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8. Dezember 1915
[Zeitungsausschnitt:]
Soz.-dem. Partei und Gewerkschaftskartell Baden
II. Vortrag
Dienstag den 7. Dezember 1915, abends 8 Uhr
im Schulhaussaal.
Referent: Herr Barth, Pfarrer, Safenwil,
Thema:
Ist Religion und Sozialismus vereinbar?
Zahlreichen Besuch erwartet
Der Bildungsausschuß.
113 Aber ich kann sicher, sicher nichts dafür! Für dieses schreckliche Thema nämlich.1 Das hat der «Bildungsausschuß» getan!! Doch verlief die Sache recht gnädig. Der Präsident, Großrat Killer (Lehrer), hatte den Takt, nachher zu bemerken, man solle sich nun nicht durch eine Diskussion um den Eindruck der Sache bringen, und so ging Alles still auseinander, etwa 100-120 Arbeiter, Arbeiterinnen, Angestellte und Lehrer. Ich habe vom lieben Gott geredet und einfach persönlich von meinem Weg zum Sozialismus vom Reiche Gottes (nicht von der Religion) her. Die Vorbereitung kostete mich diesmal schwere Mühe. Ich muß dir dabei gestehen, daß ich letzthin in der Nacht zu Nelly hinüber ein wenig über dich schimpfte, daß du mich so mit Kutterscher Unnahbarkeit dieses Joch allein tragen lässest. Bei Tag sage ich mir freilich selbst — du brauchst dich aber keinen Augenblick zu rechtfertigen —, daß es da nichts zu schimpfen gibt. Aber ich bin schon jetzt wieder für vier sozialistische Weihnachtsfeiern angefragt und muß natürlich allen absagen (nicht ohne wiederum den Grütliverein2 Untersiggingen auf dich zu hetzen), und das dauert mich immer für die Leute, die doch nicht nur aus äußerlich-nichtigen Gründen unsereins rufen, statt immer wieder die Genossen Fähndrich, Platten und Münzenberg. Ich gehe ja selber gar nicht enthusiastisch an diese Sachen und sehe die heillose Gefahr, mich zu verplämpern, sehr wohl, sehe auch ganz gut, daß ich den Beweis des Geistes und der Kraft jetzt durchaus nicht leiste, und seufze wahrhaftig darunter, aber — muß nicht das Sich-Rüsten auf das Größere, Eigentliche irgendwie in der Einheit der innerlichen Spannung und eines äußerlichen und leider Gottes noch lahm-schief-krummhalberlösten Ringens und Tastens bestehen? Wir sollten da wieder einmal mündlich reden können über das Warten auf Gott, über geistige Vornehmheit, sich Reservieren wo und wo nicht, sich getrost verplämpern wo und wo nicht, Harren auf das Unmittelbare und kindliches täppisch-frohes es einmal Wagen usw. Schriftlich ist nicht gut davon handeln, es gibt gar leicht Mißverständnisse.
[…] Denk ich war heute Morgen bei Preiswerk in Umiken, besuchte seine sehr erfreuliche Unterweisungsstunde und redete
|114 ausführlich mit ihm über Sozialismus und Kirchliches. Wir kamen uns viel näher und schieden vergnügt, nicht ohne daß er mir einige freundliche Lehren mit auf den Weg gab, ich sei nun als «das Gewissen» der Aargauer Kirche aufgetreten und müsse mich hüten vor bösen Mißgriffen und Unterlassungen im Praktischen. Das ließ ich mir gerne sagen. Denn das ist einfach wahr, daß wir bei unsrer grundsätzlichen Stellung zur «Moral» nicht wachsam genug sein können um der Sache willen. Aber wiederum muß es klar bleiben, daß wir unseren eigenen Weg gehen müssen auch hierin, und daß die spezifische Basler- und Pfarrhausethik dabei nicht die Maßstäbe abgeben darf. […]
Heinrich Gelzer würde ich gerne auch kennen lernen. Könntest du ihn nicht einmal kommen lassen? Von Wernles Buch
📖 kenne ich erst den Jülicher’schen Lobpreis in der «Christlichen Welt»,3 der mich nicht stark lockt. Sag mirs dann, wenn etwas «Entscheidendes» drin steht, nichtwahr?
Unterdessen bereitet mir Freund Fabrikant Hochuli wieder Nachstellungen wegen des Konfirmandenunterrichts. Zum Glück hilft mir die Kirchenpflege, hoffentlich energisch. Und der Gemeinderat will mir die Besoldung wieder um 100 Fr. erhöhen im neuen Jahr, das empfinde ich als rührend und freue mich des guten Willens.
Heute Abend Bibelstunde über «Selig die Barmherzigen …» [Mt 5,7]. Warum schickst du mir keine Predigt? Wegen unseres neuen Kränzlis will ich nächstens einen Vorschlag bei allen Vier in Umlauf setzen; wir wollen doch nun im Januar anfangen einmal.
Grüße mir deine Marguerite und sei selbst herzlich gegrüßt von deinen Mitpilgern Nelly, Fränzeli, Patensohn Markus und