5. Oktober 1915

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Freund!

Der Wernle-Brief war mir auch eine rechte Erfrischung. Gott erhalte ihm sein Temperament! muß ich immer zuerst denken, wenn ich wieder so etwas von ihm lese. Sachlich ists ja sehr bedauerlich, daß ein so gescheiter Mann so völlig an dem, woraufs ankommt, vorbeischießen kann. Er ist doch ein rechtes Hindernis mit seiner Art; ich meine mehr negativ: wieviel könnten gerade wir von ihm haben, wenn er einfach ein wenig verständiger sein wollte. Es kommt mir oft vor: wenn er nur eine Viertelstunde ruhig zuhören könnte, wie es gemeint ist, so müßte er das Gemeinsame, das uns mit ihm verbindet, so stark empfinden, daß diese Lärmmacherei aufhören würde. Es ist nur eine dünne Wand zwischen ihm und uns, ich höre ihn deutlich klopfen auf der andern Seite, aber ich glaube nicht mehr, daß die Aussicht noch frei wird. Natürlich werde ich ganz freundlich reden in Basel. Ich habe mir bis jetzt hauptsächlich über die Art, die Sache zu bringen, die gleichen Gedanken gemacht wie du: alle religiösen Kriegsauffassungen positiv nehmen, aber bei keiner stehen bleiben, sondern in immer engern Kreisen das Entscheidende in (nicht neben oder gegen) den deutschen, wernleschen etc. Gedankengängen herauszuarbeiten suchen. Obs mir gelingt? […]

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Ich las heute die sehr wichtige neue «Glocke»1. Das habt ihr gut gemacht und das wird sicher Vielen zu denken geben. Ob die Feldprediger nicht insgesamt wie eine Mauer aufstehen werden zu irgendeiner Unternehmung? Für sie ist das Resultat vernichtend. Mit deinem Baudraz-Artikel gehe ich ganz einig. Am wenigsten mit dem vorletzten Absatz vom Sonderauftrag der Gottesmänner. Ich verstehe schon, aber ich kann mich dabei nicht beruhigen. Gibt es nicht auch «Durchbrüche» auf breiter Front, unter Umständen von der Masse getragen? Denk an die Abstinenz z. B.! Ich meine: wir können nur immer wieder und immer deutlicher sagen, was du auch und sehr gut sagst: Gottes Willen gehorchen heißt positive Stellung nehmen zu einem neuen Ganzen göttlicher Lebensordnungen und -kräfte. Wir können und dürfen aber nicht wehren und dämpfende Vorschriften machen, wenn der neue Geist stammelnd und stolpernd und gebrochen irgendwo an einem Einzelpunkt durchschlagen will. Wir werden solche Durchschläge so relativ einschätzen, wie sie es an sich verdienen, wir werden sie beileibe nicht züchten wollen, aber wenn sie ohne uns kommen, so werden wir prinzipiell nichts gegen sie sagen, sondern uns ihrer als kleiner Realisierungen des Gottesreiches nur freuen können. Hätte das, was ich da etwas plump «Freude» nenne, nicht etwas stärker gesagt werden können, unbeschadet des Einschränkenden, das natürlich gesagt werden mußte? Ich denke eben daran, daß wir den «andern» […] immer noch zu stark den (falschen!) Eindruck einer bloß negativen Orientiertheit machen. Woran liegt das? Du konntest dich im Innersten freuen an den Feldpredigten eines Benz. Gut, aber warum nicht im gleichen Sinne an der «Predigt», die uns ein Baudraz hält?

Nun muß ich dir erzählen, daß ich unterdessen auch eine Art Durchbruchshandlung eingeleitet habe, ganz von mir aus, und ich weiß nicht, was du dazu sagst. Ich hatte am [Pfarr]-Kapitel (das du unentschuldigt geschwänzt hast!), bei dem es also auch eine kleine Baudraz-Debatte gegeben hat mit Spruch von Pfisterer2 und Gegenspruch von Straub,3 während ich nur etwas vor mich hinbrummte, wieder einen starken Eindruck von unsrer Kirchen|88misere. Preiswerk4 schlug mich in den Ausschuß vor, ich wollte aber nicht. […] Umso mehr möchte ich nun einmal in Aarau prinzipiell sagen, was ich jetzt zu sagen habe, — damit es einmal gesagt ist und ich mit ruhigem Gewissen zu Gemeinde, Freundschaft, Weib und Kind zurückkehren kann. Ich habe mir lange überlegt wie? schließlich habe ich nun Müri5 folgenden Antrag für die nächste Synodesitzung eingereicht:

«Die Synode beschließt:

Der übliche Synodalgottesdienst ist eine mit dem Geist der Synode als einer bloßen staatskirchlichen Verwaltungsbehörde innerlich unverträgliche christliche Kundgebung. Er wird für die Zukunft fallen gelassen.»

Ich würde zur Begründung etwa sagen, daß die Synode mit diesem jährlichen Gottesdienst einen Zusammenhang manifestiere mit dem Evangelium Jesu. Warum sollte sie das nicht tun? Aber diese Kundgebung setzte voraus im Minimum die Sehnsuaht und den ernsten Willen, sici an den Normen der Welt dieses Evangeliums zu orientieren, die Sehnsucht wenigstens, eine Gemeinschaft des Glaubens und der Hoffnung zu sein und Staatskirchenbehörde, als wäre mans nicht. Dann zeigen an ein paar Beispielen, wie man daran gar nicht denkt, wie auch die Ernsthaftesten von der Synode «als Synode», vom Kapitel «als Kapitel» (so hieß es in der Baudrazangelegenheit) nichts erwarten. Anklagen können nicht erhoben werden, aber konstatiert muß es einmal sein, daß alles, vor allem alles Staatliche, hier hundertmal wichtiger genommen wird als Gott. Die Synode soll sich darüber klar werden und die Folgerung ziehen. Sie braucht einen «Gottesdienst» so wenig als der Große Rat,6 sie verschleiert sich damit nur den Tatbestand. Wenn wir keine echten Propheten sein können, wollen wir doch auch keine falschen sein wie die Hes. 13 beschriebenen. In der Entscheidung über Beibehaltung oder Nichtbeibehaltung ihrer christlichen Zeremonie soll die Synode ein deutliches Ja oder Nein aussprechen über ihr Verhältnis zu den Voraussetzungen einer christlichen Kirche. — So etwa nebst allerlei Schönem und Deutlichem, das ich mir im Einzelnen noch aus|89denken muß. Der Abschaffungsantrag ist also nur der Haken, um die Motivierung dran aufzuhängen und zugleich, um die Frage scharf und praktisch zu stellen. Ich fand keinen bessern. Gerade bei dem Vorstoß, den Dietschi im Kapitel machte wegen der zu erneuernden Kirchenverfassung und nachher Epprecht wegen der Baudraz-Erklärung, empfand ich das Mißliche solcher Einzelangriffe, die die Majorität immer mit Leichtigkeit zurückweisen kann. Ich glaube, wenn ichs nicht ganz dumm anstelle, müßten sie hier einmal Rede stehen, und es könnte unsererseits einmal ein sachlicher Ton angeschlagen werden: wenn wir sie eben zwingen, auf das ganz sachliche Gebiet zu kommen. Die Frage: was nützts? darf man natürlich nicht stellen, und Preiswerk wird wieder unzufrieden sein und andre Kirchenpolitiker mit ihm, aber den Erfolg verspreche ich mir doch davon, daß die Frage, auf die es ankommt, in diesem Kreis überhaupt einmal gestellt wird. Nachher können wir dann das Feld wieder lange den andern überlassen. — Was meinst du nun dazu? Wenn du einverstanden bist und mittun willst, so sei so gut und schreibs gleich an Müri, daß du auch unterschreiben willst. Ich habe im gleichen Sinn an Schild, Epprecht, Ammann7 und Straub geschrieben. Ihr sollt euch aber, auch du nicht, ja nicht aus Solidarität gedrängt fühlen, mir zu helfen. Du besonders nicht, da ich mir denken könnte, daß dir die Sache nicht ganz liegt, so wie ich sie nun angepackt habe. […] Also nichtwahr, du stellst dich mit der gleichen Freiheit zu der Geschichte, mit der ich sie nun von mir aus angezeddelt habe! Wie froh ich wäre, wenn du dabei wärest, weißt du. […]

Nun soll ich in Bern vor der «Symphonischen Gesellschaft» (Frauenbestrebungen, Frl. v. Mülinen etc.) einen Vortrag halten über «Arbeiterverbände von gestern und heute». Die 30 Fr. Honorar locken mich stark, meine alten Hefte hervorzunehmen und froh loszulegen. Aber was soll das? Was ist mir Hekuba?8

Herzlichen Gruß von allen dreien
Dein
K. Barth

Sachfußnoten

1
Die Oktober-Nummer 1915 der «Glocke» enthält außer dem in Anm. 2 zum Brief vom 21.9.1915 genannten Artikel Thurneysens zur Frage der Dienstverweigerung 📖 («Fall Baudraz») auf S. 3–7 📖 eine Diskussion über Feldprediger, an der neben anderen Votanten nochmals (S. 7) Thurneysen teilnimmt.↩
2
Karl Pfisterer (1878–1948), Pfarrer in Windisch.↩
3
Karl Straub (1890–1962), Pfarrer in Bremgarten.↩
4
Emanuel Preiswerk (1868–1945), Pfarrer in Staufberg.↩
5
Walter Müri, Pfarrer in Oberentfelden, Präsident der aargauischen Synode.↩
6
Großer Rat = Kantonsparlament.↩
7
Guido Ammann (1884–1966), Pfarrer in Mönthal.↩
8
Vgl. Shakespeare, Hamlet II, 2 📖: «Was ist ihm Hekuba?» ↩