13. Dezember 1915

Karl Barth an Eduard Thurneysen

115
Lieber Eduard!

Bevor ich durch Dreck und Schnee [… weggehe] noch eine rasche Begrüßung! Hab ich à la Wernle geschrieben jüngst? Ich bin ganz erschrocken über den Ausdruck! Du mußt meine Einwände und Klagen und Seufzer jeweilen auch nicht so tragisch nehmen. Ich verstehe ja zum vornherein, wie dus meinst, wenigstens fast immer, und sage sicher, was ich zu dir sage, auch aus der Einheit heraus, auch wenn es manchmal ein wenig knarrt.

[…] Ich habe […] mich bereit erklärt, Ragaz wieder einmal eine Predigt zu schicken. Würde er nur in den «Neuen We|116gen» einfach viele Predigten bringen, d.h. die verschiedenen Geister an der schlichten Arbeit zeigen und sich berühren lassen, das wäre besser als die vielen prinzipiellen Breitlegungen, die doch so schnell ephemer sind. Schick ihm doch auch einmal etwas zu, die Predigt über das Gebet, die du mir im Walde vorlasest, z. B. hätte den «Neuen Wegen» sehr wohl angestanden.

Gestern hatte ich die Kirchenpflege fast vier Stunden lang zum schwarzen Kaffee, las ihnen meinen Badener Vortrag1 vor und kam ganz nett ins Gespräch mit ihnen. Der wackere Hüssy […] legte ein in seiner Art rührendes Bekenntnis zum lieben Gott ab, und es kam überhaupt bei allen nebensächlichen Divergenzen eine erfreuliche Einmütigkeit in gewissen Hauptsachen an den Tag. Die Kirchenpflege veranstaltet nun noch einen Vortrag in der Kirche über das Thema: Christentum und Bürgerpflichten!, das bei euren Vorträgen zu kurz gekommen sei. […]

Eine Gruppe von Leuten hier will den Zelt-Vetter2 kommen lassen nach Safenwil. Ich hielt gestern im Blaukreuz eine Rede über die Frage: Umwege und direkte Wege etc. Es gab eine lebhafte Diskussion, und ein paar von den Mädchen zeigten sich plötzlich als einsichtige Glieder der kleinen Herde, wogegen die Mannen mehr zaudernd zwischen die beiden Welten sich hereinstellten.

Der Lob- und Preisapparat der modernen Theologen für Wernles Buch 📖 setzt erstaunlich exakt ein. Das gegenseitige öffentliche sich Begrüßen und Zurufen dieser Herren ist wunderbar anzusehen.

[…] Herzlichen Gruß
Dein
Karl Barth