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ANTWORT AN PAUL JAEGER
1924
Auf eine Schrift von Paul Jaeger1 mit dem Titel «Innseits. Zur Verständigung über die
Jenseitsfrage
📖»2
hatte Barth im Tambacher Vortrag «Der Christ in der Gesellschaft» (1919) polemisch
angespielt3, ohne den Namen des Autors
zu nennen. Der Vortrag wurde 1924 unverändert wieder abgedruckt in Barths erster
Aufsatzsammlung.4
Jaeger hatte daraufhin einen kleinen Artikel
mit dem Titel «Zur Jenseitsfrage» an Martin
Rade gesandt zur Veröffentlichung in der «Christlichen Welt». Am 1. Juli 1924
leitete Rade jenes «Artikelchen» «in der
Korrektur» an Barth weiter mit der Bemerkung: «Von Dir finde ich unbegreiflich, daß Du den
Hieb auf Jaeger so ohne jede Schutznote wieder abgedruckt hast. Ich gebe Dir natürlich
Gelegenheit, zu Jaegers Beschwerde Dich
gleichzeitig zu äußern. Dazu schicke ich Dir die Fahne und erbitte sie binnen 5 Tagen
zurück. Mehr wie ein pater peccavi wirst Du m. E. dazu nicht sagen können.»5 Am 7. Juli sandte Barth seine «Antwort an Paul Jaeger» an Rade: «Jaeger hätte diese bald 5
Jahre alte Sache wirklich besser ruhen lassen. Hat er denn unsere Sachen gar nicht
gelesen, daß er so naiv sein kann, nicht zu merken, daß sich durch die Betonung des
Begriffs ‹Richtung› Alles nur noch verschlimmert?»6 Der Abdruck von Barths
Entgegnung verzögerte sich dann jedoch. Am 8. Juli teilte Rade ihm mit: «Deine Antwort ist ja dankenswerter Weise ganz pünktlich
eingetroffen, aber sie ist so lang geraten, daß sie nun noch 14 Tage warten muß.«7 Den |382 «kleinen Skandal»8 schloß dann Jaeger mit der Replik «An
Karl Barth»9 ab.
Zur Jenseitsfrage
In den Jahren kurz vor dem Kriege bezeichnete Art[h]ur Drews in öffentlichen Vorträgen Galilei und Kopernikus als die «Mörder der christlichen Idee»10. Die Zerstörung des alten Weltbildes erschien ihm offenbar als die Vernichtung des
christlichen Transzendenzgedankens.
Denn da der Begriff «jenseits» nur an einer deutlichen Grenze entstehen
kann, so mußte wohl der Eindruck der Grenzenlosigkeit der Welt den
Gedanken eines Jenseits des
Grenzenlosen unmöglich machen, – wenn man das Jenseits draußen suchte.
Daß der Sinn der Welt nur am Überweltlichen (trans mundum) aufgehen kann; daß wir also,
wenn leben so viel ist als im Sinn leben, im Logos leben, der «nicht von
dieser Welt ist», – das ist längst ausgesprochen. Der Krieg aber zeigte vollends jedem
Nachdenklichen die Unmöglichkeit der «reinen Immanenz» und offenbarte die Sinnlosigkeit
dieses Daseins, wenn ihm nicht das Transzendente leuchtet.
Diesen Gedanken nachdrücklich zu unterstreichen war die Aufgabe einer kleinen im Kriege
erschienenen Schrift «Zur Verständigung über den
Jenseitsgedanken
📖».11 Denn wenn sogar ein Philosoph von Fach wie Art[h]ur Drews dem christlichen Jenseitsgedanken
verständnislos gegenüberstand, so durfte man sich über die Verwirrung in nicht so
denkgewohnten Gemütern keine Illusionen machen. Darum schien mitten in den Kriegswirren
die Aufgabe dringend geworden, Verwirrten zurechtzuhelfen und ihnen, wenn möglich, den Weg zu zeigen zur Jenseitsgewißheit.
Um die Richtung des Jenseits-Denkens möglichst scharf zu kennzeichnen,
trug jenes Schriftchen den Titel «Innseits». Als Mahnung zur Verinnerlichung der
Jenseitshoffnung schien das Wort unmißverständlich.
Aber in einem, später gedruckten, Vortrage macht bald darauf der damalige Schweizer
Pfarrer, jetzige Göttinger Professor Karl Barth die spöttische
Bemerkung, ein deutscher Theologe habe «im Kriege die Entdeckung gemacht», daß man statt
Jenseits hinfort besser «Innseits» sagen sollte, und
fügte hinzu: «wir hoffen aber lebhaft, daß dieses mehr schlangenkluge, als
taubeneinfältige Wortspiel keine Schule mache. Nein, nein, antworten wir, geht uns, ihr Psychiker, mit eurem Innseits. Apage Satanas! [Mt. 4,10]. Jenseits, trans, darum grade handelt
es |383 sich, davon leben wir. Wir leben von dem, was jenseits des
Reiches der Analogien ist, zu dem auch unser bißchen Innseits gehört.»12
Wir wollen hier nicht davon reden, daß Jesus uns mit der Anrede «Unser Vater» nicht
jenseits des Reiches der Analogien gestellt hat, sondern in die Analogie der Kindschaft
mitten hinein. Aber der Ausdruck «unser bißchen Innseits» zeigt deutlich, daß Barth nicht
gemerkt hat, daß es sich nur um die Richtung des Suchens handelt, nicht
um unsre arme, engbegrenzte menschliche Innenwelt. Denn «ein bißchen Richtung» – das kann man wohl sagen, aber nicht denken. Barth aber hält sich an
sein offenbares Mißverständnis und meint, er müsse den Verfasser, der schon für die
Unentbehrlichkeit des Jenseitsgedankens gekämpft hatte, als Barth noch gar nicht
angefangen hatte, zu theologisieren, darüber belehren, daß es sich um das trans handle,
eben um das, was in dem Schriftchen zur Verständigung über die Jenseitsfrage gezeigt
werden sollte.
Obgleich Barth nachher öffentlich von Erich
Foerster darauf aufmerksam gemacht worden war, daß er den Unrechten
getroffen habe13, hat er
soeben jene belehrenden Bemerkungen samt dem verletzenden Worte vom «schlangenklugen
Wortspiel» ohne 580 jede Einschränkung in einer Sammlung von Aufsätzen wiederholt, und
sein Bruder Heinrich Barth hat
ihm inzwischen sekundiert, indem er in seiner Schrift über «Das Problem des Ursprungs in der platonischen Philosophie
📖» von Theologen spricht,
die «das Jenseits preisgegeben und verflacht haben zum Innseits der
religiösen Psychologie»a/14, – Worte, die Dr. Karl Anton in den «Landeskirchlichen Blättern» 1924,
Nr. 6/7
📖 u. a. zur Einprägung empfiehlt.15
384 Die Anklage gegen den Verfasser von «Innseits» lautet also auf Preisgabe des
Jenseitsgedankens und Verflachung zum Innseits der religiösen Psychologie.
Das behaupten die beiden Brüder Barth, obgleich sie in dem verpönten Schriftchen folgende
Stellen, nicht nebenbei, sondern im Sperrdruck gelesen haben müssen:
S. 18: «Wir können über das Jenseits nur dann zum Frieden kommen, wenn wir uns über das
Innseits verständigt haben» (d. h. über die Richtung der
Jenseitsgedanken).
S. 34: «Auch das Innseits ist ein Jenseits.» (d. h. es führt über alle
bloß menschliche Innerlichkeit unendlich hinaus).
Und was die «Verflachung» anlangt, so ist auf S. 111 ausdrücklich von der «völligen Unbegreiflichkeit Gottes» und dem totaliter aliud, dem völligen Anderssein des Jenseits die Rede.
Ein Irrtum in der Auffassung kann Jedem einmal unterlaufen. Aber nachdem Professor Barth
es soeben fertig gebracht hat, sein wegwerfendes Urteil über das von ihm nicht verstandene
«satanische Wort» Innseits noch einmal uneingeschränkt in die Welt hinausgehen zu lassen,
ist wohl von ihm keine Berichtigung mehr zu erwarten. Daß er das Richtungswort Innseits
ablehnt, ist sein gutes Recht, und ob er das Jenseits draußen sucht, ist
seine Sache. Er hat aber kein Recht, einem Mittheologen eine Auffassung zu unterstellen,
die dieser längst selber bekämpft hat.
Es gibt für die Jenseitsgedanken nur zwei Möglichkeiten: nach innen zu oder nach außen.
Wir halten es nach wie vor mit der Metanoia, – der Wendung nach innen. Darum sagten wir:
innseits.
Antwort an Paul Jaeger
Es tut mir leid, nicht in der Lage zu sein, als derjenige von den Brüdern Barth, der
diesmal als Anstifter in Betracht kommt, «Pater peccavi» [Lk. 15,18 Vulg.] sagen zu können. Ich habe Herrn D. Paul Jaeger
immer als einen außergewöhnlich ernst zu nehmenden Vertreter der theologischen «Richtung»
hochgeschätzt, in der ich mit Recht oder Unrecht nicht mehr mitgehen zu dürfen meine, und
es macht mir keine Freude, noch einmal öffentlich gerade ihm widersprechen zu müssen. Aber
ich meine seine Schrift wirklich nicht mißverstanden zu haben. Seine Ausführungen in Nr. 29/30
📖 – in entscheidender Weise die vier letzten
Zeilen! – bestätigen mir, daß er mit seinem «Innseits», gerade als
«Richtungswort» verstanden, etwas meinte, das mit dem, was ich Jenseits |385 nenne, nichts zu tun hat, daß ich darum meinen Protest gegen seine Parole
aufrecht erhalten muß und daß die beanstandeten Sätze, von mir aus gesehen, noch heute
rechtmäßig an ihrem Ort stehen.
Vielleicht bedeutet es immerhin eine Milderung der Situation, die, was das Persönliche
betrifft, auch mir erwünscht ist, wenn ich zunächst zur Exegese jener Stelle aus meinem
Vortragb auf Folgendes aufmerksam mache. Sie fängt an mit den von Jaeger nicht zitierten
Worten: «Wir meinen zu verstehen, was der deutsche Theologe wollte, der
während des Krieges die Entdeckung machte …» Auch wenn Jaeger sich nun gerade nicht verstanden fühlt, wird er doch zugeben, daß das Ganze sich etwas weniger
bösartig liest, wenn man diese Worte nicht unterdrückt. Ferner: Eine Jaeger zugedachte
«Belehrung» konnte doch wirklich (darum habe ich auch damals absichtlich seinen Namen
nicht genannt) nicht die Absicht jener Stelle sein. Ich hatte es, als ich sein «Innseits»
aufgriff, zum Allerwenigsten mit ihm und seiner Schrift zu tun. Seine Parole kam mir aber
gerade recht als prägnanter Ausdruck des theologischen Gedankengangs, von dem ich
demonstrativ Abstand nehmen wollte. «Das hat nun gerade noch gefehlt!», so hat damals
gleich die Ankündigung seiner Schrift auf mich gewirkt. Hatte ich Unrecht, ihren Titel als
typisch herauszugreifen? Sagt Jaeger nicht selber: «Was hierzu gesagt werden konnte, lag sozusagen in der Luft. Es war nur nötig, die verschiedenen Strahlen in
einer Linie zu sammeln»? («Innseits», Vorwort S. V16). War ich verpflichtet, um der Gerechtigkeit willen zu einer kleinen
Rezension auszuholen? Jaeger, der selbst ein Meister ist im Zitieren von fremden Stimmen,
weiß, daß man das nicht immer kann und daß in solchen Fällen Manches, was man im Anschluß
an ein Wort eines Andern im Allgemeinen sagt, der Präzisierung bedürfte,
um als «Belehrung» des Betreffenden, als gerechte Würdigung seines speziellsten Falles
wirken zu können. Gegen das, was «sozusagen in der Luft» lag, gegen die «verschiedenen
Strahlen» der Schleiermachertheologie, die ich in der Linie «Innseits» klassisch
gesammelt sah, schrieb ich jene Sätze, nicht gegen Jaeger im Besonderen, obwohl sie
natürlich auch Jaeger im |386 Besonderen betrafen und (nach meiner
Ansicht von seiner Schrift) noch heute, und zwar ganz genau, betreffen. Und aus noch größerer Ferne von Jaeger im Besonderen ist das beanstandete Wort
meines Bruders geschrieben, was wieder nicht zu hindern braucht, daß es die Sache auch in
Bezug auf Jaeger im Besonderen auf den durchaus zutreffenden Namen bringt. Ferner: Ich
habe nicht gesagt: das «schlangenkluge Wortspiel», sondern wie Jaeger vorher richtig
zitiert: das «mehr schlangenkluge als taubeneinfältige Wortspiel». Das
ist eine Verwendung des dialektischen Gleichniswortes Matth. 10,16, durch die sich jedenfalls ein Theologe nicht
schon an sich (wegen des Wortes «Schlange»!) verletzt zu fühlen braucht. Und was den
Ausdruck «Wortspiel» betrifft, der Jaeger ja nach S. 18 seiner Schrift
selbst durch den Kopf gegangen sein muß17, so wird er doch kaum
bestreiten können, daß «Entdeckungen» wie die seinige (oder wie z. B. die von Dörries in Bezug auf 1.Joh. 2,15 gemachte!18)
jedenfalls formal als «Wortspiele» in Anspruch genommen dürfen, ohne daß damit schon an
sich eine Verletzung des betreffenden Entdeckers gegeben ist. Es gibt ja auch tiefsinnige
Wortspiele. Endlich die Erinnerung, daß auch die Zusammenstellung: «das ‹satanische Wort› Innseits» nicht von mir stammt, sondern von Jaeger.
627 Um das Sachliche eingehend zu begründen: daß ich mich weder durch E. Foerster noch jetzt durch P. Jaegerselbst für dahin
belehrt halte, daß ich «den Unrechten getroffen habe», müßte ich nun doch – und das wird
man hier nicht von mir erwarten – zu einer Besprechung der sehr reichhaltigen und
vielseitigen Schrift «Innseits» übergehen. Ich begnüge mich, den Sinn meiner damaligen
polemischen Anknüpfung gerade an sie ganz kurz zu verdeutlichen. Die Absicht der
Jaegerschen Schrift ist notorisch von A bis Z eine apologetische. Im
Gefecht mit Drews, wie er in Nr. 29/30
📖 selbst berichtet, gibt er die verlorene Position eines Jenseits
«draußen» auf und hält («Sofort nun wende dich nach innen!») «Um|387kehr, d. h. Einkehr» (S. 21)19, innere Abwendung von der «Welt», d. h. von
der «Sinnlichkeit», von dem «naturwissenschaftlich Erkennbaren», von der «nachweisbaren
Wirklichkeit» (S. 29ff.)20, und «dringt»
«mit unserm Innersten ins Innerste des Lebens» (S. 104)21, in «die leuchtende Wirklichkeit der geistigen Welt»
(S. 94)22, ja
zweifellos in die «Ewigkeit», die nach Novalis «in uns oder nirgends» ist (S. 17)23, an einen Ort, wo er sich für «in Gott geborgen» hält, wo es «ganz stille» ist (S. 104). Ich meine wirklich zu verstehen, was mit solchen Wendungen (ich könnte die Zitate
beliebig vermehren) gemeint ist und unter welchen praktischen Gesichtspunkten und
Nötigungen man sich unter Anderm an diesen Gedanken und an der durch sie bezeichneten
Realität freuen und stärken kann. Aber Jaeger findet sich bei diesem Gedankengang nicht
nur einig mit Goethes «lösendem Wort», daß der
«Mächtige der Erdensöhne» die von ihm, dem Halbgott, zerschlagene «schöne Welt» prächtiger
in seinem Busen wieder aufbauen solle (S. 16)24, son|388dern nun auch (Einkehr
= Umkehr S. 21, vgl. den letzten Satz in Jaegers Entgegnung!) mit der biblischen Bußforderung. Das ist’s: die
idealistisch-mystisch-ethische Reaktion gegen den allzu großen Naturalismus der Zeit,
identisch gesetzt mit der evangelischen Metanoia – das mittelst dieser Reaktion entdeckte
Universum im Innern, identisch gesetzt mit dem echten Jenseits des «Reiches
Gottes«, das auf Grund von Luk. 17,21 zum soundsovielten Male «klar» für die «Umbiegung des Jenseitsgedanken nach
innen» sprechen soll (vgl. die beiden Mottos auf dem Titelblatt und S. 19)25, das ist’s, was wir Preisgabe und Verflachung
des Jenseits zum Innseits der religiösen Psychologie nennen. «Wir haben Abwehr nötig gegen
des Geisteslebens religiöse Verehrung», schreibt mein Bruder26 kurz vor der bewußten Stelle, –
gleichviel ob das «Geistesleben» nun mehr ethisch oder wie bei Jaeger mehr mystisch ge|389faßt wird. Ich bestreite, daß sich in der von Jaeger
eingeschlagenen «Richtung» etwas Anderes entdecken läßt als eben – Geistesleben, mit
anderen Worten, daß der Mensch, «innseits» wandernd, anderswohin gelangt als eben (Jaeger
kommt S. 91f. in gefährliche Nähe dieser Einsicht27) zu sich selbst und in allen Tiefen und Untiefen immer
wieder zu sich selbst, in «unser bißchen Innseits».
Daß auch das Innseits ein Jenseits sei (S. 34 – «in deinem Busen»!?),
das kann man nicht durch nachträgliche oder gleichzeitige Beteuerung glaubwürdig machen,
nachdem man sich durch das starr-undialektische Entweder-Oder: «nach innen zu oder nach
außen» (siehe oben!) und durch die fluchtartige Entscheidung für das Entweder die
Möglichkeit dazu schon im Ansatz genommen hat. In einem echten «Jenseits», in dem trans,
von dem ich in jenem Vortrag zuletzt zu reden versuchte, müßte offenbar gerade dieses
Entweder-Oder von «Innen» und «Außen», bzw. das der «Richtungen» dahin oder dorthin
ebensowohl gesetzt als aufgehoben, aufgehoben als gesetzt sein. In Beziehung auf das
Jenseits Gottes könnte die Parole «Einkehr» («draußen im All ist
nichts», S. 1928) unmöglich das letzte Wort
sein. Wer von dem echten Jenseits wüßte, der wüßte von einer dritten
«Richtung», die keine «Richtung» des Menschen ist. Die neutestamentliche Lehre von der
Auferstehung der Toten, nach der ich mich in Jaegers Eschatologie vergeblich umsehe, weiß
von diesem Dritten. Ob er nicht letztlich sogar Goethe etwas allzu hemmungslos für seine Parole
in Anspruch genommen hat? Ich klage niemanden an, der sich, im Gedränge mit dem
theoretischen und praktischen Materialismus befindlich, des Feindes nicht anders zu
erwehren weiß, als indem er sich der Gegenseite, einem prometheischen Spiritualismus,
meint in die Arme werfen zu müssen: denn ich weiß zu gut, wie schwer es ist, gerade in den
kritischen Situationen des Pfarramts (wenn auch wahrlich nicht nur da!) in Sachen jener
dritten Richtung, in Sachen des christlichen
Glaubens auch nur wieder buchstabieren zu lernen. Ich protestiere aber mit allen
Mitteln gegen die alles Lernen in Sachen des christlichen Glaubens im Keim abtötende
theolo|390gische Denkgewohnheit, derzufolge von wegen
Apologetik und Seelsorge das «Universum im Innern», dessen Realität ich gewiß nicht
bestreite, dasselbe sein soll wie das neutestamentliche Gottesreich.
Und ebenso höre ich nur Worte – Worte, an deren Aufrichtigkeit ich wirklich keinen Moment
zweifle, aber doch nur Worte –, wenn man von Gottes «völliger
Unbegreiflichkeit» redet (S. 111f.), nachdem man vorher (S. 24) den Gott der Frommen «die
unendliche Innigkeit» genannt hat.29
Kann man denn von einem «Sich richten» dahin oder dorthin sprechen, das nicht auch ein
«Begreifen» wäre, wenn nicht mit dem Verstand, dann eben mit irgendeinem unmittelbaren
Greiforgan? Was hat das Jaegersche «Innseits» 628 gerade als «Richtungswort» für einen
Sinn, wenn nicht den einer Anleitung zum Begreifen Gottes? Können wir «mit unserm
Innersten in das Innerste des Lebens» dringen, dann können wir jedenfalls nicht von Gottes
Unbegreiflichkeit reden. Das könnten wir erst bei der Einsicht, daß es sich im Verhältnis
zum echten Jenseits überhaupt nicht darum handeln kann, dahin oder dorthin (weder nach außen noch nach innen!) uns zu «richten», sondern,
wiederum nicht von daher oder dorther, sondern von Gott (ich brauche nun
auch ein Wortspiel:) gerichtet zu sein, und d. h. zu glauben und zu gehorchen30, was mit aller
mystischen Dringlichkeit gar nichts zu tun hat. P. Jaeger wird mir gewiß
antworten, daß er das so gut wisse wie ich. Worauf ich ihm sage, daß ich ehrlich überzeugt
bin, daß er, der so viel Ältere und Erfahrenere, es sogar sicher sehr viel besser weiß als
ich, aber daß er jedenfalls bei der Abfassung seines «Innseits» und seiner Polemik in Nr. 29/30
📖 nicht daran gedacht zu haben scheint. Ein
bißchen erschütterter müßte sonst der klassische Idealismus sein, der in diesen beiden
Dokumenten zu Worte kommt.
391
Sehr geehrter Herr Professor!
Es scheint mir richtiger, die Sache, die zwischen uns liegt, in direkter Rede zu einem
Abschlusse zu bringen. –
Durch Ihre Ausführungen in Nr. 31/32 ist mir jetzt Eins
klar geworden: daß ich in der Tat bei der Auswahl und Zusammenstellung meiner Zitate zu
sorglos gewesen bin. Wie manche Bibelworte sich wie von selbst mit anderem, höherem Inhalt
füllen können (z. B. Hiob 19,25;
Joh. 13,7 u. a.), so auch Worte
unsrer Dichter und Denkerc. Ich gebe zu, daß darin eine Gefahr liegen kann. Die Gefahr, daß das
Transszendente nicht deutlich vom Transszendentalen, d. h.
Transszendenzartigen unterschieden wird. Als ich die beiden Worte vom
Reiche Gottes und vom «Universum im Innern»
miteinander auf das Titelblatt meiner kleinen Schrift setzte, war das lediglich allgemein präludierend gemeint. Der Gedanke, sie identifizierend zu gebrauchen, also das Reich Gottes, das Jesus verkündigt, mit
dem armseligen Innenleben des Menschen (wie Sie das Universum im Innern zu verstehen
scheinen) gleichzusetzen, ist mir wirklich nicht von ferne gekommen. Ich
sehe nun, daß der Schein in der Tat gegen mich ist. Aber 772 auch nur der Schein. Und ein
Fremder, völlig Unbeteiligter hätte wohl das Recht, sich lediglich auf diesen Schein zu
stellen.
Aber wie ich aus Ihren Eingangsworten sehe, war ich Ihnen gar nicht fremd; wir sind sogar
Glieder des gleichen Freundeskreises32, und dann, meine ich, wäre wohl der Zweifel geboten gewesen, ob ich
wirklich einer solchen Verkümmerung des Evangeliums Jesu fähig sei. Die Möglichkeit, aus meinen Zitaten einen solchen Verdacht zu schmieden, gebe ich zu.
Aber nicht die Notwendigkeit. Wenn man einen Menschen kennt, entsteht die Pflicht, ihn
nicht nach den Worten, sondern die Worte nach dem Menschen zu beurteilen. In dem gleichen
Vortrage, der die harten Ausdrücke enthält, haben Sie das schöne Wort gesagt: «Grade bei
unserer Oppositionsstellung können und müssen wir das viel mißbrauchte: Verdirb es nicht,
es liegt ein Segen drin! [Jes. 65,8] … die verstehende Geduld gegenüber … den Menschen mitnehmen, besser sogar als
die Andern …» (S. 53).33
Deutlich sehe ich nun auch die Entstehung Ihrer schroffen Abweisung. Sie sagen ja selbst,
daß Ihnen bei der bloßen Ankündigung meines kleinen Buches das Urteil
von vornherein festgestanden habe. («Das hat nun gerade noch gefehlt!») So hat Ihnen beim
Lesen vorweg jede Unbefangenheit gefehlt und «der schiefe |392
Blick», wenn ich so sagen darf, hat Alles verdorben. Nun freuten Sie sich über jede
formale Möglichkeit, Ihren Verdacht zu bestätigen. Und mit wachsendem Ingrimm sahen Sie
die horrende Identifizierung von Gottesreich und armseliger menschlicher Innenwelt.
Damit war die Weiche gestellt, und nun mußte das Unheil kommen. Nun griffen Sie zu einer
Waffe, die ich nur mit Bedauern in Ihren Händen sehen kann: daß Sie des Anderen ernsteste
Versicherungen abtun mit dem Shakespeareschen
«Worte, Worte, nichts als Worte!»34
Sie wissen, daß diese unbillige, aber billigste Waffe Jeder schwingen
kann, und daß sie der Tod aller wirklichen Verständigung ist.
Überhaupt hätte ich gern den ganzen letzten Abschnitt Ihrer Antwort – nicht mir, sondern
Ihnen erspart gesehen. Denn die dialektische Gewandtheit und Kunst, mit der Sie mir das
ernstgemeinte Wort von der völligen Unbegreiflichkeit Gottes in sein Gegenteil umzudrehen
versuchen, ist nicht beneidenswert und macht einen peinlichen Eindruck. Selbst das Wort,
das das vielzermarterte Wort «Liebe» einmal ablösen sollte, das Wort von der «unendlichen
Innigkeit» – nicht der endlichen Innigkeit eines Menschen, sondern der Unendlichkeit der
Gottesgnade – selbst das erscheint Ihnen verdächtig. «Können wir» – so sagen Sie – «‹mit
unserm Innersten in das Innerste des Lebens› dringen, dann können wir jedenfalls nicht von
Gottes Unbegreiflichkeit reden.» Ich habe wirklich nicht gewußt, daß Beten und «in die
Gnad’ eindringen» ein Antasten der Unbegreiflichkeit Gottes sei. – Wohl aber kenne ich die
religiöse Paradoxie: «Schaffet, daß ihr selig werdet …, denn Gott ist
es, der in euch wirket» (Phil. 2,12f.). Allein daß man so nicht immer reden kann, wissen Sie selber. Und daß Gott
nicht in Raum und Zeit ist und daß daher alle menschlichen Richtungsworte («dahin,
dorthin, nach außen, nach innen») nur kümmerliche Notbehelfe gegenüber dem Unfaßbaren
sind, das wissen schon meine Konfirmanden. Wenn Sie aber solche Erwägungen gegen das Wort
Innseits geltend machen, dann müssen wir auch aufhören von den «Tiefen»
der Gottheit und der «Erhöhung» des Herrn zu reden und uns in Schweigen
hüllen. Auch Sie, Herr Professor, werden Ihr «weder nach innen, noch nach außen» wohl
disputandi causa, aber nicht in lebendiger Verkündigung durchführen können. Daß sogar in
dem Gedanken der Erhabenheit und Jenseitigkeit Gottes
der Erdenrest des Räumlichen noch liegt, daran brauche ich Sie nicht zu erinnern. Wir
werden ihn hier nicht los. Dagegen will ich mich gern von Ihnen an die Notwendigkeit
erinnern lassen, «in Sachen des christlichen Glaubens auch nur wieder buchstabieren zu
lernen». Das hängt mit der Unendlichkeit unsres Glückes, der
Gotteskindschaft, zusammen, der gegenüber sich ja auch Luther immer wieder als Abc-Schütze fühlte.
Aber erstaunt war ich über Ihren Satz: «Ich bestreite, … daß der Mensch, ‹innseits›
wandernd, anders wohin gelangt, als eben … zu sich selbst … und immer wieder zu sich
selbst». Das Zu-sich-selbst-Kommen habe ich immer für eine unerläßliche Vorbedingung jeder
ernsten Gotteserkenntnis gehalten. Und vor allem: welcher nachdenkende Mensch kann vor dem
Rätsel seines Ich stehen bleiben, ohne von diesem geheimnisvollen Urdatum unsres Lebens
aus Den zu ah|393nen, von dem dieses datum kommt, und
der schon als der «Geber» der ganz Andere sein muß?
Eben darum, weil mir das immer feststand, ist es ein Irrtum, wenn Sie mich auf die
mystische Seite stellen. Grade wegen der Verwischung der Jenseitsgrenze
hat mich die Mystik von jeher abgestoßen, und aus ähnlichen Gründen habe ich mich – trotz
allem – auch bei Schleiermacher nie recht
heimisch gefühlt.
Doch zum Schlusse. Sie wollen jene Sätze in Ihrem Vortrage voll aufrecht erhalten. Also
auch das Apage Satanas! [Mt. 4,10], Sie wissen, daß Jesus dies Wort gegen einen gottwidrigen Rat
geschleudert hat. Mag das Schriftchen mit dem umstrittenen Titel noch so unzulänglich sein
– gottwidrig war es doch wohl nicht. Denn es wollte aufrichtig allerlei
Verwirrten den Weg 773 zu Gott bahnen helfen. Das echte Jenseitserlebnis
verleiht kein Mensch, das hat Er sich selber vorbehalten. Und den Aufrichtigen läßt
er es immer noch, auch auf recht unvollkommenen Wegen, gelingen [vgl. Spr. 2,7]. Wenn ich auch vielleicht in Ihren
Augen diesem Gott nach dem Goetheworte «nur verworren diene»35, so ist es doch wohl derselbe lebendige Gott, vor dem auch Sie
stehen. Dieser Gott ist das echte Jenseits, – auch wenn es für den
Menschen Stufen der Jenseits-Erkenntnis gibt. Wer mir nachsagt, daß ich das echte Jenseits
preisgebe und zum Innseits der religiösen Psychologie verflache, der rührt damit in aller
Öffentlichkeit an meine christliche Theologenehre. Wäre es wahr, was Sie sagen, so hätte
ich vielleicht noch ein Recht, zu sagen: Unser Vater!, aber nicht mehr mit der Gemeinde zu
bitten: Unser Vater in dem Himmel! [Mt. 6,9]. Ich will daher lieber annehmen, daß Sie – durch meine
Zitate verführt – trotz Ihrer Versicherung die eigentliche Absicht meiner Schrift doch
nicht erkannt haben. Denn sonst müßte ich Sie daran erinnern, daß man nicht falsch Zeugnis
reden soll wider seinen Nächsten [vgl. Ex. 20,16]. Ich möchte darum in Anlehnung an den letzten Satz Ihrer Antwort
sagen: ein wenig erschütterter sollte Ihr Gewissen sein im Gedanken an den schwersten
Vorwurf, den man gegen einen Verkündiger der christlichen Hoffnung erheben kann.
«Es hat alles seine Zeit» – sagt der Prediger Salomo – «auch Streit und Frieden haben ihre Zeit»
[Pred. 3,8]. Dieser Brief wäre unvollständig,
wenn ich Ihnen, der Ältere dem Jüngeren, nicht über alle vergänglichen Gräben hinweg doch
auch herzlich danken wollte für so manches wahre Wort. Es muß ja sein, daß die Jüngeren
Vieles anders sehen, als wir Älteren. Es ist wertvoll und notwendig, daß sie Gefahren
sehen, wo wir, mit Anderem beschäftigt, keine sahen. Wo kämen wir hin, wenn es nicht so
wäre! Ich habe Ihr hartes Urteil jahrelang gekannt; es hat mich nicht gehindert, auf Sie
zu hören und für das Recht Ihrer Botschaft einzutreten, soweit ich konnte, – weil ich
weiß, daß Sie und Ihre engeren Freunde einen Auftrag haben. Wir Älteren freilich, in aller
Bescheidenheit, auch. Aber ohne gegenseitige Geduld wird es nicht gehen. Wir sind ja doch
von Einem Stamme36.
394 Und darum lassen Sie den Älteren mit dem Hoffnungsworte schließen: Nubicula est,
praeteribit.37