22. Mai 1917

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Liebe Freunde,

Es ist allerlei geschehen, seit wir dich, Karl, an deinem Geburtstag verabschiedet haben. Ich war in Basel und habe mich auf den «Basler Nachrichten» erkundigt nach dem Erscheinen der Besprechung von Kutters «Reden 📖». Ich hatte den Eindruck, es sei ein Wort zur Lage, wie es Kutter sagen möchte, für die Redaktion dieser Zeitung etwas sehr Nebensächliches den weltbewegenden Hauptsachen gegenüber, die sie mit weisen Federn bearbeiten.

Nachher ging ich zu einem freundlich-wehmütigen Zusammensein mit Wernle. Was haben wir alles geredet? Ebenfalls allerlei Nebensachen unter steten heimlichen Blicken nach der Hauptsache. Nachmittags Kränzli in Pratteln mit den Basler «Lichtfreunden». Wir betrachteten Matth. 10. Ich beneidete diesen Kreis um das mit zäher Regelmäßigkeit abgehaltene Schriftstudium.

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Ich lese L. Hofacker 📖 und bin dir dankbar für die Zusendung. Ich habe bei ihm den Eindruck von einem wackern Pilger, der eine christliche Staubwolke um sich her aufwirbelt, aber von dem eigentlichen Ziel seiner Wanderschaft und von der Bewegung darauf hin sieht man weniger als von seinen Mühsalen und gelegentlichen Erquickungen. — Am Sonntag habe ich über «das lebendige Herz» gepredigt (Ps. 69,33). Ich will dir diese Predigt einmal vorlesen, vielleicht am Zugersee.1 Und nun kommt Pfingsten. Ich möchte den hl. Geist als ein Wetterleuchten beschreiben, welches das dunkle Menschenland plötzlich erhellen kann und uns Kunde gibt von uns leider noch fernen Kraftentladungen Gottes. Deine Predigt über die «Brünnlein Gottes» haben wir überaus gerne gelesen.

Und nun die Frage wegen der Einladung nach Buus. Was soll ich dazu sagen? Sie wissen ja immerhin, wen sie fragen, wenn sie dich fragen. Ich habe darum nichts dagegen einzuwenden.

Nun wird Rade auftauchen. Er muß scheints, um über die Grenze zu dürfen, Vorträge halten über den innern Kriegsgewinn des deutschen Volkes, wie mir Wernle erzählte.

Wir grüßen euch samt euren Kindern mit aller Freude.
Marguerite und Eduard

Sachfußnoten

1
Gemeinsame Ferien von Barth, Thurneysen, Pestalozzi in Risch am Zugersee, 4.-21.6.1917.↩