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26. Oktober 1917
Lieber Freund!
[…] Von unserm Marsch kamen wir am Montag alle wieder glücklich heim, ich allerdings wie üblich etwas bedenklich gemacht durch allerlei, was du mir sagtest und nicht sagtest: Safenwil und meine sämtlichen Predigtvorstöße seit Risch,1 diese permanente und permanent steckenbleibende Offensive — was soll das eigentlich? Wie lange noch? Wo haperts eigentlich? […] Die Engel hören sicher meine Predigten mit sehr gemischten Gefühlen, […] und ich bitte dich um alles dir zugängliche Licht über mein «Eifern mit Unverstand» [vgl. Rm 10,2]. Du hast mich ja schon ein paarmal besser verstanden als ich mich selbst. — Wäre doch die fatale Reformationswoche2 schon vorüber. Ich wollte wahrhaftig auch da mit meinem Stillsitzen nicht ein prophetisches Zeichen tun wider Jerusalem, und doch läuft es nun fast darauf hinaus; denn ich sehe mit Grauen, wie die Lokalanzeiger und Kirchenzeddel sich füllen mit Ankündigungen von herrlichen Vorträgen und andern «Türken». In Schönenwerd wird der «Ernst» der Feier unterstrichen durch die Mitteilung, daß [nach dem Vortrag] keine Konsumation stattfinde! Hans Faber verteilt ohne zu erröten den Helgen3 mit dem schwindsüchtigen Luther vorn und der Kirche hinten, in Kölliken bereiten sich förmliche Orgien vor: Haller rühmte mir, daß sogar die Lehrer «religiöses Verständnis» hätten, übten sie doch willig eine Motette ein auf die Worte «O welch eine Tiefe …», von anderm zu schweigen. Zwischen all dem drin nun wir hier mit unserm |238 Wald von leeren Bänken mit kopfschüttelnden Frauen, konstant entrüsteten Kirchenpflegern — und nun also noch über die ganze Festwoche meine unheimliche Stille. Auch da wieder: was soll da werden? Ich weiß es jedenfalls nicht, lebe gänzlich prospektlos und weiß nur, daß es auch da nicht anders sein kann. Wie bringt einen doch die Kirche in die Tinte, d.h. in die Opposition und splendid isolation, auch wenn man gar nichts tun will als eben seinen Weg gehen. Könnte man doch etwas Anderes sein als Pfarrer, wo man immer wieder in so närrische Situationen kommt! Im vorliegenden Fall bin ich nun schon so weit, mich mit L. und andern Weltkindern zu trösten, die mit ebensolcher Unbewegtheit wie ich an dem Reformationsjubel vorbeigehen werden, wie ich es ja übrigens in jenem Lehrerinnenvortrag selbst beschrieben habe. Aber wöhler wäre es mir doch, wenn ich zu dem Religionsgetriebe, an das man nun als Pfarrer einmal geschmiedet ist, eine etwas nachsichtigere Stellung einnehmen könnte. Wenn du mir darüber wiederum aus letzten Boller Gesichtspunkten (die mir eben fehlen) auch Einiges eröffnen könntest, so würde ich es dankbar hinnehmen. Am Montag haben wir Gemeinderatswahl mit zwei sozialistischen Kampfkandidaten, die ziemlich sicher durchfallen werden. […]
Ich bin tagaus tagein an Römer 6-8
📖 und habe noch viel Arbeit vor mir, bis ich zur Interpretation gehen kann (in der Klause meines Vaters4 in Bern). Am Abend lese ich jeweilen moderne Theologen über Paulus und staune immer mehr über die Welt, die sich das alles bieten läßt. Auch über die Geduld und Langmut Gottes, der längst mit einem Erdbeben hätte Schluß erklären können.
Nelly begrüßt dich freudig samt Marguerite, und unsre drei
Kleinen jubeln euch im Chor zu