21. August 1915

Karl Barth an Eduard Thurneysen

73
Lieber Freund!

Ich habe heute einen schönen Samstag, indem meine Predigt schon gestern (!) nachmittag fertig wurde und Nelly ein freundliches Urteil darüber gesprochen hat. Sieh, solches wirst du dann auch erleben, wenn deine zukünftige Frau endgültig bei dir eingetroffen ist! Wir hatten große Freude an dem Bildlein von dem die Kirche stürmischen Schrittes hinter sich lassenden Brautpaare und zeigen es allen Interessenten. […] Wenn nichts dazwischen kommt, gehe ich am Montag ins Kränzli nach Auenstein, wenn das Wetter es erlaubt vielleicht mit dem Velo. Könnte ich möglicherweise nachher zu dir kommen? Ich würde eigentlich gerne einmal einen deiner Besprechungsabende still mitmachen, oder ist dir das unangenehm, dann sagst dus natürlich fröhlich. Von dem Pratteler Convent wußte ich auch noch nichts. Hält Bader jetzt Wandervorträge über das endgültige Ende der «Parteiungen», oder was soll das? Natürlich sollte man hingehen, um zu hören, was ihm so das Herz abdrückt, und ihn fragen, was denn der Lärm solle, wenn doch die innere Beunruhigung etc. unbeschädigt sei. Nein das sind ungefreute, aufgeregte Geschichten das! Aber offenbar müssen wir da hindurch und so nehme ich |74 Pratteln aufs Programm. Ich hätte nur gerne vorher auch etwas von der altera pars gehört. Gehst du nicht nach Zürich in diesen 14 Tagen? Wie wärs wenn du gerade jetzt Ragaz auf die Bude stiegest, daß wir auch von ihm erführen, was denn los sei? Ich wollte gerne selbst gehen, aber der Familienvater in mir will das Billet nicht auch noch bewilligen. […]

Ja die Weltlage! Ich stecke stumm meine Reißnägel auf der Landkarte des Ostens und frage mich, wos noch hinaus will. Heute bei Tisch großes politisches Exposé gegeben! Mit dem ich dich verschonen will. Über Kutters Prophetie freuten wir uns sehr. Die Kosakenlanze quer durch Kirchenblätter und religiössoziale Predigtserien könnte eher zur Pickelhaube werden. Wir erwogen auch die Möglichkeit eines großen Erdbebens von Lissabon bis Petersburg oder das plötzliche Vorrücken der Gletscherwelt als glückliche Lösung. Auf alle Fälle sind die religiössozialen Pfarrhöfe samt Müttern und Kinderlein mitbedroht. Vorläufig können wir nichts tun als eben von Sonntag zu Sonntag «unentwegt» das Andere sagen und vor allem selbst ein bißchen fester werden in diesem Andern. Was sonst einen Sinn hätte, weiß ich nicht.

Die deutschen Mäuler gehen jetzt entsetzlich weit auf (vide Rede des Reichskanzlers an die Volksmasse im heutigen Mittagsblatt), und es wird gleich noch viel ärger kommen. […]

Mit herzlichem Gruß an dich und deine liebe Braut
von Nelly, Fränzeli und deinem getreuen
K. Barth