5. Dezember 1915

Predigt: Johannes 3,26-36 (II) (2. Advent)

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II. Advent
Johannes 3,26–36 (II1)
Liebe Freunde!

«Ein Mensch kann nichts nehmen, es werde ihm denn gegeben vom Himmel. Ihr selbst seid meine Zeugen, daß ich gesagt habe, ich sei nicht Christus, sondern vor ihm her gesandt.» Das ist etwas Ungeheures, daß Johannes der Täufer so reden konnte. Wir haben letzten Sonntag Einiges aus seinem äußeren und inneren Leben gehört: wie er sich losriß von Familie und Heimat, Volk und Kultur, wie er gelitten hat darunter, daß das Menschenwesen und -leben sich so weit, weit von seinem göttlichen Ursprung entfernt hat, wie er sein einsames Leiden dann doch wieder hinausrufen mußte unter alles Volk, wie er Gefährten und Genossen gesucht und gefunden hat, Menschen, denen es wie ihm leid tat, daß Gott so ferne ist, die sich mit ihm sehnen und ausstrecken wollten nach der Rückkehr dessen, was am Anfang war, nach dem Leben und Wesen Gottes. Johannes der Täufer ist der Mann der tiefsten und reifsten, aber auch schwersten, bittersten Lebenserfahrung. Er ist durch eine ganze Reihe von Stufen der Erkenntnis hindurchgegangen, und die Spuren seiner Entwicklung trägt er deutlich an sich. Er ist im Kampf gestanden und steht noch mitten drin, und seine Seele blutet aus alten und neuen Wunden. Was er jetzt als seine Überzeugung vertritt, das ist nicht eine Meinung, die er sich leichtfertiger Weise einmal gebildet hat, sondern das steht vor ihm als eine Tatsache, die in schwerem Ringen geworden und gewachsen ist in ihm. Er weiß, was es ihn gekostet hat, dahin zu kommen, wo er jetzt steht. Er hat viel Jugendglück, Bequemlichkeit, Harmlosigkeit und Seelenfrieden opfern müssen, er hat sich seine Laufbahn, was man so nennt, gründlich verderben müssen, er hat sein Leben innerlich und äußerlich auf einen unerhört seltsamen und schwierigen Weg treiben lassen müssen, bis er nichts Anderes mehr zu |486 sagen wußte als die bittere Wahrheit: es ist die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt! [Mt. 3,10 par.] und die furchtbar schwere und große Aufforderung: tut Buße! [Mt. 3,2]. Umlernen, umdenken von Grund aus zu Gott hin! Er weiß, was er tut, wenn er mit diesem schwersten, wuchtigsten Meißel arbeitet an den Menschen, denn dieser Meißel hat an ihm selber geschafft und schafft noch an ihm, und er hat sich oft gekrümmt unter seinen Schlägen und hätte Gott am liebsten entrinnen mögen aus der Wüste und aus seinem inneren Leiden heraus, zurück in die harmlose Zufriedenheit der Anderen, zurück in die gemächliche Gemütserhebung, die sie ihre Religion nannten. Aber er konnte das nicht. Er mußte immer wieder merken, daß man vor Gott nicht fliehen kann, sondern nur zu Gott hin. Es ist ihm für sich selbst und für die Leute und für die Welt zur einzigen Sicherheit und Klarheit geworden, was er immer wieder ausrufen muß: Rückkehr zu Gott, Hinwendung zu dem, der uns unsere Sünden vergibt. Die große Sache, die er vertritt: die Erkenntnis, daß es der Welt im Grunde fehlt und nicht auf der Oberfläche, die Einsicht und persönliche Reue im Aufblick zu Gott, die Sammlung der verborgenen Gemeinde der Sehnsüchtigen und Hoffnungsvollen — diese Sache ist ihm keine Theorie, kein Gedanke, keine Lehre, altmodisch oder modern, sondern das hat er durchgemacht, dafür hat er sich mit seinem Herzblut hingegeben, darin steht und lebt er mit Leib und Seele. Er hat das alles erfahren und errungen, was er vertritt. Es sind nicht die phantasievollen Ansichten eines schwärmerischen Jünglings, sondern es ist der reife Ertrag eines Manneslebens.

Und dieser Mann mit all dem, was er hinter sich und in sich hat, dieser Mann mitten in der Arbeit und im Kampf um Gott und seine Sache kann von dem Anderen, der da plötzlich auftaucht wie sein Doppelgänger, auch am Jordan, auch von Gott redend, auch taufend, wie es heißt, einfach dieses Wort sagen: ein Mensch kann nichts nehmen, es werde ihm denn gegeben vom Himmel! Dieser Andere ist ein Jüngerer als er, es sieht nicht aus, als ob er seine schwere Schule auch so durchgemacht habe, er hat noch keine Probe abgelegt darüber, wes Geistes Kind er sei, und doch zieht sich Johannes ohne Weiteres vor ihm zurück als vor dem Größeren und bekennt: ich bin nicht Christus! Ich sage, das ist etwas Ungeheures, daß Johannes so reden konnte.

Es liegt darin eine ganz überwältigende, fast möchte ich sagen übermenschliche Demut. Wir stehen da vor einem der schwersten Rätsel |487 oder aber vor einer der größten und schönsten Offenbarungen der biblischen Geschichte. Nicht wahr, das ist etwas Großes, wenn ein Mensch so weit kommt, daß er aus aufrichtigem Herzen betet: vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben wollen unseren Schuldigern [Mt. 6,12 par.]; dazu braucht es ein gewaltiges Stück Demut, und ihr wißt, wie schwer es uns wird, das aufzubringen. Aber wie ist’s eigentlich mit unserer Demut, wenn wir einmal durch dieses schmale Tor hindurchgegangen sind? Wenn wir eine gewisse Einsicht und Lebenserfahrung hinter uns haben? Wenn wir mit uns gekämpft und gerungen und uns in bitteren Leiden und Enttäuschungen, aber auch in schönen Stunden klarer Erkenntnis innerlich etwas erstritten haben, ein Verhältnis zu Gott, dem Schöpfer und Herrn, durch das wir innerlich über uns selbst hinausgewachsen sind? Wenn wir nach vielem Irren und Verweilen auf unteren Stufen nun einmal wenigstens in der Hauptsache wissen, wo wir stehen und wohin wir gehen wollen? Vielleicht daß wir gerade auf einen ähnlichen Punkt geführt worden sind wie Johannes der Täufer, auf die Buße und auf die Hoffnung, durch das schmerzliche Unslosreißen von unserer Eigen-Art und von der Welt-Art hindurch zu der frohen Aussicht auf den Sieg und die Verherrlichung Gottes in unserem Leben und in der weiten Welt. Wie steht es dann mit unserer Demut? Seht, das fragt sich ja gar nicht, daß wir dann jene Bescheidenheit im Allgemeinen Gott gegenüber haben, die Bescheidenheit, die weiß: wir sind allzumal Sünder und ermangeln des Ruhmes, den wir vor Gott haben sollten [Röm. 3,23], m.a.W. daß wir in unserem Verhältnis zu ihm aus der Sicherheit und Frechheit heraus in die Ehrfurcht versetzt sind. Diese innere Umwandlung oder doch der Anfang davon ist für einen ernsten, reifen Menschen selbstverständlich. Aber das fragt sich, ob wir gerade dann, wenn wir durch den schmalen Weg gegangen sind [vgl. Mt. 7,14] und etwas hinter uns haben, immer ganz klar einsehen, daß wir wirklich noch unterwegs sind, daß Gott Gott bleibt und der Mensch Mensch, daß Sehnsucht nach Gott und Hoffnung auf ihn alle Tage aufs neue wieder etwas Anderes ist als Gott schauen und Gott haben und Gottes seliges Kind und ein Licht Gottes in der dunklen Welt sein. Das fragt sich, ob wir, gerade wenn wir den Anfang einer Erfahrung haben, bereit sind und bleiben, uns vorbehaltlos zu gestehen: ein Mensch kann sich nichts nehmen, es werde ihm denn gegeben vom Himmel! Diese Demut der Menschen, die schon gelitten und gestritten |488 haben, ist die große und schwere Demut. Haben wir die auch? Johannes der Täufer hatte sie. Es kann nicht Weihnacht werden ohne sie. Aus der Schule der Buße und der Hoffnung, in die uns dieser Prophet des Advents hineinführt, leitet er selbst uns sofort weiter auf die höhere Stufe. Wir wollen es versuchen, ihm ein wenig zu folgen.

Das Wörtlein, das uns seine fast übermenschliche Demut erklärt, heißt Freude. Auf seinem einsamen, steilen, schwierigen Weg ist diesem ernsten, geprüften Mann eine große Freude widerfahren. Er hat sonst wenig Freude erfahren in seinem Leben. Die Erkenntnis Gottes, die Erkenntnis, daß es der Welt an Gott fehlt, die Erkenntnis, daß es außer der Heimkehr zu Gott keine Hilfe gibt — das alles ist über ihn gekommen wie eine starke Schar gewaffneter Feinde. Es kostete ihn eine furchtbare Arbeit und einen blutigen Kampf, das alles aufrichtig anzunehmen und in sich zu verarbeiten und auch sein eigenes Leben ein wenig dazu in Einklang zu setzen. Und wie eine bergeshohe Last lag es auf ihm, von dem allem nun auch zu den Menschen zu reden. Da war zur Freude nicht viel Raum und Zeit übrig. Da konnte auch um ihn her nicht gerade Freude entstehen. Was von ihm ausging, das war ein tiefer, unerbittlicher Ernst, ein Aufwachen und heilsames Erschrecken der Gewissen, eine gewisse wohltuende, vorläufige Klarheit, wohltuend wenigstens für [die,] die selber nach Klarheit suchten — aber nicht Freude. Aber nun ist diesem Mann eines Tages eine große Freude widerfahren, und von dem Tag an hatte er auch den Leuten etwas von Freude zu sagen und zu zeigen. Das war der Tag, an dem er dem Zimmermannssohn Jesus von Nazareth in die Augen sah. Unter den Vielen, die als die Genossen seiner Sehnsucht und Hoffnung zu ihm traten und sich von ihm taufen ließen, war dieser junge Mann. Und von ihm empfing der bewährte Kämpfer und Dulder mehr, als er ihm geben konnte. In ihm trat ihm etwas entgegen, das war mehr als sein glühendes Verlangen nach Wahrheit und Gerechtigkeit, das war leuchtender als seine Gewißheit von der herrlichen ursprünglichen Gotteswelt, das war kräftiger als der Ernst und die Wucht seines Bußrufes.

Ja2, war denn das überhaupt möglich? Kann es etwas Größeres, Besseres geben unter uns Menschen als die unerbittliche Klarheit und der |489 leidenschaftliche Ernst, die in Johannes waren? Nein, es gibt da nichts Besseres. So wie wir Menschen dran sind, so wie wir Menschen unseren Weg ziehen, beladen mit der Schuld von Jahrtausenden, die unsere eigene Schuld wird, ehe wir’s ahnen, beladen mit dem Fluch eines ersten Mißverständnisses zwischen Gott und uns, beladen mit den Mühsalen und Sünden, denen wir auf diesem unserem Weg gar nicht entgehen können, so wie wir Menschen nun einmal dran sind, gibt es in der Welt nichts Besseres und Größeres als das, was Johannes durchgemacht hat: die scharfe, unbestechliche Einsicht, daß Gott etwas Anderes will, als was wir wollen, das verzweifelte Rütteln an den Ketten, mit denen unser ganzes Wesen und Leben gefangen gehalten ist, der leidenschaftliche Protest und Kampf gegen die Macht, die über uns ist und unser Leben zu einem verkehrten Leben macht, die Zuversicht und der Trost, die darin liegen, daß Gott Gott bleibt und sich schließlich als Gott erweisen muß und wird. Ich wiederhole vom letzten Sonntag3: wären wir nur schon Johannesjünger darin, daß wir uns zu solcher Klarheit durchgerungen hätten! Denn verglichen mit dieser Klarheit ist all die leichtere, bequemere Lebensauffassung, all das falsche Friedenmachen zwischen Gottes Art und Menschenart, all das, was wir Religion und Christentum heißen — Torheit, Einbildung, bewußte und unbewußte Heuchelei und Lüge gegen Gott. O wollte Gott, wir hätten einen Johannes, der uns die Augen öffnete! Jesus selber hat es später einmal gesagt: wahrlich, ich sage euch, unter allen, die von Weibern geboren sind, ist Keiner aufgekommen, der größer sei denn Johannes der Täufer! Aber freilich, Jesus hat dann auch fortgefahren: der aber der Kleinste ist im Himmelreich, der ist größer denn er [Mt. 11,11 par.].

Seht, das war’s, was Johannes der Täufer selber sofort und klar erkannt hat: Der Mann aus Galiläa, der da eines Tages zu ihm kam, der war nicht dran, wie wir Menschen sonst dran sind, der war dran, wie man im Himmelreich dran ist. Und darum war das, was in diesem Mann war, mehr als das, was in ihm selber war, trotz seiner schweren und tiefen Erfahrungen. Und dieses Größere, das in Jesus war, hat Johannes dem Täufer Freude gemacht. Das Himmelreich, oder sagen wir es deutlicher: das Gottesreich, die Herrschaft Gottes, das sah Johannes in Jesus. In ihm selber war das Verlangen danach, der heiße Schmerz über |490 ein Leben und eine Welt, über denen geschrieben steht: nicht mehr oder noch nicht unter Gottes Herrschaft!, die hoffnungsvolle Sehnsucht nach dem, was ursprünglich gilt und zuletzt wieder gelten muß. In Jesus sah er auf einmal alles das, was er vermißte und ersehnte in lebendiger Wahrheit. Kindereinfältig und durchsichtig begegnete ihm da ein Leben, das von seinen Leiden und Kämpfen wie unberührt schien. Der da brauchte sich von der Welt nicht loszureißen, weil er ganz frei war von ihr bis ins Innerste. Er brauchte sie aber auch nicht anzuklagen und zu schelten, weil er sie nur zu gut verstand. Der da brauchte die Menschen nicht zu fliehen, weil er auch ohne das eine andere Art hatte als sie und wie in einer festen Burg gegen ihre Unwahrhaftigkeit und Ungerechtigkeit gesichert war. Er brauchte aber auch nicht heißhungrig Gefährten zu suchen für sein Leid und seine Erwartungen, weil er stark und stolz genug war, Beides allein zu tragen. Der da sah Gott nicht als den fernen, hohen Richter stehen über einer leeren, toten Menschenwelt, dazu war ihm die Güte des Vaters viel zu gewiß und zu stark. Dafür mußte er ihn aber auch nicht erst herbeiwünschen mit stürmischem Drängen und Bitten und Erwarten, sondern sah ihn lebendig gegenwärtig wirksam im Großen und Kleinen, schaffend an der Vollendung, die er sich vorgesetzt hat. Und darum war er selber, Jesus von Nazareth, denn auch kein Bußprediger und Prophet, der an Gott erinnert und auf ihn hinweist, sondern einfach ein Mensch, der mit Gott lebte, Gott zeigte, Gott als lebendige Wahrheit vor die Menschen hin und in die Welt hinein stellte. Er lebte von dem, was Gott will, aber nicht in Wünschen und Anklagen, sondern indem er das, was Gott will, tat und ganz selbstverständlich herausstellte. Der göttliche Anfang und das göttliche Ende der Welt war in ihm nicht vergangen und nicht zukünftig, sondern gegenwärtig. Das unschuldige, freie, selige Leben des Gotteskindes und der Sieg Gottes über alle Lüge und Verdrehtheit der Menschennatur, die bei uns auseinandergerissen sind in eine schöne Erinnerung und in eine schöne Hoffnung, sie waren in ihm eine Tatsache. Er sah wohl die Welt und das Leben der Menschen, wie sie sind, und litt auch darunter, tiefer, viel tiefer noch als Johannes, aber er sah die Welt nie anders als mit Gott zusammen, sah keinen Augenblick nur die Welt in ihrer Dunkelheit und Verlorenheit, sondern immer gleichzeitig des ewigen, siegreichen Gottes schaffendes und erlösendes Wirken, und das gab ihm die Kraft, die ihn über das Leid, unter dem Johannes nur seuf|491zen konnte, hinwegtrug. Er hungerte wohl und dürstete mit Johannes nach dem Hervorbrechen der Gerechtigkeit Gottes, noch ganz anders als Johannes, aber er versäumte darüber keinen Augenblick, sich von Gott sättigen zu lassen, und wurde immer wieder satt und froh in der Gegenwart des Gottes, der Anfang und Ende in seiner Hand hält, hungerte und dürstete und war doch selig jetzt schon und ganz selig im Vertrauen auf Gott und im schlichten Tun seines Willens. Er stand unter der Herrschaft Gottes. Er war im Himmelreich, und das Himmelreich war in ihm. Das Himmelreich leuchtete aus seinen Augen, offenbarte sich in seinen Worten, gewann Raum und Kraft im Großen und Kleinen, was er tat. Ihm war Gott der Vater und der Mitmensch der Bruder und die Welt Gottes Ackerfeld, und darum hatte er Lebenslust mitten in der Todeswelt, und alles Drängen, alles Ringen war in ihm Ruhe vor Gott dem Herrn4.

Das war Jesus. Und das hat Johannes an Jesus gesehen. Und hat sofort gesehen: das, was er hat, ist mehr, als was ich habe. Er, Johannes, wußte, wie der Mensch dran ist, wenn er sich sehnt nach dem Himmelreich. Jesus zeigte und brachte das Himmelreich. Was sollte Johannes tun in dem Augenblick, wo er das erkannte? Das war klar, daß er mit dem, was dieser junge Mann hatte [und] brachte, erledigt, überwunden, bei Seite gestellt war. Wenn man an einem Ort angekommen ist, braucht man den Wegweiser nicht mehr. Wenn eine Arbeit getan ist, sind alle Aufforderungen zum Fleiß überflüssig. Wer auf dem Berge steht, braucht nicht mehr zu sorgen, wie er unter Ach und Krach hinauf komme. Ob wohl Johannes nicht einen Augenblick wenigstens geschwankt hat, wie er sich zu dieser Tatsache stellen sollte? Es hätte für ihn so nahegelegen, vielleicht mit einem sauersüßen Lächeln zuzugeben: Ganz recht, er meint das gleiche wie ich. Er hat wohl meine Gedanken sehr gut verstanden. Er hat ganz recht, denn er sagt das, was ich ja immer gesagt habe! Um dann wahrscheinlich im Stillen doch ein wenig zu grollen darüber, daß der Andere es so viel besser sagen konnte, |492 um dann doch ein wenig zu gifteln über den Wankelmut der Menge, die sich jetzt dem Neuen zuwandte, weil sie ja doch immer etwas Neues haben will. Um dann doch Jesus sorgfältig aufzupassen, ob er sich nicht den einen oder anderen Fehler zuschulden kommen lasse, der seine Überlegenheit wieder zweifelhaft erscheinen lassen konnte. Zuletzt dann der ein bißchen verbitterte Rückzug des älteren Mannes, der seine Zeit und seine Erlebnisse und Erfahrungen gehabt hat, der sich nun unverdientermaßen in den Schatten gestellt sieht, und schließlich das vergrämte Ende des Verkannten, der sich bis zum letzten Atemzug immer ein wenig selbst bedauert, daß es ihm so gegangen ist. Warum hätte es Johannes nicht so gehen sollen? Es ist unzähligen bedeutenden und frommen Menschen so gegangen. Aber davon war nun gerade gar keine Rede. Seht, wenn dem Johannes seine Sache eine ausgeklügelte Meinung, eine Parteiansicht, eine Theorie gewesen wäre, dann hätte [es] ihm jetzt unfehlbar so gehen müssen.

Wenn5 wir uns unsere Lebenserfahrung menschlicherweise, nach eigenem Plan, ohne Gott zurechtmachen, wenn wir uns scheinbar im Gehorsam gegen Gott, in Wirklichkeit eigenwillig irgendwo hinstellen oder einen Weg einschlagen ohne Gottes Auftrag, dann muß es uns so gehen. Mit aller Eigenwilligkeit und Selbstherrlichkeit verschließen wir uns die Möglichkeit, das zu empfangen, was uns vielleicht vom Himmel her noch gegeben werden könnte. O, es gibt soviel ernste und reife Einsicht und Erkenntnis, soviel aufrichtige Sehnsucht und Erwartung unter den Menschen, aber sie ist wie verholzt oder versteinert, weil die Menschen — gescheite, fromme, gläubige Menschen, wohl wert, neben Johannes gestellt zu werden — sehr menschlicherweise nicht mehr über sich selbst hinauswollen, gleichsam einen Strich unter ihre Rechnung setzen und addieren, weil ihnen die Zahlenreihe ihres Lebens gerade lang genug vorkommt, dem heiligen Geist, der an ihnen schaffte, den Riegel schieben dadurch, daß sie sich feste, bleibende Ansichten bilden, wie sie sagen, die sie nun überall und auf Alles anwenden und die sie gegen jedermann durchsetzen und behaupten wollen um jeden Preis; wo doch alle Ansichten, und wären es die besten, nur Pontonbrücken sind, die man, wenn sie ihren Dienst getan, auch wieder muß abbrechen können. Standpunkte bauen sie sich, wie sie sagen, mit grün angestri|493chenen Ruhe- und Aussichtsbänklein nach allen Seiten und setzen sich drauf und müssen immer wieder mit allem Nachdruck betonen: so sehe ich die Dinge an! und merken nicht, die Armen, daß alle Standpunkte mit der Zeit alt und unbrauchbar werden, daß jeder Standpunkt vernünftigerweise nur wie der Bahnhof sein kann, vor dem man eine Weile fröhlich auf- und abspaziert und sich mit Bekannten unterhält, aber nur bis der Zug kommt und uns mitnimmt und doch ja keine Minute länger, nicht wahr?, und daß nun Gott ewig frisch und jung ist und daß es für einen Gottesmenschen nichts Anderes geben kann, als sich eben wirklich von Gott führen zu lassen Schritt für Schritt Und das Allerschrecklichste ist ihnen der Gedanke, den gerade Johannes dort durchmachen mußte, der Gedanke, ein Anderer könnte haben, was sie nicht haben und wovon sie immer nur geredet haben.

Nun, Johannes ist es also nicht so gegangen. Johannes hatte keine Ansichten und keinen Standpunkt, oder vielmehr er hatte sie so, wie wir dergleichen haben müssen, als ein Gerüst, das man so lange braucht, bis es unnötig wird. Johannes hatte nur einen Auftrag von Gott, und den hat er eben in aller Treue und mit aller Tapferkeit ausgeführt bis zu dem Moment, wo er sehen und hören konnte: jetzt hat ein Anderer einen größeren Auftrag als ich! Und als dieser Moment kam, da hat er nichts dagegen einzuwenden gehabt, da hat er sich nicht gedrückt um die Erkenntnis, daß er nun erledigt ist, da hat er einfach seinen Auftrag zu Ende geführt in gleicher Treue und Tapferkeit, bis das Halt! von Gott her von selbst kam, und hat sich eben im Übrigen einfach gefreut über das, was er sah und hörte. Er hat sich gegen die überlegene Göttlichkeit Jesu nicht verschlossen, sondern er hat sie fröhlich anerkannt und hingenommen als die ganz natürliche und doch über alle Maßen herrliche, göttliche Fortsetzung und Erfüllung dessen, was ihn selber bewegt hatte. Er stellt sich einfach neben Jesus, unter ihn, hinter ihn, als ob er es nie anders erwartet hätte, als daß es so kommen müsse. «Wer die Braut hat, der ist der Bräutigam, der Freund aber des Bräutigams steht und hört ihm zu und freut sich hoch über des Bräutigams Stimme. Dieselbige meine Freude ist nun erfüllet.» Diese Freude kam ihm aus dem Herzen, es ist eben nichts sauersüß Anerkennendes dabei. Er muß sich nicht künstlich dazu zwingen. Er muß sie überhaupt nicht machen. Er hat sie. Sie wird die Freude seines Lebens, die große göttliche Tröstung und Liebkosung nach all seinem Arbeiten und Leiden und Kämpfen. Diese |494 Freude, daß das Himmelreich nun nahegerückt ist, viel herrlicher als seine Bußpredigt es ahnen ließ, diese Freude am Sohn des himmlischen Vaters, dem er den Weg bereiten durfte, ist nun der Lohn, den er davon trägt dafür, daß er nicht seine Sache getrieben hat, sondern die Sache Gottes, daß er nicht seinen Weg gerannt ist, sondern sich von Gott hat führen lassen, daß er nicht stecken blieb in seinen Meinungen, sondern mit Gott allezeit vorwärts ging.

Seht, mit dem Wörtlein Freude ist die Demut des Johannes erklärt. In dem wunderbaren Ausspruch: Er muß wachsen, ich aber muß abnehmen! ist kein Funken von schmerzlich verzichtender Resignation. Dieser Ausspruch kommt vollständig aus der Freude hervor, die ihn erfüllte darüber, daß nun Jesus da war und es viel besser machte als er. Er will gar nicht mehr wachsen. Er will gar nichts mehr sein neben Jesus. Das wäre kein Wachstum mehr gewesen, sondern ein künstliches Gemächte. Er will gar nicht mehr der Prophet sein, seitdem er das Himmelreich nahe gesehen, das schöner ist als alle Propheten miteinander. Er ist zufrieden, daß er ein wenig für das Himmelreich hat wecken und vorbereiten dürfen. Und freudig will er jetzt abnehmen, zurücktreten, der Zweite sein. Er lebt ja eben nicht für sich, sondern für Gott, und Gott nimmt nicht ab, Gott nimmt gerade jetzt gewaltig und entscheidend zu.

Sollte es denn nun für uns so schwer sein, mit dem, was ich am Anfang die große, schwere Demut nannte, der Weihnacht entgegenzugehen? Sollte es uns so hart fallen, auch wenn wir noch so ernste und wichtige Erfahrungen hinter uns haben, wie die Kinder uns vor Jesus zu stellen als vor den, der uns trotz aller Reife und aller Sicherheit und allem Glauben, die wir uns gewonnen haben mögen, etwas total Neues zu bringen hat, nämlich die Herrschaft Gottes in Leben und Kraft? Sollte es unserem Stolz oder Stölzlein zu schwer fallen, in die Demut hineinzugehen, die sich ehrlich gesteht, daß unser Glauben, Hoffen und Lieben, unser Christentum, wie wir es so haben, im besten Fall ein Hinweisen und Winken und Grüßen ist hinüber nach einem anderen, fernen Ufer, und daß wir, wenn es uns ernst ist, hinüberzukommen, uns von dem Kindlein in der Krippe noch Alles müssen schenken lassen? Wollen wir größer sein als Johannes, bevor wir nur auch Johannes recht gehört haben? Ach, das ist doch ganz unmöglich. Wir wollen uns jetzt nur recht anstecken lassen von seiner Freude, dann wird uns seine übermenschliche Demut auch ganz natürlich. Gott gebe es Vielen von uns, daß wir in |495 dieser Zeit Jesus auch so in die Augen schauen dürfen wie Johannes. Dann kommt uns auch seine Freude. Und wo diese Freude einmal ist, kommt Alles gut. Da kehrt Gott selber ein.

Amen.
Lieber himmlischer Vater! Laß uns in dieser Adventszeit recht kindlich und schlicht und demütig werden vor dir. Wir sind zu sicher, wir sind zu frech, wir verlassen uns zu viel auf die Richtigkeit und Güte unserer Erfahrungen und Anschauungen. Wir sind so schnell bereit, deine Schule zu verlassen, lange bevor wir ausgelernt. Und da geht uns dann so leicht die Hauptsache verloren, und du kannst uns nicht segnen, wie du uns wohl segnen möchtest. Denn die Hauptsache ist doch, daß deine Liebe uns einmal berühren und erfüllen könne. Wir sollten nicht draußen stehen in der Kälte und hungern mit unserem eigenen menschlichen Wesen, sondern hineintreten in dein Haus, wo es warm ist und du uns freundlich nähren willst. Das bietest du uns alles in Jesus Christus an. Er ist darum unser Heiland, weil er uns Dich nahebringt. O gib uns die Freude an ihm ins Herz, daß wir nicht mehr anders können als vor ihm klein werden und uns hinter ihn stellen und Alles von Deiner Güte durch ihn erwarten. Laß Vielen von uns die Augen aufgehen über die Schönheit des Menschensohnes! Laß ihn durch unsere Gemeinde gehen und gib, daß er erkannt werde als der, der er ist! Hilf in den Kirchen landauf landab zu einem frohen Erstaunen und Stillwerden vor ihm. Laß ihn durch die arme Welt gehen und laß ihn Verständnis finden!
Lied:
  • Nr. 93: «Dein König kommt in niedern Hüllen» von Fr. Rückert, Strophen 1-3 und (nach der Predigt) 4-6 (= GERS [1952] 108,1-3; 4-6; EG 14,1-3; 4-6) 🎵

Sachfußnoten

1
Am Freitag, 3. Dezember, schrieb Barth an Thurneysen: «Ich bin eben an der 2. Predigt über Joh. 3,26–36, lebe mich sehr in Johannes den Täufer hinein, und es kommt mir oft vor, ich sei eigentlich im günstigsten Fall ein Johannesjünger zu heißen» (Bw.Th. I, S. 110f. 📖).↩
2
Der hier beginnende Absatz ist im Mskr. mit Blaustift eingeklammert. Anders als in dem entsprechenden Fall oben S. 329 bei Anm. 6 und S. 331 bei Anm. 10 läßt sich hier der Grund dieser Maßnahme nicht erraten.↩
3
Vgl. oben S. 481f.↩
4
Vgl. die Schlußverse des Gedichtes «Wenn im Unendlichen dasselbe …» (Zahme Xenien VI) von J. W. von Goethe 📖:
Strömt Lebenslust aus allen Dingen,
Dem kleinsten wie dem größten Stern,
Und alles Drängen, alles Ringen
Ist ewige Ruh in Gott dem Herrn.
↩
5
Auch dieser Absatz ist mit Blaustift eingeklammert.↩