe daneben und weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Ich sollte nun am besten verschwinden […] können. Ich machte gestern einen |247 langen Besuch bei einer kranken und sehr frommen Frau, die immer zu mir in die Kirche etc. kam und bei der ich mich aufs Neue überzeugte, daß ich auch [an] den scheinbar offensten Ohren in der Hauptsache gänzlich vorbeirede. Sie nimmt mir ab, was in der Rämismühle2 als «Gottes Wort» auch gesagt wird, und legt das übrige mild verzeihend meiner Jugend zur Last, sofern sie es überhaupt merkt. Mutatis mutandis überall die gleiche Situation wie bei Fritz Wieser3 oder meinem Bruder Heiner. Unsere Art, Pfarrer sein zu wollen, ist wohl in sich unmöglich, und wenn nicht irgend eine himmlische Bestätigung unsrer Wege sich ereignen will, so täten wir besser, uns auch einmal auf irgend ein pietistisches oder idealistisches «Gottes Wort» zu verlegen, an dem dann [die fromme] Frau Wilhelm und Fritz Wieser Freude haben können.

Schöner Text für nächsten Sonntag: Jes. 62,6–7, aber wie wird die Predigt werden in dieser zunehmenden Erkenntnis der apriorischen Unmöglichkeit unseres Predigens!? Soviel für heute in Eile.

Mit herzlichem Gruß an Marguerite und Dorotheeli
dein
Karl

Sachfußnoten

1
(E. Thurneysen) Wo Liebe ist, da ist Gott, in: Suchet Gott …!, S. 105ff. (= 2. Aufl. S. 109ff.). 📖↩
2
pietistische Versammlungsstätte.↩
3
Fritz Wieser (1890–1952), Bruder von Gottlob Wieser, Redaktor des «Vorwärts», einer linkssozialistischen Zeitung in Basel.↩