1924

Antwort an Paul Jaeger

381

ANTWORT AN PAUL JAEGER

1924

Auf eine Schrift von Paul Jaeger1 mit dem Titel «Innseits. Zur Verständigung über die Jenseitsfrage 📖»2 hatte Barth im Tambacher Vortrag «Der Christ in der Gesellschaft» (1919) polemisch angespielt3, ohne den Namen des Autors zu nennen. Der Vortrag wurde 1924 unverändert wieder abgedruckt in Barths erster Aufsatzsammlung.4 Jaeger hatte daraufhin einen kleinen Artikel mit dem Titel «Zur Jenseitsfrage» an Martin Rade gesandt zur Veröffentlichung in der «Christlichen Welt». Am 1. Juli 1924 leitete Rade jenes «Artikelchen» «in der Korrektur» an Barth weiter mit der Bemerkung: «Von Dir finde ich unbegreiflich, daß Du den Hieb auf Jaeger so ohne jede Schutznote wieder abgedruckt hast. Ich gebe Dir natürlich Gelegenheit, zu Jaegers Beschwerde Dich gleichzeitig zu äußern. Dazu schicke ich Dir die Fahne und erbitte sie binnen 5 Tagen zurück. Mehr wie ein pater peccavi wirst Du m. E. dazu nicht sagen können.»5 Am 7. Juli sandte Barth seine «Antwort an Paul Jaeger» an Rade: «Jaeger hätte diese bald 5 Jahre alte Sache wirklich besser ruhen lassen. Hat er denn unsere Sachen gar nicht gelesen, daß er so naiv sein kann, nicht zu merken, daß sich durch die Betonung des Begriffs ‹Richtung› Alles nur noch verschlimmert?»6 Der Abdruck von Barths Entgegnung verzögerte sich dann jedoch. Am 8. Juli teilte Rade ihm mit: «Deine Antwort ist ja dankenswerter Weise ganz pünktlich eingetroffen, aber sie ist so lang geraten, daß sie nun noch 14 Tage warten muß.«7 Den |382 «kleinen Skandal»8 schloß dann Jaeger mit der Replik «An Karl Barth»9 ab.

Paul Jaeger
Zur Jenseitsfrage

In den Jahren kurz vor dem Kriege bezeichnete Art[h]ur Drews in öffentlichen Vorträgen Galilei und Kopernikus als die «Mörder der christlichen Idee»10. Die Zerstörung des alten Weltbildes erschien ihm offenbar als die Vernichtung des christlichen Transzendenzgedankens.

Denn da der Begriff «jenseits» nur an einer deutlichen Grenze entstehen kann, so mußte wohl der Eindruck der Grenzenlosigkeit der Welt den Gedanken eines Jenseits des Grenzenlosen unmöglich machen, – wenn man das Jenseits draußen suchte.

Daß der Sinn der Welt nur am Überweltlichen (trans mundum) aufgehen kann; daß wir also, wenn leben so viel ist als im Sinn leben, im Logos leben, der «nicht von dieser Welt ist», – das ist längst ausgesprochen. Der Krieg aber zeigte vollends jedem Nachdenklichen die Unmöglichkeit der «reinen Immanenz» und offenbarte die Sinnlosigkeit dieses Daseins, wenn ihm nicht das Transzendente leuchtet.

Diesen Gedanken nachdrücklich zu unterstreichen war die Aufgabe einer kleinen im Kriege erschienenen Schrift «Zur Verständigung über den Jenseitsgedanken 📖».11 Denn wenn sogar ein Philosoph von Fach wie Art[h]ur Drews dem christlichen Jenseitsgedanken verständnislos gegenüberstand, so durfte man sich über die Verwirrung in nicht so denkgewohnten Gemütern keine Illusionen machen. Darum schien mitten in den Kriegswirren die Aufgabe dringend geworden, Verwirrten zurechtzuhelfen und ihnen, wenn möglich, den Weg zu zeigen zur Jenseitsgewißheit.

Um die Richtung des Jenseits-Denkens möglichst scharf zu kennzeichnen, trug jenes Schriftchen den Titel «Innseits». Als Mahnung zur Verinnerlichung der Jenseitshoffnung schien das Wort unmißverständlich.

Aber in einem, später gedruckten, Vortrage macht bald darauf der damalige Schweizer Pfarrer, jetzige Göttinger Professor Karl Barth die spöttische Bemerkung, ein deutscher Theologe habe «im Kriege die Entdeckung gemacht», daß man statt Jenseits hinfort besser «Innseits» sagen sollte, und fügte hinzu: «wir hoffen aber lebhaft, daß dieses mehr schlangenkluge, als taubeneinfältige Wortspiel keine Schule mache. Nein, nein, antworten wir, geht uns, ihr Psychiker, mit eurem Innseits. Apage Satanas! [Mt. 4,10]. Jenseits, trans, darum grade handelt es |383 sich, davon leben wir. Wir leben von dem, was jenseits des Reiches der Analogien ist, zu dem auch unser bißchen Innseits gehört.»12

Wir wollen hier nicht davon reden, daß Jesus uns mit der Anrede «Unser Vater» nicht jenseits des Reiches der Analogien gestellt hat, sondern in die Analogie der Kindschaft mitten hinein. Aber der Ausdruck «unser bißchen Innseits» zeigt deutlich, daß Barth nicht gemerkt hat, daß es sich nur um die Richtung des Suchens handelt, nicht um unsre arme, engbegrenzte menschliche Innenwelt. Denn «ein bißchen Richtung» – das kann man wohl sagen, aber nicht denken. Barth aber hält sich an sein offenbares Mißverständnis und meint, er müsse den Verfasser, der schon für die Unentbehrlichkeit des Jenseitsgedankens gekämpft hatte, als Barth noch gar nicht angefangen hatte, zu theologisieren, darüber belehren, daß es sich um das trans handle, eben um das, was in dem Schriftchen zur Verständigung über die Jenseitsfrage gezeigt werden sollte.

Obgleich Barth nachher öffentlich von Erich Foerster darauf aufmerksam gemacht worden war, daß er den Unrechten getroffen habe13, hat er soeben jene belehrenden Bemerkungen samt dem verletzenden Worte vom «schlangenklugen Wortspiel» ohne 580 jede Einschränkung in einer Sammlung von Aufsätzen wiederholt, und sein Bruder Heinrich Barth hat ihm inzwischen sekundiert, indem er in seiner Schrift über «Das Problem des Ursprungs in der platonischen Philosophie 📖» von Theologen spricht, die «das Jenseits preisgegeben und verflacht haben zum Innseits der religiösen Psychologie»a/14, – Worte, die Dr. Karl Anton in den «Landeskirchlichen Blättern» 1924, Nr. 6/7 📖 u. a. zur Einprägung empfiehlt.15

384 Die Anklage gegen den Verfasser von «Innseits» lautet also auf Preisgabe des Jenseitsgedankens und Verflachung zum Innseits der religiösen Psychologie.

Das behaupten die beiden Brüder Barth, obgleich sie in dem verpönten Schriftchen folgende Stellen, nicht nebenbei, sondern im Sperrdruck gelesen haben müssen:

S. 18: «Wir können über das Jenseits nur dann zum Frieden kommen, wenn wir uns über das Innseits verständigt haben» (d. h. über die Richtung der Jenseitsgedanken).

S. 34: «Auch das Innseits ist ein Jenseits.» (d. h. es führt über alle bloß menschliche Innerlichkeit unendlich hinaus).

Und was die «Verflachung» anlangt, so ist auf S. 111 ausdrücklich von der «völligen Unbegreiflichkeit Gottes» und dem totaliter aliud, dem völligen Anderssein des Jenseits die Rede.

Ein Irrtum in der Auffassung kann Jedem einmal unterlaufen. Aber nachdem Professor Barth es soeben fertig gebracht hat, sein wegwerfendes Urteil über das von ihm nicht verstandene «satanische Wort» Innseits noch einmal uneingeschränkt in die Welt hinausgehen zu lassen, ist wohl von ihm keine Berichtigung mehr zu erwarten. Daß er das Richtungswort Innseits ablehnt, ist sein gutes Recht, und ob er das Jenseits draußen sucht, ist seine Sache. Er hat aber kein Recht, einem Mittheologen eine Auffassung zu unterstellen, die dieser längst selber bekämpft hat.

Es gibt für die Jenseitsgedanken nur zwei Möglichkeiten: nach innen zu oder nach außen. Wir halten es nach wie vor mit der Metanoia, – der Wendung nach innen. Darum sagten wir: innseits.

Antwort an Paul Jaeger

Es tut mir leid, nicht in der Lage zu sein, als derjenige von den Brüdern Barth, der diesmal als Anstifter in Betracht kommt, «Pater peccavi» [Lk. 15,18 Vulg.] sagen zu können. Ich habe Herrn D. Paul Jaeger immer als einen außergewöhnlich ernst zu nehmenden Vertreter der theologischen «Richtung» hochgeschätzt, in der ich mit Recht oder Unrecht nicht mehr mitgehen zu dürfen meine, und es macht mir keine Freude, noch einmal öffentlich gerade ihm widersprechen zu müssen. Aber ich meine seine Schrift wirklich nicht mißverstanden zu haben. Seine Ausführungen in Nr. 29/30 📖 – in entscheidender Weise die vier letzten Zeilen! – bestätigen mir, daß er mit seinem «Innseits», gerade als «Richtungswort» verstanden, etwas meinte, das mit dem, was ich Jenseits |385 nenne, nichts zu tun hat, daß ich darum meinen Protest gegen seine Parole aufrecht erhalten muß und daß die beanstandeten Sätze, von mir aus gesehen, noch heute rechtmäßig an ihrem Ort stehen.

Vielleicht bedeutet es immerhin eine Milderung der Situation, die, was das Persönliche betrifft, auch mir erwünscht ist, wenn ich zunächst zur Exegese jener Stelle aus meinem Vortragb auf Folgendes aufmerksam mache. Sie fängt an mit den von Jaeger nicht zitierten Worten: «Wir meinen zu verstehen, was der deutsche Theologe wollte, der während des Krieges die Entdeckung machte …» Auch wenn Jaeger sich nun gerade nicht verstanden fühlt, wird er doch zugeben, daß das Ganze sich etwas weniger bösartig liest, wenn man diese Worte nicht unterdrückt. Ferner: Eine Jaeger zugedachte «Belehrung» konnte doch wirklich (darum habe ich auch damals absichtlich seinen Namen nicht genannt) nicht die Absicht jener Stelle sein. Ich hatte es, als ich sein «Innseits» aufgriff, zum Allerwenigsten mit ihm und seiner Schrift zu tun. Seine Parole kam mir aber gerade recht als prägnanter Ausdruck des theologischen Gedankengangs, von dem ich demonstrativ Abstand nehmen wollte. «Das hat nun gerade noch gefehlt!», so hat damals gleich die Ankündigung seiner Schrift auf mich gewirkt. Hatte ich Unrecht, ihren Titel als typisch herauszugreifen? Sagt Jaeger nicht selber: «Was hierzu gesagt werden konnte, lag sozusagen in der Luft. Es war nur nötig, die verschiedenen Strahlen in einer Linie zu sammeln»? («Innseits», Vorwort S. V16). War ich verpflichtet, um der Gerechtigkeit willen zu einer kleinen Rezension auszuholen? Jaeger, der selbst ein Meister ist im Zitieren von fremden Stimmen, weiß, daß man das nicht immer kann und daß in solchen Fällen Manches, was man im Anschluß an ein Wort eines Andern im Allgemeinen sagt, der Präzisierung bedürfte, um als «Belehrung» des Betreffenden, als gerechte Würdigung seines speziellsten Falles wirken zu können. Gegen das, was «sozusagen in der Luft» lag, gegen die «verschiedenen Strahlen» der Schleiermachertheologie, die ich in der Linie «Innseits» klassisch gesammelt sah, schrieb ich jene Sätze, nicht gegen Jaeger im Besonderen, obwohl sie natürlich auch Jaeger im |386 Besonderen betrafen und (nach meiner Ansicht von seiner Schrift) noch heute, und zwar ganz genau, betreffen. Und aus noch größerer Ferne von Jaeger im Besonderen ist das beanstandete Wort meines Bruders geschrieben, was wieder nicht zu hindern braucht, daß es die Sache auch in Bezug auf Jaeger im Besonderen auf den durchaus zutreffenden Namen bringt. Ferner: Ich habe nicht gesagt: das «schlangenkluge Wortspiel», sondern wie Jaeger vorher richtig zitiert: das «mehr schlangenkluge als taubeneinfältige Wortspiel». Das ist eine Verwendung des dialektischen Gleichniswortes Matth. 10,16, durch die sich jedenfalls ein Theologe nicht schon an sich (wegen des Wortes «Schlange»!) verletzt zu fühlen braucht. Und was den Ausdruck «Wortspiel» betrifft, der Jaeger ja nach S. 18 seiner Schrift selbst durch den Kopf gegangen sein muß17, so wird er doch kaum bestreiten können, daß «Entdeckungen» wie die seinige (oder wie z. B. die von Dörries in Bezug auf 1.Joh. 2,15 gemachte!18) jedenfalls formal als «Wortspiele» in Anspruch genommen dürfen, ohne daß damit schon an sich eine Verletzung des betreffenden Entdeckers gegeben ist. Es gibt ja auch tiefsinnige Wortspiele. Endlich die Erinnerung, daß auch die Zusammenstellung: «das ‹satanische Wort› Innseits» nicht von mir stammt, sondern von Jaeger.

627 Um das Sachliche eingehend zu begründen: daß ich mich weder durch E. Foerster noch jetzt durch P. Jaegerselbst für dahin belehrt halte, daß ich «den Unrechten getroffen habe», müßte ich nun doch – und das wird man hier nicht von mir erwarten – zu einer Besprechung der sehr reichhaltigen und vielseitigen Schrift «Innseits» übergehen. Ich begnüge mich, den Sinn meiner damaligen polemischen Anknüpfung gerade an sie ganz kurz zu verdeutlichen. Die Absicht der Jaegerschen Schrift ist notorisch von A bis Z eine apologetische. Im Gefecht mit Drews, wie er in Nr. 29/30 📖 selbst berichtet, gibt er die verlorene Position eines Jenseits «draußen» auf und hält («Sofort nun wende dich nach innen!») «Um|387kehr, d. h. Einkehr» (S. 21)19, innere Abwendung von der «Welt», d. h. von der «Sinnlichkeit», von dem «naturwissenschaftlich Erkennbaren», von der «nachweisbaren Wirklichkeit» (S. 29ff.)20, und «dringt» «mit unserm Innersten ins Innerste des Lebens» (S. 104)21, in «die leuchtende Wirklichkeit der geistigen Welt» (S. 94)22, ja zweifellos in die «Ewigkeit», die nach Novalis «in uns oder nirgends» ist (S. 17)23, an einen Ort, wo er sich für «in Gott geborgen» hält, wo es «ganz stille» ist (S. 104). Ich meine wirklich zu verstehen, was mit solchen Wendungen (ich könnte die Zitate beliebig vermehren) gemeint ist und unter welchen praktischen Gesichtspunkten und Nötigungen man sich unter Anderm an diesen Gedanken und an der durch sie bezeichneten Realität freuen und stärken kann. Aber Jaeger findet sich bei diesem Gedankengang nicht nur einig mit Goethes «lösendem Wort», daß der «Mächtige der Erdensöhne» die von ihm, dem Halbgott, zerschlagene «schöne Welt» prächtiger in seinem Busen wieder aufbauen solle (S. 16)24, son|388dern nun auch (Einkehr = Umkehr S. 21, vgl. den letzten Satz in Jaegers Entgegnung!) mit der biblischen Bußforderung. Das ist’s: die idealistisch-mystisch-ethische Reaktion gegen den allzu großen Naturalismus der Zeit, identisch gesetzt mit der evangelischen Metanoia – das mittelst dieser Reaktion entdeckte Universum im Innern, identisch gesetzt mit dem echten Jenseits des «Reiches Gottes«, das auf Grund von Luk. 17,21 zum soundsovielten Male «klar» für die «Umbiegung des Jenseitsgedanken nach innen» sprechen soll (vgl. die beiden Mottos auf dem Titelblatt und S. 19)25, das ist’s, was wir Preisgabe und Verflachung des Jenseits zum Innseits der religiösen Psychologie nennen. «Wir haben Abwehr nötig gegen des Geisteslebens religiöse Verehrung», schreibt mein Bruder26 kurz vor der bewußten Stelle, – gleichviel ob das «Geistesleben» nun mehr ethisch oder wie bei Jaeger mehr mystisch ge|389faßt wird. Ich bestreite, daß sich in der von Jaeger eingeschlagenen «Richtung» etwas Anderes entdecken läßt als eben – Geistesleben, mit anderen Worten, daß der Mensch, «innseits» wandernd, anderswohin gelangt als eben (Jaeger kommt S. 91f. in gefährliche Nähe dieser Einsicht27) zu sich selbst und in allen Tiefen und Untiefen immer wieder zu sich selbst, in «unser bißchen Innseits».

Daß auch das Innseits ein Jenseits sei (S. 34 – «in deinem Busen»!?), das kann man nicht durch nachträgliche oder gleichzeitige Beteuerung glaubwürdig machen, nachdem man sich durch das starr-undialektische Entweder-Oder: «nach innen zu oder nach außen» (siehe oben!) und durch die fluchtartige Entscheidung für das Entweder die Möglichkeit dazu schon im Ansatz genommen hat. In einem echten «Jenseits», in dem trans, von dem ich in jenem Vortrag zuletzt zu reden versuchte, müßte offenbar gerade dieses Entweder-Oder von «Innen» und «Außen», bzw. das der «Richtungen» dahin oder dorthin ebensowohl gesetzt als aufgehoben, aufgehoben als gesetzt sein. In Beziehung auf das Jenseits Gottes könnte die Parole «Einkehr» («draußen im All ist nichts», S. 1928) unmöglich das letzte Wort sein. Wer von dem echten Jenseits wüßte, der wüßte von einer dritten «Richtung», die keine «Richtung» des Menschen ist. Die neutestamentliche Lehre von der Auferstehung der Toten, nach der ich mich in Jaegers Eschatologie vergeblich umsehe, weiß von diesem Dritten. Ob er nicht letztlich sogar Goethe etwas allzu hemmungslos für seine Parole in Anspruch genommen hat? Ich klage niemanden an, der sich, im Gedränge mit dem theoretischen und praktischen Materialismus befindlich, des Feindes nicht anders zu erwehren weiß, als indem er sich der Gegenseite, einem prometheischen Spiritualismus, meint in die Arme werfen zu müssen: denn ich weiß zu gut, wie schwer es ist, gerade in den kritischen Situationen des Pfarramts (wenn auch wahrlich nicht nur da!) in Sachen jener dritten Richtung, in Sachen des christlichen Glaubens auch nur wieder buchstabieren zu lernen. Ich protestiere aber mit allen Mitteln gegen die alles Lernen in Sachen des christlichen Glaubens im Keim abtötende theolo|390gische Denkgewohnheit, derzufolge von wegen Apologetik und Seelsorge das «Universum im Innern», dessen Realität ich gewiß nicht bestreite, dasselbe sein soll wie das neutestamentliche Gottesreich.

Und ebenso höre ich nur Worte – Worte, an deren Aufrichtigkeit ich wirklich keinen Moment zweifle, aber doch nur Worte –, wenn man von Gottes «völliger Unbegreiflichkeit» redet (S. 111f.), nachdem man vorher (S. 24) den Gott der Frommen «die unendliche Innigkeit» genannt hat.29 Kann man denn von einem «Sich richten» dahin oder dorthin sprechen, das nicht auch ein «Begreifen» wäre, wenn nicht mit dem Verstand, dann eben mit irgendeinem unmittelbaren Greiforgan? Was hat das Jaegersche «Innseits» 628 gerade als «Richtungswort» für einen Sinn, wenn nicht den einer Anleitung zum Begreifen Gottes? Können wir «mit unserm Innersten in das Innerste des Lebens» dringen, dann können wir jedenfalls nicht von Gottes Unbegreiflichkeit reden. Das könnten wir erst bei der Einsicht, daß es sich im Verhältnis zum echten Jenseits überhaupt nicht darum handeln kann, dahin oder dorthin (weder nach außen noch nach innen!) uns zu «richten», sondern, wiederum nicht von daher oder dorther, sondern von Gott (ich brauche nun auch ein Wortspiel:) gerichtet zu sein, und d. h. zu glauben und zu gehorchen30, was mit aller mystischen Dringlichkeit gar nichts zu tun hat. P. Jaeger wird mir gewiß antworten, daß er das so gut wisse wie ich. Worauf ich ihm sage, daß ich ehrlich überzeugt bin, daß er, der so viel Ältere und Erfahrenere, es sogar sicher sehr viel besser weiß als ich, aber daß er jedenfalls bei der Abfassung seines «Innseits» und seiner Polemik in Nr. 29/30 📖 nicht daran gedacht zu haben scheint. Ein bißchen erschütterter müßte sonst der klassische Idealismus sein, der in diesen beiden Dokumenten zu Worte kommt.

391
Paul Jaeger
An Karl Barth
Sehr geehrter Herr Professor!

Es scheint mir richtiger, die Sache, die zwischen uns liegt, in direkter Rede zu einem Abschlusse zu bringen. –

Durch Ihre Ausführungen in Nr. 31/32 ist mir jetzt Eins klar geworden: daß ich in der Tat bei der Auswahl und Zusammenstellung meiner Zitate zu sorglos gewesen bin. Wie manche Bibelworte sich wie von selbst mit anderem, höherem Inhalt füllen können (z. B. Hiob 19,25; Joh. 13,7 u. a.), so auch Worte unsrer Dichter und Denkerc. Ich gebe zu, daß darin eine Gefahr liegen kann. Die Gefahr, daß das Transszendente nicht deutlich vom Transszendentalen, d. h. Transszendenzartigen unterschieden wird. Als ich die beiden Worte vom Reiche Gottes und vom «Universum im Innern» miteinander auf das Titelblatt meiner kleinen Schrift setzte, war das lediglich allgemein präludierend gemeint. Der Gedanke, sie identifizierend zu gebrauchen, also das Reich Gottes, das Jesus verkündigt, mit dem armseligen Innenleben des Menschen (wie Sie das Universum im Innern zu verstehen scheinen) gleichzusetzen, ist mir wirklich nicht von ferne gekommen. Ich sehe nun, daß der Schein in der Tat gegen mich ist. Aber 772 auch nur der Schein. Und ein Fremder, völlig Unbeteiligter hätte wohl das Recht, sich lediglich auf diesen Schein zu stellen.

Aber wie ich aus Ihren Eingangsworten sehe, war ich Ihnen gar nicht fremd; wir sind sogar Glieder des gleichen Freundeskreises32, und dann, meine ich, wäre wohl der Zweifel geboten gewesen, ob ich wirklich einer solchen Verkümmerung des Evangeliums Jesu fähig sei. Die Möglichkeit, aus meinen Zitaten einen solchen Verdacht zu schmieden, gebe ich zu. Aber nicht die Notwendigkeit. Wenn man einen Menschen kennt, entsteht die Pflicht, ihn nicht nach den Worten, sondern die Worte nach dem Menschen zu beurteilen. In dem gleichen Vortrage, der die harten Ausdrücke enthält, haben Sie das schöne Wort gesagt: «Grade bei unserer Oppositionsstellung können und müssen wir das viel mißbrauchte: Verdirb es nicht, es liegt ein Segen drin! [Jes. 65,8] … die verstehende Geduld gegenüber … den Menschen mitnehmen, besser sogar als die Andern …» (S. 53).33

Deutlich sehe ich nun auch die Entstehung Ihrer schroffen Abweisung. Sie sagen ja selbst, daß Ihnen bei der bloßen Ankündigung meines kleinen Buches das Urteil von vornherein festgestanden habe. («Das hat nun gerade noch gefehlt!») So hat Ihnen beim Lesen vorweg jede Unbefangenheit gefehlt und «der schiefe |392 Blick», wenn ich so sagen darf, hat Alles verdorben. Nun freuten Sie sich über jede formale Möglichkeit, Ihren Verdacht zu bestätigen. Und mit wachsendem Ingrimm sahen Sie die horrende Identifizierung von Gottesreich und armseliger menschlicher Innenwelt.

Damit war die Weiche gestellt, und nun mußte das Unheil kommen. Nun griffen Sie zu einer Waffe, die ich nur mit Bedauern in Ihren Händen sehen kann: daß Sie des Anderen ernsteste Versicherungen abtun mit dem Shakespeareschen «Worte, Worte, nichts als Worte!»34 Sie wissen, daß diese unbillige, aber billigste Waffe Jeder schwingen kann, und daß sie der Tod aller wirklichen Verständigung ist.

Überhaupt hätte ich gern den ganzen letzten Abschnitt Ihrer Antwort – nicht mir, sondern Ihnen erspart gesehen. Denn die dialektische Gewandtheit und Kunst, mit der Sie mir das ernstgemeinte Wort von der völligen Unbegreiflichkeit Gottes in sein Gegenteil umzudrehen versuchen, ist nicht beneidenswert und macht einen peinlichen Eindruck. Selbst das Wort, das das vielzermarterte Wort «Liebe» einmal ablösen sollte, das Wort von der «unendlichen Innigkeit» – nicht der endlichen Innigkeit eines Menschen, sondern der Unendlichkeit der Gottesgnade – selbst das erscheint Ihnen verdächtig. «Können wir» – so sagen Sie – «‹mit unserm Innersten in das Innerste des Lebens› dringen, dann können wir jedenfalls nicht von Gottes Unbegreiflichkeit reden.» Ich habe wirklich nicht gewußt, daß Beten und «in die Gnad’ eindringen» ein Antasten der Unbegreiflichkeit Gottes sei. – Wohl aber kenne ich die religiöse Paradoxie: «Schaffet, daß ihr selig werdet …, denn Gott ist es, der in euch wirket» (Phil. 2,12f.). Allein daß man so nicht immer reden kann, wissen Sie selber. Und daß Gott nicht in Raum und Zeit ist und daß daher alle menschlichen Richtungsworte («dahin, dorthin, nach außen, nach innen») nur kümmerliche Notbehelfe gegenüber dem Unfaßbaren sind, das wissen schon meine Konfirmanden. Wenn Sie aber solche Erwägungen gegen das Wort Innseits geltend machen, dann müssen wir auch aufhören von den «Tiefen» der Gottheit und der «Erhöhung» des Herrn zu reden und uns in Schweigen hüllen. Auch Sie, Herr Professor, werden Ihr «weder nach innen, noch nach außen» wohl disputandi causa, aber nicht in lebendiger Verkündigung durchführen können. Daß sogar in dem Gedanken der Erhabenheit und Jenseitigkeit Gottes der Erdenrest des Räumlichen noch liegt, daran brauche ich Sie nicht zu erinnern. Wir werden ihn hier nicht los. Dagegen will ich mich gern von Ihnen an die Notwendigkeit erinnern lassen, «in Sachen des christlichen Glaubens auch nur wieder buchstabieren zu lernen». Das hängt mit der Unendlichkeit unsres Glückes, der Gotteskindschaft, zusammen, der gegenüber sich ja auch Luther immer wieder als Abc-Schütze fühlte.

Aber erstaunt war ich über Ihren Satz: «Ich bestreite, … daß der Mensch, ‹innseits› wandernd, anders wohin gelangt, als eben … zu sich selbst … und immer wieder zu sich selbst». Das Zu-sich-selbst-Kommen habe ich immer für eine unerläßliche Vorbedingung jeder ernsten Gotteserkenntnis gehalten. Und vor allem: welcher nachdenkende Mensch kann vor dem Rätsel seines Ich stehen bleiben, ohne von diesem geheimnisvollen Urdatum unsres Lebens aus Den zu ah|393nen, von dem dieses datum kommt, und der schon als der «Geber» der ganz Andere sein muß?

Eben darum, weil mir das immer feststand, ist es ein Irrtum, wenn Sie mich auf die mystische Seite stellen. Grade wegen der Verwischung der Jenseitsgrenze hat mich die Mystik von jeher abgestoßen, und aus ähnlichen Gründen habe ich mich – trotz allem – auch bei Schleiermacher nie recht heimisch gefühlt.

Doch zum Schlusse. Sie wollen jene Sätze in Ihrem Vortrage voll aufrecht erhalten. Also auch das Apage Satanas! [Mt. 4,10], Sie wissen, daß Jesus dies Wort gegen einen gottwidrigen Rat geschleudert hat. Mag das Schriftchen mit dem umstrittenen Titel noch so unzulänglich sein – gottwidrig war es doch wohl nicht. Denn es wollte aufrichtig allerlei Verwirrten den Weg 773 zu Gott bahnen helfen. Das echte Jenseitserlebnis verleiht kein Mensch, das hat Er sich selber vorbehalten. Und den Aufrichtigen läßt er es immer noch, auch auf recht unvollkommenen Wegen, gelingen [vgl. Spr. 2,7]. Wenn ich auch vielleicht in Ihren Augen diesem Gott nach dem Goetheworte «nur verworren diene»35, so ist es doch wohl derselbe lebendige Gott, vor dem auch Sie stehen. Dieser Gott ist das echte Jenseits, – auch wenn es für den Menschen Stufen der Jenseits-Erkenntnis gibt. Wer mir nachsagt, daß ich das echte Jenseits preisgebe und zum Innseits der religiösen Psychologie verflache, der rührt damit in aller Öffentlichkeit an meine christliche Theologenehre. Wäre es wahr, was Sie sagen, so hätte ich vielleicht noch ein Recht, zu sagen: Unser Vater!, aber nicht mehr mit der Gemeinde zu bitten: Unser Vater in dem Himmel! [Mt. 6,9]. Ich will daher lieber annehmen, daß Sie – durch meine Zitate verführt – trotz Ihrer Versicherung die eigentliche Absicht meiner Schrift doch nicht erkannt haben. Denn sonst müßte ich Sie daran erinnern, daß man nicht falsch Zeugnis reden soll wider seinen Nächsten [vgl. Ex. 20,16]. Ich möchte darum in Anlehnung an den letzten Satz Ihrer Antwort sagen: ein wenig erschütterter sollte Ihr Gewissen sein im Gedanken an den schwersten Vorwurf, den man gegen einen Verkündiger der christlichen Hoffnung erheben kann.

«Es hat alles seine Zeit» – sagt der Prediger Salomo – «auch Streit und Frieden haben ihre Zeit» [Pred. 3,8]. Dieser Brief wäre unvollständig, wenn ich Ihnen, der Ältere dem Jüngeren, nicht über alle vergänglichen Gräben hinweg doch auch herzlich danken wollte für so manches wahre Wort. Es muß ja sein, daß die Jüngeren Vieles anders sehen, als wir Älteren. Es ist wertvoll und notwendig, daß sie Gefahren sehen, wo wir, mit Anderem beschäftigt, keine sahen. Wo kämen wir hin, wenn es nicht so wäre! Ich habe Ihr hartes Urteil jahrelang gekannt; es hat mich nicht gehindert, auf Sie zu hören und für das Recht Ihrer Botschaft einzutreten, soweit ich konnte, – weil ich weiß, daß Sie und Ihre engeren Freunde einen Auftrag haben. Wir Älteren freilich, in aller Bescheidenheit, auch. Aber ohne gegenseitige Geduld wird es nicht gehen. Wir sind ja doch von Einem Stamme36.

394 Und darum lassen Sie den Älteren mit dem Hoffnungsworte schließen: Nubicula est, praeteribit.37
Ihr
Paul Jaeger

Originalfußnoten

a
Sperrung von mir.↩
b
Der Christ in der Gesellschaft, Würzburg 1920, S. 47 📖 = Das Wort Gottes und die Theologie, München 1924, S. 65. 📖 Dazu Heinrich Barth, Das Problem des Ursprungs usf. München 1921, S. 20f. 📖↩
c
«Wo Offenbarungseindruck ist, – und wo wäre solcher Eindruck gar nicht? – da ist, und wenn er verhüllt wäre …, auch der Hinweis auf den unbekannten Gott (Apg. 7,22f.). Wo und wann hätten es nicht ‹etliche eurer Dichter› auch gesagt? (Apg. 17,28).» K. Barth, Römerbrief. 3. Aufl. S. 70. 📖31↩

Sachfußnoten

1
Paul Jaeger (1870–1963), in seiner Studienzeit Redaktionsmitarbeiter der «Christlichen Welt», ab 1905 Pfarrer an der Christuskirche in Karlsruhe, 1910–1933 Stadtpfarrer an der Ludwigskirche Freiburg im Breisgau. – Im Blick auf die zahlreichen Andachten von Jaeger in: CW, Jg. 24 (1910) 📖 hatte Barth als Genfer Vikar am 31.12.1910 an Rade geschrieben (Bw. R., S. 76) 📖: «Dagegen ist mir Alles, was von P. Jaeger kommt, eine Freude und Bereicherung. Bitte lassen Sie ihn doch ja noch mehr schreiben.»↩
2
Tübingen 1917 📖.↩
3
Siehe unten bei Anm. 12.↩
4
W. G. Th., S. 33–69 📖 (Anfänge 1, S. 3–37 📖).↩
5
Bw. R., S. 201. 📖↩
6
A.a.O., S. 202. 📖↩
7
A.a.O., S. 204. 📖 Jaegers Artikel Zur Jenseitsfrage erschien in: CW, Jg. 38 (1924), Nr. 29/30 vom 17.7., Sp. 579f. 📖; Barths Antwort an Paul Jaeger a.a.O., Nr. 31/32 vom 7.8., Sp. 626–628. 📖↩
8
Barth an Thurneysen, Bw.Th. II, S. 262 (8.7.1924). 📖↩
9
A.a.O., Nr. 37/39 vom 18.9., Sp. 771–773. 📖↩
10
Diese Vorträge sind offenbar nicht publiziert worden; vgl. jedoch ähnliche Äußerungen in A. Drews, Die Religion als Selbstbewußtsein Gottes, Jena/Leipzig 1906, S. 200f. 📖↩
11
Vgl. oben bei Anm. 2.↩
12
K. Barth, Der Christ in der Gesellschaft. Eine Tambacher Rede, mit einem Geleitwort von H. Ehrenberg (Der Bücher vom Kreuzweg erste Folge), Würzburg 1920, S. 47 📖 (W. G. Th., S. 65 📖; Anfänge I, S. 34 📖): «Wir meinen zu verstehen, was der deutsche Theologe wollte, der während des Krieges die Entdeckung gemacht hat, daß man statt Jenseits hinfort besser Innseits sagen sollte; wir hoffen … Wir leben von dem, was jenseits des Reichs der Analogien ist, zu denen auch unser bißchen Innseits gehört.»↩
13
E. Foerster, Marcionitisches Christentum. Der Glaube an den Schöpfergott und der Glaube an den Erlösergott, in: CW, Jg. 35 (1921), Sp. 814 📖: «Nicht inwendig wird das Reich Gottes gesucht. Die Lösung Paul Jaegers, das ‹Jenseits› in ein ‹Innseits› zu verwandeln, wird mit einer fast unbegreiflichen und diesem lauteren Denker gegenüber unbedingt unbilligen Schärfe abgelehnt: sie stamme mehr aus Schlangenklugheit denn aus Taubeneinfalt.»↩
14
H. Barth, Das Problem des Ursprungs in der platonischen Philosophie. Antrittsvorlesung, gehalten am 23. Nov. 1920, München 1921, S. 20f. 📖: «Die Idee des Jenseits, von der Wissenschaft der Mythologie überwiesen, vom Kulturbewußtsein verschmäht als der pessimistische Ausdruck menschlichen Unwertes, von Theologen selbst preisgegeben und verflacht zum Innseits der religiösen Psychologie, sie wird von Platon als Ursprung und Vollendung des Lebens verstanden.»↩
15
K. Anton [Rez. von: H. Barth, Das Problem des Ursprungs in der platonischen Philosophie], in: Landeskirchliche Blätter. Halbmonatsschrift der Landeskirchlichen Vereinigung in Baden, Mannheim 1924, Nr. 6/7, S. 6 📖: «Einprägen wollen wir uns die Schlußworte Barths…» (folgt das in Anm. 14 wiedergegebene Zitat).↩
16
Hervorhebung von Barth.↩
17
P. Jaeger, a.a.O., S. 18 📖: «Das ‹Innseits›… Es schadet nichts, wenn die Menschen über das ungewohnte Wort ein wenig stolpern, es für einen Druckfehler oder ein bloßes Wortspiel halten.»↩
18
Vgl. B. Dörries, Der Glaube an die Welt, Königstein/Leipzig 1921 📖, wo auf S. 3 das – in Umkehrung von 1. Joh. 2,15 formulierte – Leitwort lautet: «Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt ist: Habt nicht lieb die Welt! Ich aber sage Euch: Habt lieb die Welt und was in der Welt ist. So jemand die Welt nicht lieb hat, in dem ist nicht die Liebe des Vaters.»↩
19
P. Jaeger, a.a.O., S. 21 📖 (der aus dem Gedicht «Vermächtnis» (1829) von J. W. von Goethe 📖 zitiert): «An allen Wendepunkten der Geistesgeschichte steht die Forderung des Umdenkens, der Umkehr, d. h. der Einkehr. Wie ein allgeltender Aufruf kommt es aus unsrer klassischen Literatur: ‹Sofort nun wende dich nach innen!›»↩
20
A.a.O., S. 36 📖: «So viel verschiedene Grenzen es gibt, so viel verschiedene Arten des Jenseits, deren Bekämpfung einfach sinnlos wäre. Denn es gibt ein offenbares Jenseits der Wahrnehmungsfähigkeit (für Geruch, Licht, Schall usw.), … ein Jenseits der Sinnlichkeit und ein Jenseits des Bewußtseins und der Erfahrung …» – S. 30: «Jener deutsche Philosoph hat sich in seiner Ausdrucksweise an den Sprachgebrauch des Positivismus angeschlossen, jener Richtung, die das Gegebene, Tatsächliche, wissenschaftlich und vor allem naturwissenschaftlich Erkennbare für das allein Wirkliche hält.» – S. 33 (Anm.): «Nach der von vielen idealistischen Denkern angenommenen Ausdrucksweise ist Gott ‹nicht wirklich›, d. h. er gehört nicht zu der wissenschaftlich nachweisbaren Wirklichkeit.»↩
21
A.a.O., S. 104 📖: «Der Tod rast rings um uns her mit unwiderstehlicher Gewalt. Aber wenn wir mit unserm Innersten ins Innerste des Lebens dringen, – innseits – da ist es ganz stille. Da ist der Mensch mitten im Tode in Gott geborgen.»↩
22
A.a.O., S. 94 📖: «Erst wenn die Binde des positivistischen Wirklichkeitsbegriffes uns von den Augen genommen ist, offenbart sich die leuchtende Wirklichkeit der geistigen Welt.»↩
23
A.a.O., S. 17 📖: «Wir lesen bei Novalis ein Wort, das klar in dieselbe Richtung weist: ‹Nach innen geht der geheimnisvolle Weg. In uns oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit und Zukunft.›» Vgl. Novalis, Fragmente, in: Novalis Schriften, hrsg. von J. Minor, Bd. 2, Jena 1907, S. 114. 📖↩
24
Unter Zitierung eines Abschnittes aus J. W. von Goethe, Faust I, V. 1607–1621 📖 schreibtJäger a.a.O., S. 16 📖: «Aber das Wort von der ‹verrannten Aussicht› [scil. ins Jenseits] ist nicht das letzte in dieser Sache. Auch nicht des Dichters letztes Wort. Das lösende Wort hat er vielmehr vorher schon gefunden und durch den Geisterchor verkündigen lassen.
Weh! weh!
Du hast sie zerstört,
Die schöne Welt,
Mit mächtiger Faust;
Sie stürzt, sie zerfällt!
Ein Halbgott hat sie zerschlagen!
Wir tragen
Die Trümmer ins Nichts hinüber,
Und klagen
Über die verlorene Schöne.
Mächtiger
Der Erdensöhne,
Prächtiger
Baue sie wieder,
In deinem Busen
Baue sie auf.
Hier ist ein neuer Ausblick: innseits! Mag ‹nach drüben› die Aussicht verrannt sein, wenn uns nur diese Aussicht bleibt: nach innen.»↩
25
Die beiden Mottos auf dem Titelblatt lauten: «‹Es ist inwendig in euch.› Ev. Luk. 17,21 – ‹Im Innern ist ein Universum auch.› Goethe». Jaeger zitiert a.a.O., S. 19 📖 nochmals Lk. 17,21 und fährt dann fort: «Das ist in der Tat nichts andres als eine energische Umbiegung der Jenseitsgedanken nach innen. Aber wie schwer hat es dies klare Wort Jesu, sich in der Christenheit durchzusetzen bis auf diesen Tag!»↩
26
H. Barth, a.a.O., S. 20. 📖↩
27
Vgl. z. B.S. 91 📖: «So steht hinter der gewissesten Wirklichkeit meines Ich, ohne das die ganze andere Welt hinfällt, der wirkende Wille aller Wirklichkeit, das Allerwirklichste, der Allerwirklichste: Gott.»↩
28
A.a.O., S. 19 📖: «Wir brauchen dringend solche Warnung vor verkehrter Richtung. Draußen im All ist nichts, – nicht was wir suchen.»↩
29
A.a.O., S. 24 📖: «Der Gott der Frommen ist die unendliche Innigkeit. Er ist es, der die ganze Welt im Innersten zusammenhält, – die ganze Welt, und darum doch wohl auch die Welt der Geister.»↩
30
Unmittelbar vor Abfassung dieses Textes (in den Kollegstunden vom 24.6. bis 1.7.1924) hatte Barth den § 7 («Der Glaube und der Gehorsam») seiner Dogmatikvorlesung («Unterricht in der christlichen Religion», Bd. I: Prolegomena. 1924, hrsg. von H. Reiffen, Zürich 1985, S. 207–244) 📖 vorgetragen.↩
31
K. Barth, Der Römerbrief, München 19223 📖 (= 2. Auflage der Neubearbeitung), S. 70 (in der 1. Auflage der Neubearbeitung S. 72).↩
32
Jaeger meint hier wohl die Mitgliedschaft in der «Vereinigung der Freunde der Christlichen Welt» (vgl. oben S. 144, Anm. 2).↩
33
K. Barth, Der Christ in der Gesellschaft 📖, W. G. Th., S. 53 📖 (Anfänge I, S. 22 📖).↩
34
W. Shakespeare, Troilus und Cressida (1603), 5. Aufzug, 3. Auftritt. 📖↩
35
J. W. von Goethe, Faust I (V. 309f.) 📖, Prolog im Himmel:
Wenn er mir jetzt auch nur verworren dient,
So werd’ ich ihn bald in die Klarheit führen.
↩
36
Vgl. das Lied von N. L. Graf von Zinzendorf «Herz und Herz vereint zusammen» (EKG 217, 6. Strophe; KGB 327, 5. Strophe) 🎵:
… wir als die von einem Stamme,
stehen auch für einen Mann.
↩
37
«Nolite, o filii, conturbari, quia nubicula est et cito pertransibit.» Worte des Athanasius im Jahre 362 bei Antritt seiner vierten, von Kaiser Julian Apostata veranlaßten Verbannung (zitiert nach H. Freiherr von Campenhausen, Griechische Kirchenväter, Urban Bücher Nr. 14, Stuttgart 1955, S. 81 📖; nach Rufin).↩