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23. November 1915
Lieber Freund!
Laß mich von Wernle bis auf Weiteres schweigen. Es kommt mir nicht vor, als ob seine Ratschläge aus innerer Notwendigkeit hervorkommen, sondern das sind immer wieder die gleichen Orchestrion-Walzer, die er nach Belieben braucht und auswechselt. Die Logik der Sache ist erhellend, beschämend, richtend, wegweisend genug für uns und führt uns weiter als sein tumultuarisches Dreinreden. Ich habe nun seine Büchlein und Artikel vorläufig samt und sonders satt und das, worin er recht hat und woran es mir fehlt, bringt er mir jedenfalls mit seiner Art nicht nahe. Sag du mir jeweilen recht kräftig und ausdrücklich aus der Sache heraus, was dir durch Wernle erleuchtet und wichtig gemacht wird; für mich ists für den Augenblick genug der Auseinandersetzung mit diesem aufgeregten Mann.
Ich war nicht am Kränzli. Dafür ist wieder Nelly als Gesandtin hingezogen. Sie brachte üblen Bericht: das übliche Durcheinander, unsachliches Gehorne über den Milchkrieg1 statt einer Diskussion über die Predigt, zum Schluß offenes und halb unterdrücktes Klagen über die «Hypertrophie» des Kränzlis, Vorschlag einer geographischen (!) Teilung, Seufzen nach den alten guten Zeiten und über meinen Schöftländer Ausfall, zum letzten Schluß Choralgesang. Auch Epprecht war der Meinung, es sei nun genug. Und so habe ich denn heute Morgen beiliegendes Gedicht2 verfaßt und an Müris geschickt, die es nun zirkulieren lassen mögen. Nelly sagt, es sei so nahe um diese Lösung herumgeredet worden, daß mir fast nichts übrig bleibe, als möglichst frohfriedlich den Schritt zu tun. […]
Nun zu Erfreulicherem. Unsere Vorträge waren vorgestern und gestern recht stark besucht von jung und alt, und besonders die Rede meines Heilsarmeefreundes war uns allen ein Erlebnis. Denk ich habe mich eigentlich geschämt vor diesem Menschen mit meinem bißchen innern Tun und mit all meinen Orientierungsfragen und Zänkereien, vor diesem selbstverständlichen schlichten |107 Leben in der Liebe Gottes, in dem Alles so organisch und gar nichts Gemachtes ist. Ich kann dir über den Vortrag nicht viel sagen: er hat eben an einem halb Dutzend Fällen aus seiner Seelsorgearbeit, in der er völlig drinsteht, einfach gezeigt, wie er Freude und Hoffnung zu pflanzen suche und werden sehe, alles ohne die geringste Spur von methodischem Denken, aber von innen heraus leuchtend und lebendig, unmittelbar wahr, wie ich eigentlich vielleicht außer einst bei Herrmann und dann bei Blumhardt noch nie so etwas gehört habe. Er war gestern dann noch bei mir bis nachmittags (darum ließ ich das Kränzli fahren), und wir kamen sehr gründlich ins Gespräch über individuelle und universale Auffassung des Christentums, über den Himmel, die Hölle, die Bibel und den lieben Gott. Ich stieß überall auf die gleiche fast raffinierte Naivität, die alle Probleme hinter sich hat, weil sie Wichtigeres zu tun hat: sich zu freuen und andern zu helfen. Der Heilsarmeezauber ist ihm eine Form, die er lachend und zufrieden mitmacht, der einem aber an ihm auch ganz natürlich vorkommt. Ich erzählte ihm auch von unserem Kirchenproblem, worauf er nur achselzuckend meinte, das sei wohl alles sehr interessant, aber er habe keine Zeit, um sich mit dem Heilsarmeeproblem herumzuschlagen. Von seiner Bibelexegese gab er mir ergötzlichste Proben, aber ich konnte mich nicht einmal ärgern darüber, es ist Alles so aus einem Guß, daß man die gewagtesten Dinge ruhig schluckt, weil er einfach in der Sache fast immer recht hat. Franz von Assisi! es fuhr nachher Nelly und mir fast gleichzeitig heraus! — Die Leute aus dem Dorf, mit denen ich bis jetzt geredet, sind auch ganz betroffen gewesen und reden alle übereinstimmend nur von dieser merkwürdigen «Liebe».
Der gute Epprecht hatte auf das hin gestern nicht leichtes Spiel mit dem «Vaterland». Er hat aber kräftig angepackt und sicher auch Eindruck gemacht. Der Inhalt? ja — die merkwürdige Mischung, die er überhaupt ist. I. Teil: helvetische Gesellschaft: Lobpreis auf Vaterland und Staat. II. Teil: «Neue Wege»: kräftiggesunder Pazifismus und Sozialismus. Das Ganze etwa: in der Art von Peter, nur mit deutlicheren Ragazischen Tönen gegen Ende. |108 Er erinnerte mich auch stark an meine eigene Art von früheren Jahren. Aber er wird sicher das Reformerische,3 das ihm noch anhaftet, auch noch los werden, und ich mag ihn gerne, obwohl ich den ganzen Abend etwas auf Dornen saß.
Was wird nun Schild bringen heute? Und du führst dann also morgen den großen Haupt- und Schluß-Schlag. Es wird schon gut kommen! Machs nur recht einfach und kinderlehrmäßig, das Volk scheint willig zum Hören, und der Heilsarmeekapitän hat so vorgearbeitet, daß es eigentlich eine Freude ist fortzufahren.
Morgen kommt deine Marguerite und wir werden den Nachmittag wohl unter großem Musizieren zubringen. Vale! Ich freue mich, dich wieder zu sehen.