27. September 1917

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Liebe Freunde!

Wir wissen so gar nichts von euch! Ihr lebt nun fröhlich der Taufe eures Dorotheeli entgegen, während wir noch ganz in der Erwartung dessen sind, was die nächsten Tage uns bringen sollen. […]

Ich lebte die ganze Woche in strengster Klausur im Studierzimmer und unter dem Apfelbaum und habe nun Röm. 5 fertig ausgelegt 📖, der wievielte wohl, der nach heißem Mühen mit allen diesen Rätselworten meint «durch» zu sein, bis sie den nächsten wieder ebenso geheimnisvoll anschauen. Es war mir über der Arbeit oft, als wehe mich von weitem etwas an von Kleinasien oder Korinth, etwas Uraltes, Urorientalisches, undefinierbar Sonniges, Wildes, Originelles, das irgendwie hinter diesen Sätzen steckt, die sich so willig von immer neuen Generationen exegesieren lassen. Paulus — was muß das für ein Mensch gewesen sein und was für Menschen auch die, denen er diese lapidaren Dinge so in ein paar verworrenen Brocken hinwerfen, andeuten konnte! Es graut mir oft ganz in der Gesellschaft. Die Reformatoren, auch Luther, reichen doch lange nicht an Paulus heran, das ist mir erst jetzt überzeugend klar geworden. Und dann hinter Paulus: was für Realitäten müssen das sein, die den Mann so in Bewegung setzen konnten! Was für ein abgeleitetes Zeug, das wir dann über seine Sprüche zusammenschreiben, von deren eigentlichem Inhalt uns vielleicht 99% entgeht! Ich bin gerade heute sehr stark unter dem Eindruck, wie deprimierend relativ alle unsre Künste, die Bibel «reden zu lassen», doch sind. Du kennst das sicher auch. Heute Nachmittag habe ich nur übersetzt, an den ersten Kapiteln, auf die ich noch einmal zurückgreifen muß zur Herstellung eines deutschen Textes. Das ist auch eine wunderliche Arbeit von Wort zu Wort, bei der man die seltsamsten Gespräche mit sich selber führen kann. […]

Lebt wohl! Wir erwarten jetzt jeden Abend die größten Ereignisse.1
Eure
Nelly und Karl

237Die Bettagspredigtα hat die Safenwiler z.T. sehr aufgeregt. Sie quittierten mir am Sonntag sehr passend mit einer fast leeren Kirche.

Sachfußnoten

1
Geburt von Christoph Barth (am 29. 9.), dem späteren theol. Lehrer in Indonesien und heutigen Professor für A. T. in Mainz.↩