4. August 1915

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Freund,

Wie lieb von dir, mir [auf meine Heimkehr hin] eine trostreiche Epistel zu schicken. Nimm vielen Dank dafür. […] Letzten Sonntag predigte ich über die Gerechten, an denen Sodoms und Gomorrhas Geschicke hingen, 1. Mose 18,20ff. Ein schöner Text, ich war ihm aber nicht ganz gewachsen. Schick mir wieder eine deiner Predigten, vielleicht kann ich sie entziffern. Auch ich wollte gern einmal über die Krankheit predigen, vielleicht nach Joh. 9,3. Ich fürchte nur meine Scientisten-Zuhörer,1 die nie recht verstehen wollen und können, was man eigentlich sagt.

Was sagst du zu dem Artikel in Nr. 29 der «Christlichen Welt» über den Waffendienst der evangelischen Pfarrer und die Erörterung der «standesentsprechenden militärischen Stellung» samt «Neuregelung der Gehaltsfrage»? Das ist ein sehr trauriger Artikel. Ich muß Kutter recht geben, der in solchen Fällen die Herausgeber als Opfer ihrer Zeitung und des Zwanges betrachtet, schreiben und diskutieren und Spalten füllen zu müssen. Ich würde Rade keinen Vorwurf machen, ihn nicht persönlich anklagen, aber es ist ein Bedauern für ihn bei mir, daß er jetzt seine Sache so machen muß. Jaegers2 Abhandlung habe ich nicht gelesen, denn für seine feinsinnigen Tiefgründigkeiten habe ich nie viel übrig gehabt. Alles in allem muß ich sagen: es waltet in der «Christlichen Welt» doch ein ehrlicherer und saubererer Geist als in den Artikeln der um Naumanns «Hilfe» gescharten Theologen. Was dort Rohrbach3 und Traub verbrechen, ist für mein Empfinden nahezu Verrat am Evangelium.

Endlich würde es mich interessieren, dich über den Briefwechsel Ragaz-Brunner4 in den «Neuen Wegen» zu hören. Ich bin nicht recht fertig geworden damit, es ging bei mir hin und her beim Lesen. Es werden da ja auch die schwierigsten Grundfragen verhandelt …

Ich schließe mit herzlichen Grüßen an dich und Nelly als
euer
Eduard

Sachfußnoten

1
Thurneysen hatte in seiner Gemeinde Anhänger der Christian-Science-Bewegung.↩
2
Pfr. D. Dr. Paul Jaeger (1869–1963). Sein Buch «Innseits 📖» erschien 1917 in Tübingen. Darauf spielte Karl Barth — ohne Nennung des Verfassernamens — an in dem Tambacher Vortrag «Der Christ in der Gesellschaft» 📖 (= Das Wort Gottes und die Theologie, S. 65 📖). 1924 gab es eine kleine Kontroverse zwischen Jaeger einerseits, Karl und Heinrich Barth andrerseits. Siehe P. Jaeger, «Zur Jenseitsfrage», in: Die Christliche Welt, Jg. 38 (1924), S. 579f. 📖 — K. Barth, Antwort an Paul Jaeger, CW 38 (1924), Sp. 626–628. 📖 — Jaeger war ev. Pfarrer in Freiburg i. Br. Jaegers Abhandlung: Vom Schicksal der Werte. Das Beste im Leben und was daraus wird (Vortrag, in drei Teilen gedruckt) in: CW 29 (1915), Sp. 575, 594, 615. 📖 ↩
3
Paul Rohrbach (1869–1956), Mitarbeiter Friedrich Naumanns an der «Hilfe».↩
4
L. Ragaz / E. Brunner: Briefwechsel über die Frage der Gewalt und des Gewaltverzichts in Gesellschaft und Politik: Von Gottesreich und Weltreich. Ein Gedankenaustausch, in: Neue Wege, Jg. 9 (1915), S. 262–282. 📖 ↩