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1. Dezember 1915
Ich möchte dir und Nelly noch einmal herzlich danken für die überaus freundschaftliche Aufnahme, die ihr meiner Braut bereitet habt. Für Marguerite ist Safenwil eine wichtige Station geworden. […]
Ich habe in letzter Zeit mit neuer Dankbarkeit an die Art denken müssen, in der Blumhardt und auch Kutter Seelsorge an mir geübt haben. Sie haben mich einfach sehr ernst genommen, Blumhardt insbesondere. Ich habe in alten Aufzeichnungen die Spuren meiner damaligen Blumhardt vorgebrachten Fragen und Nöte, aber auch seine sehr geduldigen und gütigen Antworten nachgelesen. Wohl habe ich damals sehr aufmerksam auf Blumhardts Worte geachtet, aber es war nie ein mit Absicht über einen sich ergießender Wasserfall. Man konnte auf seine Weisungen eingehen, |109 aber man mußte es nicht. Er gab einen auch im Einzelgespräch frei, «sei was du bist»! konnte er sagen und ließ dabei alle eigenen Ansätze seines jugendlichen Partners sehr wohl gelten. «Bleibe dir selber treu!» war immer wieder sein grundsätzlicher Rat. An Kutter denke ich dankbar, weil er mir gegenüber, wenn er eine Predigt von mir gehört hatte, in derselben Weise wie Blumhardt mich nachher ermutigte. Auch mit Wernle hatte ich in Basel ein langes Gespräch, und er war diesmal sehr zugänglich für meine Erörterungen und gar nicht apodiktisch in seinen Antworten. […]
Noch ein Wort über meine Erfahrungen beim Anhören von Musik, wie sie im Elternhaus meiner Braut gepflegt wird. Ich bin immer wieder ein wenig betrübt, daß ich mich in musikalischer Hinsicht als nicht auf der Höhe befindlich erachten muß. Da bist du eben doch viel besser dran als ich. Wohl habe ich alle Freude am Zuhören, aber kein tiefergehendes Verständnis. Auf mich hat z. B. Bach’sche Musik die Wirkung, daß ich während gespielt wird, mit seltener Leichtigkeit denke an all das, was mich geistig beschäftigt, sodaß ich die Musik beinahe nicht mehr bewußt höre. Solch ein Abirren auf meine eigenen innern Lebensgebiete macht mich oft sehr glücklich und frei, aber es zeugt nicht gerade von musikalischer Fassungskraft. […]
Mit recht herzlichem Gruß bin ich