176
21. Februar 1917
Liebe Freunde!
Der Schall eurer Stimme [am Telephon] hat uns wieder höchlichst erfreut, und schon sehen wir gespannt dem nächsten Kränzli entgegen, das uns wieder zusammenführen wird. Das ist erfreulich, daß der Feldzug in Leutwil solches Echo gefunden hat. An was liegt es doch? Sind unsere Leute [in Safenwil] stumpfer? Oder zurückhaltender? Oder frage ich zu wenig nach? Oder bin ich zu mißtrauisch gegen ihre Äußerungen? Jedenfalls habe ich noch nie hier ein so gefreutes Antworten gefunden wie das, von dem du schreibst. Mir ist immer, ich schreie gegen eine Wand, und wenn einmal Einer oder Eine etwas munkelt, so muß ich schon froh sein. Als Ausnahme ist allerdings zu erwähnen, daß am letzten Sonntag meine Predigt (und schon am Donnerstag vorher eine Leichenrede) katastrophal gewirkt hat auf ein vermutlich hysterisches Frauenzimmer, das hier auf Besuch war und mir nach dem Essen in aller Form auf die Bude stieg, um mir wüst zu sagen, daß ich sie nicht «getröstet», sondern geärgert habe. Sie bezog nämlich jedes Wort von Leichenrede und Predigt direkt auf sich und ihren verstorbenen unerfreulichen Vater und ihre auch unerfreuliche Familie und sammelte sich auf diese Weise eine Menge Zorn, die sie dann nicht ertragen konnte. Aber sonst bin ich fast immer von einer lastenden Stille umgeben, trotzdem ich jetzt auch viel fleißiger in der Gemeinde herumlaufe. Die Welt oder vielmehr Safenwil wird nun nächstens wieder mit einem gedruckten Schrei von mir erfreut werden; eben diese letzte Predigt1 will ich als Hirtenbrief für die Fastenzeit wieder unters Volk verteilen wie letztes Jahr; auf Kosten unsres Pestalozzi-Fonds, der noch unberührt am Zins liegt. Es sollte wieder einmal ein Gesamt-Schlag sein. Text: Markus 10,32–34 der Zug von Galiläa nach Jerusalem, Einbruch des Gottesreiches über die Grenzen des «wirklichen Lebens», hier das Kreuz als göttliche Notwendigkeit. Ich habe die Sache gestern und heute ausgearbeitet, und nun geht sie schon in die Druckerei. Dem piependen Volk der Theologen |177 soll sie diesmal tunlichst vorenthalten bleiben. Neues wirst du nicht darin finden und überhaupt vielleicht nicht ganz einig sein mit der Parole: Einbrechen! über deren Tunlichkeit sich ja viel sagen läßt.
Deiner Meldung über den Besuch von Greyerz können wir entgegenstellen die Nachricht von einem Nachmittag mit Fueters2 von Olten. Während er und Nelly musizierten, verwickelte ich sie im Nebenzimmer in ein Gespräch über Boll, wo sie scheints früher ein- und ausgegangen ist, aber ohne großen Erfolg für ihren Mann. Denn als dieser nun auch in Sicht kam und auf 8000 m das Feuer gegen mich eröffnete, zeigte es sich, daß da merkwürdige Dunkelheiten walten, obgleich er «Alles» versteht! Sie redeten beide viel vom «ganz wahr» sein, […] von der «Pflicht», die sie nun künftig «in Fluntern [Zürich] zu erfüllen» gedenken, vom «rein Praktischen» ihrer Orientierung und vom «rein Erbaulichen» seiner Predigtweise. Auf meine Bedenken gegen den modernen Pfarrerbetrieb wurde mir bedeutet, daß wir mit unserer «Nationalökonomie» und [unsern] ewigen Mammonismuspredigten doch auch eine Veräußerlichung uns leisteten. Die Erwähnung der Projektionsapparate führte auf die ernste Frage: was ich von der Bibel halte? Sie seien eben an der Arbeit, das Volk in die Bibel einzuführen (nämlich durch Vorführung von Bildern aus dem hl. Land etc.). Zum Schluß die eigentümliche Konzession: es sei ja recht, daß Einige mit Nachdruck das Extrem verträten wie wir, aber das könne man doch nicht von allen 1200 Pfarrern verlangen. Er wolle in der Mitte stehen zwischen uns und dem großen Haufen! Ich konnte ihm nur noch in den Eisenbahnwagen nachrufen: Nein, nein, gerade nicht so! Dann entrollten sie uns auf diesmal. Wir sind also nicht so glücklich gewesen wie ihr bei Greyerz. Ich habe eben nie Glück bei solchen Gesprächen. […]
Letzten Samstag mußte ich auch eine Niederlage unterschreiben: Die Trauung der Muster- und Glanzkonfirmandin meines ersten hiesigen Jahrgangs mit einem ganz unerquicklichen Mann, der die Taufe wohl in nicht ferner Zeit wird folgen müssen. Ich legte ein eher betrübtes Zeugnis ab, das die Beiden vermutlich in
|178 unheimlicher Erinnerung haben; aber vielleicht nicht einmal das. Du wirst mir bald auch wieder einmal zusprechen müssen: Das sei es ja nicht etc. und es sei «an sich nicht so wichtig», wie und mit wem sich unsre Konfirmanden verheiraten! Das ist doch eigentlich miserabel, wie man so abwechselnd bald montiert und dann wieder deprimiert ist. Vetter würde wahrscheinlich sagen, ich sei eben noch nicht versiegelt, sonst würde mir das nicht passieren. Vielleicht kommen wir auch einmal dazu, so Tag und Nacht das gleiche Friedensgesicht zu machen. Andrerseits ist es tröstlich, daß der Jesaja von Michelangelo eigentlich auch noch kein solches Gesicht macht!
Der gute vertrauensvolle [Emil] Brunner wäre bald enttäuscht, wenn er wüßte, wie bald ich jeweilen mit meinem Latein zu Ende bin. Du kennst meine zahlreichen luftleeren Räume (Vacua) besser und mußt ihn unter der Hand darüber aufklären, sonst wird sich «dieser Barth» wohl hüten, sich in Obstalden3 einer Entlarvung auszusetzen.
Heute Abend habe ich Bibelstunde über Lazarus [Lk 16,19–31]. Du siehst, wie ich errötend deinen Spuren folge. Nelly möchte deine Predigt4 auch noch lesen. Bei der Auslegung: «Was hat er denn getan? Er hat fremden Besitz wie seinen eigenen behandelt», komme ich nicht ganz mit. Ist das der Durchbruch von Mein und Dein, der pointiert ist? Liegt der Nachdruck nicht zunächst auf v. 2b: «du kannst nicht mehr …» und der Situation, die sich daraus ergibt: die Relativität alles «Mein und Dein» gegenüber der Sicherheit des vermeintlichen Besitzes, die vorher da war? Mammon ist uns nur auf Gnadenfrist gegeben, er zieht selber seinen Anbetern den Boden unter den Füßen weg — darum brauch ihn nur als Sprungbrett! (Parallele zu Luk. 12,20, aber positiv gewandt). Dann käme auch der eskamotierte V. 9 wieder zu Ehren.
Herzliche Grüße senden euch Beiden
Eure Freunde Diesseits!