7. Dezember 1915

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

[…] Denk, am Sonntag predigte ich in Frick und fuhr mit dem Fünfliber,1 den mir die Predigt ungefreut-gefreuterweise bald nach Verhallen des Amens in der Stille der Sakristei eintrug, nach Zürich. Dort hörte ich meinen Freund Heinrich Gelzer2 einen Evangelisationsvortrag halten und habe mich erfreut und gestärkt gefunden durch diesen Pietisten. Seine entschlossene, freudige und doch vornehme Art hat mir starken Eindruck gemacht. Ich lese in diesen Tagen in Wernles neuem Jesusbuch,3 aber ich war bei der Altgläubigkeit Gelzers ungleich viel stärker an die Sache des Gottesreiches herangeführt als bei dem modernen Theologen. Auch den Basler «Unabhängigen Kirchgenossen»4 mit ihrer Trostreligion, die nach ihrer Meinung im Gegensatz zu unsrer Sturm- und Drangfrömmigkeit stehen soll, muß ich entgegenhalten: auch wir wollen Gesetz und Propheten nicht auflösen, auch unser Christus möchte sie erfüllen [vgl. Mt 5,17], wir möchten euch nur befreiter und freudiger von alledem reden hören. Aber vielleicht sollten wir statt aller Polemik den Beweis des Geistes und der Kraft |112 [vgl. 1.Kor 2,4] antreten. Vielleicht sollten auch wir zu Evangelisten werden und unbekümmert zur Gemeinde reden, wie es uns gegeben ist: «Redet mit Jerusalem freundlich und sagt ihr, daß ihre Dienstbarkeit ein Ende hat!» [Jes 40,2].

Bei mir im Hause wird den ganzen Tag geklopft und gehämmert. Kamine werden gemauert, und ich sitze inmitten dieses Getöses und suche das Geheimnis zu ergründen «des, der da kommt». Schick mir wieder einmal eine von deinen «Lösungen», und sei in herzlicher Verbundenheit gegrüßt von

Deinem
Ed. Th.

Sachfußnoten

1
= Fünffrankenstück.↩
2
Heinrich Gelzer (1888–1963), damals Pfarrer im Kanton Schaffhausen, später Lehrer am Basler Missionshaus, pietistisch geprägt, Zinzendorf-Kenner, ein ausgezeichneter Theologe von großer Weitherzigkeit und Bescheidenheit.↩
3
P. Wernle, Jesus, Tübingen 1916. 📖 ↩
4
«Unabhängige Kirchgenossen»: ein von Wernle begründeter Kreis in Basel. Dort hatte Barth am 15.11.1915 seinen Vortrag «Kriegszeit und Gottesreich» gehalten. Vgl. Anm. 3 zum Brief vom 12.11.1915.↩