26. Mai 1917

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Liebe Freunde!

Der Beschluß dieses wunderbaren Pfingstsamstags soll noch ein Gruß an euch sein. […] Ich habe mir wieder einmal schon gestern Predigtruhe für heute verschaffen können und führte ein beschauliches Dasein mit Sendschreiben an die verschiedensten Adressen unter sympathischem Gedenken an all die hornbebrillten Brüder, die jetzt auch zu entscheidenden Schlägen ausholen land|203auf landab. Eine befremdliche Zunft sind wir ja schon, wie auch der Maler Amiet1 konstatiert haben soll, dem man [meine Predigt] «Über die Grenze» vorgewiesen hat. «Gott Lob und Dank» muß ich nicht ans [Pfarr-] Kapitel, weil ich dann sicher schon mit Kind und Kegel in Risch sein werde. Du mußt aber unbedingt gehen und uns dann Nachricht dorthin bringen von den drei Kirchenräten etc. Wie kam es nur, daß ich dieser Tage einige Partieen aus Wernles «Einführung» 📖 las, in der auch dein Name verewigt ist?2 […] Ich war mir gar nicht bewußt, was für ein seltsames Werk diese «Einführung» ist, resp. wie sehr wir wirklich von allem aber auch allem das Gegenteil denken und tun, was in diesem Kompendium der geltenden Theologie steht. Bei einer Stelle in der Praktischen Theologie, die ich dir einmal zeigen werde, mußte ich buchstäblich bis zu Tränen lachen. Es stehen aber Merkwürdigkeiten drin, wo man sie aufschlägt. […] Etwas von Beiden muß ein böser Traum sein: entweder der «Common sense» wie Gelzer sagt oder unser Abrahamsweglein. Jedenfalls ist das Eine etwas total Anderes als das Zweite.

Wie weit werden wir mit Gelzer gehen können? Ich habe die zwei Begegnungen mit ihm in so erfreulicher Erinnerung. Aber was du nun berichtest, ist nicht ermutigend. Vielleicht falle ich, proportional zu meinen sonstigen heftigen Abstoßungen, zu rasch auf solche intensiven Leute herein. Es ist etwas Direktes in ihm, das trotz aller Reserven stark auf mich wirkt, das mir z. B. einen kräftigen Anlauf gab für die Himmelfahrtspredigt und für die vom letzten Sonntag über einen Hebräerbrieftext vom Hohepriester, den wir haben … [Hebr 4,14–16]. Ich will sie dir dann in unsrer Retraite am Zugersee beide vorlesen zur aufmerksamen Prüfung, ob das Abrahamsweglein dabei nicht möglicherweise verlassen wurde. Dem Gelzer schrieb ich nach der Lektüre von Spleiß 📖 einen Brief3 über die Kirche als Satanas der Pietisten, mit der Feststellung, daß ich diesen Satanas schon im N. T. am Ende wenigstens winken sehe. Was wird er zu solchen Sprüchen sagen? Aber es mußte gesagt sein, gerade weil er mir etwas «gegeben» hat, wie man in seinem Jargon sagt.

204Den Baslern habe ich zugesagt. Aber zugleich ein anderes Thema ausbedungen etwa im Sinne von «Christentum oder Sozialismus?», da ich mich nicht hergebe, so als Spezialist für «eppis Sozials»4 aufzutreten, wie mir durchs Telephon zugerufen wurde!! Ob sie diesen Brocken annehmen, ist die Frage; ich habe noch keine Antwort. […]

Nun gibts heute Abend noch etwas Landwirtschaft für mich. […] Ich sitze im Baumgarten; senkrecht über mir rumpelt eben ein Flieger seine Bahn. Darüber wäre Manches zu sagen.

Herzlichen Gruß in Freuden
eure
Karl und Nelly

Sachfußnoten

1
Cuno Amiet (1868–1961), Schweizer Maler.↩
2
P. Wernle, Einführung in das theologische Studium, Tübingen 1908; 19112 (19213). Im Vorwort zur 1. und in dem zur 2. Aufl. (beide in der 2. Aufl. 📖: S. VII und X) wird E. Thurneysen als Helfer bei Korrektur- und Registerarbeiten genannt.↩
3
Barth hatte die Spleiß-Biographie (vgl. Anm. 1 zum Brief vom 13.5.1917 von H. Gelzer erhalten.↩
4
= etwas Soziales. Die Einladung nach Buus (vgl. Anm. 1 zum Brief vom 16.5.1917) war aus Basel gekommen. Ursprünglich war Barth das Thema «Soziale Zukunftsfragen» gestellt worden.↩