1. Mai 1917

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Liebe Freunde!

Da kommt allerhand Unterhaltendes und Belehrendes aus Welt und Gottesreich, von dem ihr auch Einsicht nehmen sollt. Habt ihr auch so Freude an der Sonne und am Frühling wie wir? Hier ist augenblicklich ein großes festliches Treiben, besonders dank den Kinderlein, die mit ihrem Lust- und Wehegeschrei mit den Vögeln wetteifern. Heute ist ja sozialistischer Weltfeiertag und wenn hier ein Umzug stattfände, so würde ich willig mitdemonstrieren gegen den Teufel; wir sollten uns wirklich auch manchmal auf diese Weise Luft machen wie Blumhardt, als er in Kiel ins Meer sprang. Vorderhand sind wir noch Pfärrer, und Herr Züricher hats uns ja in den «Neuen Wegen» wieder einmal gesagt, was das Schreckliches ist.1 Dieser «abgründige Kulturmensch» Züricher!! Und dieser Ragaz mit seinen immer neuen Meuten von |195 fatalen Schriftstellern und Dichtern!2 Es ist nachgerade zum Erbrechen! […] Wir stehen hier ganz im Zeichen der Landwirtschaft. Gestern den ganzen Nachmittag umgegraben und gegüllt!3 Heute wieder von morgens 5 Uhr an, Eduard! So ein angenehmes Rasten des Geistes, der noch unterbewußt weiterglimmt, hoffentlich auf das nächste Predigtlein hin. Das letzte war ein etwas seltsam mysteriöses Winken und Fahnenschwenken über Warten und Eilen oder vielmehr über Gottes Geduld und Eifer. Da ist denn doch Herr Pfarrer F. ein anderer Mann.4 Wie hat er uns so ganz durchschaut in unserer Blöße, und wie freundlich begrüßt er nun den heimkehrenden verlorenen Sohn! Was soll ich ihm antworten? «Gott erhalte Ihnen Ihre Unverfrorenheit!» oder so etwas, oder gar nichts, oder ein Wort aus der «Lindigkeit» heraus, in deren Kundgebung ich so berühmt bin? […] Was soll ich sagen, wenn Lenchen von mir eine Approbierung ihrer Gesinnungstüchtigkeit fordert? Es ist jedes Wort so mißlich, wenn das Thema im Grunde das Persönliche ist, dieses verruchte Persönliche, das wir alle nicht los werden. Der Teufel soll sie holen, die Persönlichkeitenpflege nämlich, die Seelenrücksichten und Gesinnungsuntersuchungen, an diesem Knebel könnten wir noch einmal den Hals brechen, wenn wir ihn nicht los werden. Damit komme ich zu Bader. Zu der neuen Auflage seines Katechismus5 nämlich, die ich, eben auch mit meiner morgen zu eröffnenden Unterweisung beschäftigt, genauer besichtigt habe und verschlimmbessert finde, besonders im 1. Teil, der ganz krankhaft pietistisch geworden ist. Lies als Probe nur Abschnitt 11-15, was für haltlose Dinge! In der Einleitung hat sich die von dir s. Z. gerügte Orientierung am Menschen und darum das vom Nein aus reden noch akzentuiert, im Ganzen ist die Schrebergarten-Stimmung noch stärker geworden und die Annäherung an die Kirche noch unverkennbarer. Kurzum, das geht also nicht. Was aus meinem Unterweisen noch werden soll, das ist freilich ebenso unabsehbar. Wie beneide ich dich um […] klassische Einfälle, die mir einfach nicht kommen. — Was für ein Lichtblick: dieser [Wahl-] Sieg der Basler Sozialdemokraten über den Freisinn und die Basler Nachrichten [konservative Zei|196tung]! Ihr heutiger Wahlartikel mit seinen betrübten Munkeleien war mir ein wahres Fest zu lesen. — […]

Mit den herzlichsten Grüßen jubeln euch zu
eure
Safenwiler

Heute ist es erst 10 Jahre, daß ich Präses der Berner Zofingia wurde!

Sachfußnoten

1
U. W. Züricher, Das Pfarramt in der religiösen Krisis der Gegenwart, in: Neue Wege, Jg. 11 (1917), S. 180–188. 📖 ↩
2
In den «Neuen Wegen» wurden regelmäßig auch Gedichte veröffentlicht, darunter öfters solche von U. W. Züricher.↩
3
Güllen = Jauche gießen.↩
4
Die Sätze beziehen sich auf einen beigelegten Brief.↩
5
Gottesreich. Ein Unterweisungsbüchlein. Herausgegeben unter Mithilfe einiger Freunde von Hans Bader, Pfarrer in Zürich, Bern 1916; 2., stark veränderte Aufl. 1917. 📖 ↩