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21. April 1917
Liebe Freunde!
In eure sonntägliche Einsamkeit will ich euch nun das versprochene Communiqué senden samt etlichen Beilagen, für die ihr wohl Interesse habt. Ich habe also zunächst eine kurze aber ausgiebige Zürcher-Campagne hinter mir. […] Infolge der Besuche |192 der vorletzten Woche ist Nelly etwas angestrengt und müde. Hoffentlich kommts nun wieder besser. […] Also Zürich: Ja, da hatte ich viele Stunden Gespräche mit meinen Schwägerinnen und der Schwester von Richard Kisling und mußte «es»1 von immer neuen Seiten zeigen und sagen. Ich schrieb euch schon, daß ich im Ganzen doch Freude hatte, obwohl dieses individuelle Reden nicht gerade meine Sache ist. Am Montag hatte ich einen schönen Nachmittag bei Pestalozzis, die mich mit Liebe, Verständnis, Freude und Törtlein ganz umgaben und zuletzt noch auf den [Zürich-] Berg begleiteten. Wir redeten auch von unserm Predigtbüchlein, nach dem sie großes Verlangen zeigten!!2 […] Ragaz und Högger traf ich nicht zu Hause, wohl aber Kutter. Nach zweistündigem angenehmem Aufenthalt beim Zahnarzt landete ich nämlich am Mittwoch für drei Stunden an der Zollikerstraße3 und bekam gewaltig vorgelesen, sodaß ich zum Schluß in jeder Hinsicht plombiert war. Das neue Buch4 wird gut, vielleicht besser noch als die «Reden
📖». Aber ein unheimlicher Vulkan ist Kutter doch. […]
Am Donnerstag kam ich heim und dann brach also die Konferenz5 los, deren letzte Wellen sich eben verlaufen haben. Was soll ich sagen? Es sind ja ein wenig seltsam zudringliche Verehrer des lieben Gottes das, mit ihren B. K.6 und andern geheimnisvoll deutschtümelnden Initialen. Es fielen kuriose Worte für unsre Ohren, allerlei kleine Wähne machten sich auch breit, das Wirtszimmer im «Hirschen» hörte wohl zum ersten Mal, seit es steht, ein schönes Gebet von Gelzer, und auf dem Dorfplatz vor dem Brunnen wurde zum Schluß in großem Kreis mit verschlungenen Armen («nach alter B. K. Sitte») gesungen: «So nimm denn meine Hände …
🎵»! Frick7 tat seinen Mund sehr weit auf und mein Vorträglein fand Nellys Billigung durchaus nicht. Aber — Alles in Allem waren es doch schöne und inhaltsreiche Tage, und ich freue mich doch, die Sache übernommen zu haben. Erstlich weil mir diese Gymnasiasten mit ihrer getrosten Art (abgesehen von einigen schwankenden Gestalten) doch sehr gut gefielen, vor allem aber wegen der Bekanntschaft mit H. Gelzer, den ich wirk|193lich respektieren gelernt habe. Wenn wir doch den in der Nähe hätten! Das Pietistische kann ich wirklich nicht so schwer an ihm nehmen, dafür hat er ja dann so etwas unmittelbar Positives, Freudemachendes, Friedliches, etwas von dem «Es», um das ich erst so mühsam ringe, etwa wie Ernst v. May, mein Heilsarmeefreund. Nelly meinte sehr richtig, es wäre uns gesünder, die alte kirchliche Art würde uns mehr in solchen Erscheinungen begegnen als immer in den Gestalten unsrer positiven Pfarrer. Ich gab Gelzer die gedruckte Predigt, und wir konnten dann sehr freundlich und gut miteinander reden darüber. Wie könnten wir diesen Mann für unsere Bibelforschungen ausbeuten, gerade mit seinen saftigen orthodoxen Erkenntnissen! — Frick hat am Unterhaltungsabend «Nach Frankreich zogen zwei Grenadier …
📖» wirklich schön gesungen. Im Übrigen ist er sicher trotz seiner «sichern» Art (er wagte es wahrhaftig am ersten Tag, mir einen Zuspruch über die uns fehlende Innerlichkeit zu geben) ein ehrlicher Mensch, nur zu erfüllt von sich selbst (wodurch er mich beständig im Gespräch mit Gelzer störte). Sein Vortrag war gescheit, wenn auch nichts Besonderes herauskam. Nach meinem Vortrag heute Morgen lenkte er dann auf einmal ein, und […] nun hieß es auf einmal: «wunderbar» und was weiß ich! Wir müssen doch unser Büchlein8 herausgeben! Zum Schluß sangen die Basler noch vor dem Pfarrhaus: «Heißt ein Haus zum Schweizerdegen!
📖» und ein Lied in der Negersprache und zogen dann mit lautem Gebrüll über den Berg nach Olten. Vielleicht daß sie nächstes Jahr wiederkommen. Die Kirchenpflege nahm, bouche béante, am Unterhaltungsabend teil und die Wirtin hat wohl gut verdient.
Genug für heute. Was sagst du zu diesem Ragaz-Brief?9 Ist das eine Hand zum Frieden oder eine Kriegserklärung?
Herzlichen Gruß von uns Beiden!