8. Oktober 1915

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Liebe Karl und Nelly,

Wie freue ich mich über die große Freude, die euch widerfahren ist! Ich freue mich insbesondere, daß es ein Büblein1 ist, das nun in euerm Hause seinen Lebensweg beginnen und nach und nach seine ganze ihm vorgeschriebene Lebensbahn durchlaufen wird. Und nun soll ich also würdig sein, als Pate am vielversprechenden Lebensweg eures Sohnes zu stehen und ihm vielleicht hie und da eine Freude zu machen oder auch einen Dienst oder eine Hilfe erweisen zu können! Ich danke euch herzlich für dieses Zeichen eurer Freundschaft und eures Vertrauens und nehme es mit aller Freude an.

[…] Über das was du, Karl, mir zu meinem Artikel in der «Glocke» schreibst, sollten wir mündlich einmal reden. Es ist mir sehr erhellend gewesen. Neuerdings habe ich innerlich wieder sehr zu tun mit dem Problem des Pfarrerberufs. Ich komme immer mehr zur Erkenntnis, daß es eigentlich ein grundsätzlich verfehlter Beruf sei. Nun ist das ja freilich keine Entdeckung, aber mir ist es von allen Seiten mit aller Eindringlichkeit klar geworden. Man wäre wahrhaftig oft genug auch hier an dem Punkte, den Dienst zu verweigern und in die Freiheit eines entlasteten Gewissens durchzustoßen, statt den ganzen «Zauber» des Pfarrerberufes auf sich zu nehmen, den Gott und Menschen nicht ernst nehmen |91 können. Ein solcher Teildurchbruch wäre auch dein Antrag an die Synode. Ich bin grundsätzlich absolut einverstanden damit. Was mich aber immer noch hindert, ganz mitzutun, das ist die Scheu, vor all den Pfarrern und Laien nun einmal so stark und grundsätzlich reden zu müssen, wie das deine Motion erfordert. Werden wir dazu imstande sein? Ist es schon Zeit hiezu? Ich jedenfalls habe mich sehr zu überwinden, wenn ich so alles hergeben und herausstellen muß. Meinst du, es komme dann zu etwas? Verstehe mich recht, ich meine nicht zu einer Zustimmung der Synode, aber wenigstens zu einer Erschütterung der Gemüter und Gewissen? Es wird ein sehr starker Schlag werden müssen, geführt aus gesammelter Kraft, sonst würden wir besser noch weiter schweigen. Bitte, schreib mir noch darüber. Denkst du nicht, bevor wir Aktionen von solcher Tragweite unternehmen, wäre es gut, sich noch kurz zu besprechen und zu verständigen, denn die «Sache» gehört ja ein wenig uns allen. Ich sage das natürlich nicht als Vorwurf, geschieht dein Schritt, so werde ich auch dabei sein und helfen, so gut ich kann.

Ich schließe mit herzlichen Wünschen für Mutter und Kind und allem Dank für euer Freundschaftszeichen als euer

Eduard Th.

Sachfußnoten

1
Das Büblein ist der spätere Theologe Markus Barth (geb. 6.10.1915), heute Prof. für NT in Basel.↩