3. Dezember 1915

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Ich habe dir auch nicht mehr geschrieben, seit Marguerite uns verlassen hat. Und da müßte ich dir nun vor allem noch einmal Glück wünschend die Hand drücken, weil wir nun die Deinige recht gut kennengelernt haben und uns mit dir ihrer von Herzen freuen. «Ihres Mannes Herz darf sich auf sie verlassen» [Spr. 31,11]. Es wird fein werden bei euch drüben, und wir denken […], daß wir auch etwas davon haben werden diesseits der vier Berge. Grüße sie doch recht freundlich von uns. […]

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Oh, wie habe ich wieder gelacht, als ich von deinen musikalischen Sorgen las. Meinst du denn, das gehe mir anders mit der Musik als dir? Sie ist auch mir in sehr vielen Fällen einfach die Woge, auf der das Schifflein meiner kleinen und «großen» Gedanken (oder gar allergrößten Gedanken!) glückselig seinen Weg fährt. Da wollen wir uns doch gar keine Skrupeln machen. Wenn sie [unsere Frauen] dann wieder etwas spielen, wo wir auch mitmüssen, dann sind wir auch wieder ganz dabei, sonst eben auf unsre Weise, ich habe das Nelly schon vor Jahren gebeichtet, und diese Ordnung, wo Alles von selbst wächst und ist, wie es muß, ist uns einfach erfreulich, und seit wir sie offenkundig und ehrlich haben, habe ich auch mehr echte und ganze Freude an der Musik und fühle mich sogar, wie du gesehen und gehört hast, vom Geist getrieben, in der wildesten Weise in das Handgemenge einzugreifen, und werde da nachsichtig geduldet. Also sei doch nur getrost und unverzagt, so wie ich nun euch zu kennen meine, können doch da gar keine tragischen Schmerzen bevorstehen, sondern man wächst eben und merkt dies und das auf beiden Seiten.

Ich mußte bei deinem Brief wieder denken, wie gut dus doch hast resp. gehabt hast mit deinem vertrauten Umgang mit Blumhardt und Kutter (und Wernle könnte man sagen). Du hast da ein Kapital von starken Eindrücken und Erleuchtungen, dessen Mangel man mir immer anmerken wird. […] Letzthin war ich in «Hallerheiligen»,1 um wenigstens die persönlichen Mißverständnisse von der Synode her, die dort besonders dick sind, zu beseitigen, es gelang nur sehr teilweise. Und nun schreibt mir ein anderer Nachbar wieder einen schwerfälligen Beschwerdebrief wegen des Zirkulargedichts, das dir ja auch mißfallen hat, hat alles persönlich aufgefaßt und brummt lauter tragische Sachen vor sich hin. Ich habe diese Sorte Händeleien so satt und verwickle mich doch immer wieder in neue. Blumhardts Rat: «Sei was du bist!» darf ich doch wohl noch nicht ganz wörtlich nehmen, sonst krachts und klöpfts immer wieder um mich herum.

Ich bin eben an der 2. Predigt über Joh. 3,26–36, lebe mich sehr in Johannes den Täufer hinein, und es kommt mir oft vor, ich |111 sei eigentlich im günstigsten Fall ein Johannesjünger zu heißen. Auch Wernle hat ja mit seiner feinen historischen Nase spätjüdische Orientierung an mir gewittert. Ich muß es wohl vorläufig hinnehmen und mich damit trösten, daß ich es wenigstens weiß.

Genug für heute. […] Ich danke dir nochmals für deinen Vortrag hier; er war mir sehr viel und hat auch dem Volk starken Eindruck gemacht. Du mußt jedenfalls nächstes Jahr wieder kommen als Mit-Prediger in der Wüste.

Dein getreuer
K. B.

Sachfußnoten

1
«Hallerheiligen» = Kölliken, die von Pfarrer Haller betreute Nachbargemeinde von Safenwil.↩