13. Dezember 1915

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl, liebes Nelly,

Ich schicke euch hier eine feierliche Karte, die euch einladen soll, an unserer Hochzeit teilzunehmen. Ihr müßt, um ein Ragazwort zu gebrauchen, an unserm «Höhentag» mit dabeisein. Es wird uns eine herzliche Freude sein.

Ich sprach dieser Tage lange und eindrücklich mit Pfr. Müller von Birrwil über «unsere Sache». Auch ich hatte Wernles «Jesus» 📖 unter den Händen. Das Buch wirkt zwar auf mich anregend, ich habe aber in steigendem Maße das Gefühl, daß für diese ganze Art, Jesus zu sehen, die Zeit vorbei ist. Wir sehen doch alles sehr anders. Darüber freue ich mich oft stark während des Lesens, aber ich kann nicht anders als mich dabei auch wieder zu schämen, weil ich den Ernst und die Weite der Aufgabe, die vor uns liegt, empfinde. Du wirst verstehen, wenn sich mir wieder das Lessingwort vom Beweis des Geistes und der Kraft1 aufdrängt. Ich will nicht mit innerm Triumph von Wernles Buch scheiden, aber ich glaube, ohne es klar sagen zu können, vieles richtiger zu sehen als er oder Stücke, die ihm auseinanderfallen, Beziehungen, die bei ihm wie abgerissene Drähte in der Luft hangen, zusammennehmen und zurechtstellen zu können. Du verstehst mich schon.

Ich will dir meine letzte Predigt schicken, um wieder das Recht auf eine von deinen zu haben.

Ich grüße euch alle recht herzlich.
Euer
Ed. Th.

Sachfußnoten

1
Vgl. G. E. Lessings Schrift von 1777: Über den Beweis des Geistes und der Kraft. 📖 ↩